Im Porträt: Banjo CEO Damien Patton

Next Big Think Mai 08, 2020

Ein Visionär mit dunkler Vergangenheit

Die Mission von Banjo-Gründer Damien Patton ist es, mit Technologie Menschenleben zu retten, indem Verbrechen rechtzeitig erkannt und terroristische Anschläge verhindert werden. Dafür nutzt Banjo künstliche Intelligenz, um Daten aus sozialen Medien in Echtzeit auszuwerten und relevante Ereignisse und Entwicklungen anhand von Anomalien zu identifizieren.

Doch auch wenn Damien Patton die Zukunft damit sicherer gestalten und die Menschen vor Terror bewahren möchte, kann er die Taten vergangener Tage nicht ungeschehen machen.

Das Porträt von Damien Patton ist die Geschichte eines Visionärs und Selfmademan, der von seiner eigenen dunklen Vergangenheit eingeholt wird.

Der Gründer

Damien Patton wurde am 11. Juli 1972 in Los Angeles geboren. Nachdem sich seine Eltern scheiden ließen und er mit 15 Jahren von zu Hause auszog, lebte Patton laut eigenen Angaben zunächst auf der Straße und in verlassenen Gebäuden in Hollywood.

Sein Leben nahm erst eine Wendung zum Positiven, als er mit 18 Jahren in die Marine eintrat und zwei Jahre als Soldat diente. Anschließend arbeitete Patton unter anderem als Mechaniker bei Nascar-Autorennen und als Ermittler in der Spurensicherung. Schließlich brachte er sich selbst das Programmieren bei und begann nach einer Inspiration für ein eigenes Start-up zu suchen, um etwas Großes aufzubauen.

Die Anfänge

Die erste Idee hatte Patton im Jahr 2009, als er am Flughafen von Boston einen alten Freund aus Marine-Zeiten um wenige Minuten verpasste. Patton träumte von einer Smartphone-App, mit der sich Freunde über verschiedene soziale Netzwerke hinweg orten können und die dem Nutzer in Echtzeit mitteilt, wenn sich einer seiner Kontakte in der Nähe befindet.

Zunächst entwickelte Patton „Peer Compass“. Mit dieser App sollten sich Freunde leichter finden und untereinander austauschen können. Letztendlich missfiel Patton die Messaging-App aber, weil sie aus seiner Sicht zu wenig innovativ war. Daraufhin stampfte er das Projekt im April 2011 wieder ein.

Der Aufstieg

Im selben Monat mietete Patton ein Haus am Strand in Kalifornien und programmierte innerhalb von 72 Stunden die erste Version von Banjo. Das System scannte permanent die Daten von Social Media-Feeds und ortsbasierten Diensten, um Aktivitäten und Kontakte anzuzeigen, die sich in der näheren Umgebung des Nutzers befinden.

Die kostenlose Endkunden-App von Banjo gewann schnell eine Million Nutzer und das Start-up konnte eine erste Finanzierung über 800.000 US-Dollar abschließen. Ende 2012 hatte sich die Reichweite der App bereits auf 3 Millionen Nutzer in 194 Ländern gesteigert.

Der Anschlag auf den Boston Marathon im April 2013 veränderte das Geschäftsmodell von Banjo grundlegend. Damien Patton und seine 12 Mitarbeiter bemerkten, dass sie auf das Ereignis mit ihrer Plattform schneller aufmerksam wurden als die Presse - und sogar die Polizei. Banjo konnte durch den Einsatz von ortsbasierten Daten gezielt die relevanten Ereignisse und Entwicklungen herausfiltern. Dazu analysierte das System, an welchen Orten Abweichungen zu den dort üblichen Social Media-Aktivitäten auftraten.

Doch wie funktioniert das?

Banjo teilt die Erde in rund 35 Milliarden Fußballfelder auf und scannt in diesen Feldern permanent Daten wie Nachrichten, Fotos und Videos aus dutzenden sozialen Netzwerken wie zum Beispiel Facebook, Foursquare, Instagram und Twitter. Dabei setzt Banjo künstliche Intelligenz sowohl zur Spracherkennung als auch zur Bilderkennung ein.

Dank der großen Masse an ortsbasierten Daten kann Banjo sehr genau bestimmen, wie sich die durchschnittlichen Social Media-Aktivitäten an einem normalen Tag in jedem Feld verteilen. Sobald Anomalien oder Abweichungen auftreten, weil sich die Aktivität plötzlich sprunghaft erhöht, bestimmte Nachrichten (wie zum Beispiel Drohungen) oder Bilder (zum Beispiel von einer Explosion) vermehrt erkannt werden, schlägt das System automatisch Alarm.

Als Damien Patton das Potential seiner Technologie erkannte, stoppte er die Weiterentwicklung der Endkunden-App und startet Banjo Enterprise als Service für Geschäftskunden. Auch wenn der Umsatz 2014 noch unter einer Million US-Dollar lag, sammelte Banjo in einer Finanzierungsrunde 16 Millionen US-Dollar ein und gewann namhafte Unternehmen wie NBC, ESPN, Anheuser Busch und BBC als neue Kunden.

Der japanische Investor Softbank stellte Banjo 2015 in einer weiteren Finanzierungsrunde 100 Millionen US-Dollar zur Verfügung. Dadurch konnte Patton neue Analysten und Entwickler einstellen und seine Plattform massiv weiterentwickeln. Damien Patton beschrieb Banjo selbst als eine Software, die den Laptop zu einer Drohne mache und vom Schreibtisch aus in alle Ecken der Welt gelenkt werden könne.

Im Jahr 2019 wechselte Patton erneut die Ausrichtung des Unternehmens und stellte das System „Live Time Intelligence“ vor, um sich fortan auf das Thema öffentliche Sicherheit zu konzentrieren. Er begründete in einem Interview seinen Schritt damit, dass die beste Nutzung von Banjo darin bestehe, Menschen zu schützen und Straftaten zu verhindern:

Unter dem Strich setzen wir Technologie ein, um Ersthelfern dabei zu helfen, Leben zu retten und menschliches Leiden zu reduzieren.

Die Lösung von Banjo ist insbesondere für den Einsatz in der „vorausschauenden Polizeiarbeit“ (Predictive Policing) interessant. Sie verknüpft Daten aus sozialen Netzwerken mit Videoaufnahmen aus Überwachungskameras, Notrufsystemen und Bewegungsdaten von Fahrzeugen und wertet diese Informationen in Echtzeit aus. Denkbare Einsatz-Szenarien sind etwa Kindesentführungen, Terrorismus, Schießereien oder organisierte Kriminalität rund um den Drogenhandel.

Der Durchbruch für „Live Time Intelligence“ erfolgte im Juli 2019, als Banjo einen Fünfjahresvertrag mit dem Bundesstaat Utah über 20,7 Millionen US-Dollar unterzeichnete.

Banjo entwickelt im Auftrag des Staates praktisch eine Echtzeit-Überwachungskarte für Polizeibehörden in ganz Utah. Dafür hat Banjo eigene Server in Utahs Verkehrsbehörde installiert und von dort aus Zugriff auf tausende Kameras, die im Bundesstaat verteilt sind. Darüber hinaus hat Banjo auch Zugriff auf die Notrufsysteme in Utah.

Datenschutzbedenken von Kritikern kontert Banjo mit dem Hinweis, dass ihr System der Polizei nur hilft, Notfälle und Verbrechen aufzuklären, nicht Kriminelle dingfest zu machen. Laut eigener Aussage von Banjo werden keine einzelnen Personen identifiziert und alle persönlich identifizierenden Informationen entfernt.

Der Fall

Mit seinem neuen Fünfjahresvertrag über 20,7 Millionen Dollar, einem Funding von insgesamt 223 Millionen US-Dollar und seinen 200 Mitarbeitern schien der weitere Aufstieg von Damien Patton und seinem Unternehmen vorprogrammiert.

Das Wirtschaftsmagazins Inc. bezeichnete Banjo als „das wichtigste Social Media Unternehmen, von dem Sie noch niemals gehört haben“.

Doch am 28. April 2020 wurde Banjo schlagartig einer breiteren Öffentlichkeit bekannt, als das Tech-Portal OneZero in einem Artikel aufdeckte, dass Damien Patton als junger Mann bei den Dixie Knights (einer Fraktion des Ku Klux Klan) aktives Mitglied war. Darüber hinaus war er am 9. Juni 1990, im Alter von 17 Jahren, an einem rassistisch motivierten Anschlag auf eine Synagoge in Nashville, Tennessee beteiligt, bei dem glücklicherweise niemand verletzt wurde.

Infolge dieser Enthüllungen stoppte der Generalstaatsanwalt von Utah den Vertrag über 20,7 Millionen US-Dollar mit Banjo. Die Universität von Utah und die Stadt Goshen, Indiana, haben laut OneZero ebenfalls die Verträge mit dem Unternehmen ausgesetzt.

Patton bestätigte seine früheren Missetaten in einer Erklärung gegenüber The Associated Press und sagte, er sei “verloren, verängstigt und verletzlich” gewesen, als er mit 15 Jahren sein Zuhause verließ. Weiterhin sagte er, dass er seine Taten zutiefst bereue und sich bei allen entschuldigt, die er damals verletzt habe.

Ich habe jeden Tag daran gearbeitet, ein verantwortungsbewusstes Mitglied der Gesellschaft zu sein. Ich habe Unternehmen aufgebaut, Hunderte beschäftigt und daran gearbeitet, alle um mich herum gleich zu behandeln. In den letzten Jahren habe ich versucht, Technologien zu entwickeln, die menschliches Leid stoppen und Leben retten, ohne die Privatsphäre zu verletzen. Ich weiß, dass ich meine Vergangenheit niemals löschen kann, aber ich arbeite jeden Tag hart, um Fehler auszugleichen. Das werde ich nie aufhören zu tun.

Es bleibt abzuwarten, wie die Geschichte von Damien Patton und Banjo nun weitergehen wird.

Gregor Puchalla

Gregor Puchalla ist Gründer und Geschäftsführer von fintechcube. Zukunftstrends sind seine Leidenschaft. Gregor hat 15 Jahre Erfahrung auf operativer und strategischer Ebene im Bereich Digitalisierung