Augmented Reality Made In Germany – Im Porträt: Ubimax CEO Dr. Hendrik Witt

Next Big Think Okt. 02, 2020

Sie sind am Verzweifeln. Seit einer halben Stunde werkeln Sie an Ihrem neu erstandenen IKEA-Schrank, Modell PAX. Das kann doch alles nicht richtig sein. Da fehlen doch mindestens drei Schrauben. Oder doch nicht? Sie sind in jedem Fall mit Ihrem Latein am Ende. Statt die Gebrauchsanweisung kleinteilig zu studieren, greifen Sie zu Ihrer Augmented Reality (AR)-Brille und rufen die IKEA-Servicehotline an. Ein Mitarbeiter kann auf das zugreifen, was Sie sehen. Er führt Sie Schritt für Schritt durch den Aufbau Ihres hölzernen Endgegners - mit Videoanleitungen, Skizzen und Notizen. Nach zehn Minuten steht Ihr Schrank, alles sitzt, nichts wackelt. Im Unternehmenskontext sind Anwendungen wie diese schon längst keine Zukunftsmusik mehr. Das Bremer Start-up Ubimax bietet Rundumlösungen für Augmented Reality in der Industrie, die eine Fernwartung und vieles mehr möglich machen.

Der Gründer

Hendrik Witt studierte an der Universität Bremen und dem Georgia Institute of Technology Informatik. Im Jahr 2002 hatte ein Professor von Witt eine Datenbrille aus den USA mitgebracht und zog ihn damit direkt in den Bann. Damals war Witt als studentische Hilfskraft an der Universität Bremen tätig. Er startete ein Projekt für den Einsatz von Wearables in der Industrie. Wearables sind Computer, die direkt am Körper getragen werden. In einer ersten Forschungsarbeit beschäftigte sich Witt mit der Unterstützung von Wartungsarbeiten von Windkrafträdern durch Wearables. Die Thematik beschäftigte ihn bis zu seiner Promotion. Insgesamt forschte der gebürtige Bremer ein Jahrzehnt in diesem Bereich.

Im Jahr 2004 war er Teil eines großen EU-Projekts. “Wear IT at Work” wurde mit 40 Millionen Euro Budget gefördert. Untersucht werden sollte der Einsatz von tragbaren, technischen Geräten in der Arbeitswelt.

Nach Beendigung des Projekts stieg Dr. Witt bei der Strategieberatung Arthur D. Little ein, für die er vier Jahre lang tätig war. Er beriet Konzerne in Fragen zu Organisation, IT-Strategien und Innovationen. Hier lernte er Percy Stocker und Jan Junker kennen, mit denen er ein paar Jahre später Ubimax gründen würde.

Die Anfänge

Witt, Stocker und Junker verließen gemeinsam Arthur D. Little und gründeten im Jahr 2011 eine eigene Beratung:  xCon Partners. Mit dieser Unternehmung sammelten sie das nötige Startkapital für ihr Tech-Unternehmen. Im Jahr 2014 riefen sie Ubimax ins Leben. Das Tech-Start-up mit Hauptsitz in Bremen stellt Soft- und Hardwareprodukte rund um Augmented Reality für die Industrie her. Der Name Ubimax setzt sich aus den Worten "ubiquitous" und "max” zusammen. Ubiquitous steht für allgegenwärtig, max ist die Kurzform von Maximum.

Wir wollen gerne das neue Microsoft Office für den Handwerker werden.

Ubimax bietet derzeit Lösungen für die Fertigung, Kommissionierung, Remote Support, Wartung und Instandhaltung an. Unter anderen die Ubimax Frontline - eine Datenbrille, die hilfreiche Informationen in das Sichtfeld von Handwerkern und Fabrikarbeitern eingeblendet. Diese haben so die Hände frei und können sich voll und ganz auf ihre Aufgaben konzentrieren. Die digitale Arbeitsunterstützung kann helfen den Prozess zu beschleunigen und Fehlern vorzubeugen – in Form von Weg- und Positionsinformationen oder konkreten Arbeitsanweisungen in Schrift-, Bild- oder Videoformat sein.

Ubimax Frontline steigert nicht nur die Produktivität der Angestellten, sondern trägt auch dazu bei, ihre tägliche Arbeit attraktiver zu gestalten.

Der Aufstieg

In den ersten Jahren wuchs Ubimax über das gesammelte Startkapital heran. Im Jahr 2016 investierten Atlantic Bridge Capital und Westcott LLC in das Unternehmen. Bereits im Oktober 2019 konnte Ubimax selbst ein Unternehmen aufkaufen. Sie übernahmen ESSERT, einen Hersteller für AR-basierte Fernwartungslösungen. Mittlerweile hat das Start-up aus Bremen Standorte in München, Frankfurt am Main, Bruchsal, den USA und Mexiko und mehr als 200 Unternehmenskunden weltweit. Darunter große Namen wie Siemens, Volkswagen, DHL und Airbus. In den USA arbeiten alle 400 BMW-Werkstätte flächendeckend mit der Remote Support-Lösung von Ubimax. So können Monteure zu Ingenieuren Kontakt aufnehmen und das Wissen verschiedener Personen wirksam verknüpft werden. Der Support erfolgt dabei nicht nur über Audio. Dem Arbeiter vor Ort können detaillierte Baupläne und Videomaterial an die Hand gegeben werden.

Im Mai 2020 investierte die Optikerkette Fielmann in Ubimax. Strategisch wollten die Firmen gemeinsam AR-Brillen mit Sehstärke produzieren. Im Juli 2020 hat Dr. Witt das Unternehmen jedoch für 136,5 Millionen Euro an TeamViewer verkauft. TeamViewer ist ein Anbieter für Remote-Software aus Göppingen.

Mit der Übernahme von Ubimax wird TeamViewer sein Angebot für große Unternehmenskunden ausbauen und die Digitalisierung von Produktionsbereichen beschleunigen.

Dr. Witt verbleibt auch nach der Übernahme in der Position des Geschäftsführers. Die Übernahme war der erste Unternehmenskauf in der Geschichte von TeamViewer. Das Unternehmen hat auch die Fielmann-Anteile übernommen. Die Zusammenarbeit mit dem Brillenhersteller ist jedoch weiterhin geplant. Mit Blick auf die Möglichkeiten der Fernwartung mit Ubimax-Brillen ist die Übernahme durch TeamViewer eine Investition in die Zukunft. Denn schon bald könnte das gängige Device nicht mehr der Rechner oder das Smartphone, sondern die AR-Brille sein.

Also ich bin fest davon überzeugt, dass diese Technologie -  Augmented Reality und Wearable Computing - ein fester Bestandteil der Arbeitswelt wird.

Nach Ansicht des Gründers wird dies schon in den nächsten Jahren der Fall sein. Nachdem die Technologie in die Arbeitswelt vorgedrungen ist, wird der Consumer-Markt folgen.

B2B ist der Treiber und B2C wird früher oder später nachziehen.

Wenn es nach Dr. Hendrik Witt geht, werden wir schon bald in Tag starten, indem wir unsere Datenbrille aufsetzen - anstatt am Morgen auf unser Smartphone zu schauen.

Über das Unternehmen:

  • Ubimax 2014 in Bremen gegründet
  • Anbieter für Augmented Reality Hard- und Software für die Industrie
  • Soll Arbeitshilfe für Handwerker sein und bei Fertigung, Kommissionierung, Remote Support, Wartung und Instandhaltung unterstützen
  • Unternehmen 2020 von TeamViewer aufgekauft

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Sarah Kolberg

Sarah Kolberg ist Redakteurin bei fintechcube und hat sich in ihrer bisherigen Laufbahn vor allem mit der digitalen Transformation im Public Sector beschäftigt.