Blick in die Zukunft: Künstliche Intelligenz

Next Big Think Jan. 18, 2021

Künstliche Intelligenz (KI) ist in aller Munde. Doch wie geht es mit der Zukunftstechnologie im neuen Jahr weiter? Welche Entwicklungen erwarten uns im Jahr 2021? Wir haben im Jahr 2020 Interviews mit klugen Köpfen aus der Wissenschaft und Wirtschaft rund um das Thema künstliche Intelligenz geführt. Sie haben ihre Vorstellungen mit uns geteilt, den aktuellen Stand der Technologie eingeschätzt und ihre Zukunft prognostiziert.

Künstliche Intelligenz: Wo stehen wir?

Unsere erster Interviewpartner war kein geringerer als der Gründer und Chefentwickler von Rentablo, Dr. Wolfram Stacklies. Rentablo ist eine Plattform zur privaten Vermögensverwaltung und zum Aufbau von Vermögen. Stacklies ist im Unternehmen für die technische Infrastruktur zuständig und der richtige Ansprechpartner, wenn es um künstliche Intelligenz geht. KI kann nach seiner Ansicht Mitarbeiter von lästigen, repetitiven Aufgaben befreien.

Kurzfristig sehe ich für den deutschen Mittelstand das größte Potential in der Automatisierung häufig wiederkehrender Abläufe.

Dennoch trauen sich viele Mittelständer noch nicht an das Thema heran. Schon jetzt wird man von der Begrifflichkeit künstliche Intelligenz regelrecht verfolgt. Kann man dem ganzen überhaupt entfliehen, wenn man auch zukünftig ein erfolgreiches Unternehmen führen möchte? Ist KI nicht vielleicht nur etwas für die großen Firmen, die entsprechende Manpower vor Ort habe?

Man könnte es mit den Worten der Bundeskanzlerin sagen: “Es ist alternativlos”. Jeder Mittelständler muss in die Zukunft schauen und mit KI anfangen.

An KI führt kein Weg vorbei, so der KI-Berater und Autor Peter Seeberg. Gemeinsam mit dem Fachjournalisten Robert Weber gestaltet er den Podcast “KI in der Industrie” und zeigt unter anderen auf, wie und wo maschinelles Lernen bereits Anwendung findet. Ähnlich sieht die Thematik Frank Gessner. Der Serial Entrepreneur programmierte den ersten Online-Shop, gründete zehn Unternehmen und machte unter anderem die Intershop AG und Delivery Hero groß.

Für viele Unternehmen wird der zukünftige wirtschaftliche Erfolg maßgeblich von solchen technologischen Innovationen abhängen.

Doch wie sollen sich Unternehmen solche Innovationen zu Nutze machen? Eine Antwort darauf lieferte unser Interviewpartner Dr. Gregor Heinrich. Er ist Chief Technology Officer bei creditshelf, einem digitalen Mittelstandsfinanzierer.

Mittelständler sollten zunächst KI als digitales Werkzeug verstehen und als Chance sehen, ihre Prozesse, Wertschöpfungsketten und Geschäftsmodelle zu verändern und sich damit im Markt stärker zu positionieren.

Experten sehen aktuell die größten Potenziale in der Prozessoptimierung durch KI-gestützte Systeme, die sich grundsätzlich in allen Industrien umsetzen lässt. Durch künstliche Intelligenz lassen sich Ressourcen und Arbeitszeit einsparen. Beispielsweise ergeben sich für Logistik, Transportwesen und Produktion enorme Potenziale.

Wenn es um das Optimieren von Prozessen geht, ist sie die Expertin. Karina Buschsieweke hat das Berliner Start-up Lana Labs gegründet. Das junge Unternehmen hat sich Process Mining auf die Fahne geschrieben. Sie haben sich auf die Verbesserung von Prozessen und Fehleranalysen mithilfe von künstlicher Intelligenz spezialisiert – ein aussichtsreiches Feld für KI.

Was wir beim Process Mining machen, ist Fehler und unerwünschte Verhaltensweisen in Prozessen aufzudecken. Die Frage, die man sich stellt, ist ja aber nicht, dass ein Fehler passiert ist, sondern warum ein Fehler passiert ist. Genau dieses “Warum” haben wir mit künstlicher Intelligenz bearbeitet.

Das Potenzial der Technologie ist groß. Damit sich dieses voll entfalten kann, ist die Art und Weise der Implementierung der KI wichtig. Thierry Buecheler ist Head of Innovation Strategy and Operations beim Soft- und Hardwarehersteller Oracle. Das Unternehmen hilft unter anderem Mittelständlern dabei, die Technologie für sich nutzbar zu machen.

Wir haben bei Oracle den Ansatz gewählt, dass wir die KI direkt in die Business Applikationen einbauen.

Mehr und mehr Unternehmen integrieren KI-Anwendungen in die eigene Unternehmens-Software und setzen auf die Kombination aus menschlicher und künstlicher Intelligenz. In naher Zukunft werden so vor allem konkrete Anwendungsfälle gelöst und effizienter gemacht.

Wir möchten KI direkt in die Standardsoftware einbauen und bedienbar machen für jedermann und jedefrau.

Der Faktor Mensch ist bei jeder Innovation zu beachten. So müssen die komplexen Programme auch Anwendern ohne KI-Erfahrung zugänglich gemacht werden: Durch intuitive Handhabung und Interfaces. In der deutschen Wirtschaft geht es also in kleinen Schritten voran. Wie sieht es in der Forschung aus? Spielt Deutschland in der Wissenschaft rund um KI vorne mit?

Die KI-Forschung in Deutschland muss sich nicht verstecken. Wir haben eine hervorragende Forschungslandschaft in der KI und auch einige Unternehmen, die in diesem Bereich tätig sind.

Besonders in industriellen Anwendungsbereichen sei die deutsche Forschung stark, so Professor Ingo Timm. Er lehrt Wirtschaftsinformatik an der Universität Trier und ist Experte für kognitive Sozialsimulation.

Künstliche Intelligenz: Was bringen die nächsten Jahre?

Doch wie geht es mit der KI weiter? Oft diskutieren wir die Gefahren der Technologie und denken dabei an dystopische Filme wie Matrix oder iRobot. Doch welcher Fortschritt ist in Deutschland in den nächsten Jahren überhaupt realistisch?

Es wird immer mehr KI geben, die um uns herum in Produkten, Geräten, Gebäuden aber auch Alltagsgegenständen enthalten sind und wir werden diese immer weniger als KI wahrnehmen.

Professor Timm spricht davon, dass die Wahrnehmung der Technologie weniger stark sein wird. Siri und Co werden immer alltäglicher, künstliche Intelligenz immer subtiler.

In den nächsten fünf Jahren werden wir massentauglich Roboter höchstens für spezielle Aufgaben einsetzen. Kleine Anwendungen von KI werden wir in ganz vielen Prozessen um uns herum sehen.

Den Roboter, der uns ein Bier bringt, wird es nach Meinung des KI-Forschers wohl in den nächsten Jahren nicht geben. Doch es gibt Hoffnung. Der Robotikhersteller iRobot arbeitet schon fleißig an einem solchen Modell.

Auch Dr. Wolfram Stacklies glaubt, dass KI für uns immer selbstverständlicher werden wird.

Der Einzug von KI in alle Lebensbereiche wird sich fortsetzen, beruflich wie privat. So wie wir heute selbstverständlich Google “fragen”, werden wir in 10 Jahren selbstfahrende Taxis und selbstplanende Kalender nutzen. Viele Aufgaben wie die Steuererklärung oder die Finanzplanung werden dann nicht mehr von Experten, sondern von intelligenten Programmen erledigt.

Nicht nur selbstfahrende Taxis, selbst fliegende Taxis sind in Arbeit. In Dubai sind bereits erste Testfahrzeuge abgehoben. In Deutschland arbeitet das Münchner Start-up Lilium an Flugtaxis. In einem kleineren Zeitraumen sehen die Experten jedoch vorerst Fortschritte bei digitalen Assistenzsystemen.

Hierbei handelt es sich vor allem um schwache KI. Für spezielle Anwendungsfälle übertreffen sie durchaus die menschlichen Fähigkeiten. Eine gesamtheitliche Nachbildung der menschlichen Intelligenz, die starke KI, wird es in naher Zukunft nach der Meinung von Thierry Buecheler nicht geben.

Aber wir werden meines Erachtens, wenn nicht etwas sehr Überraschendes passiert, noch keine General AI haben, wie sich gewisse Leute das versprechen.

Oft ist die Debatte um KI von der Angst geprägt, dass Arbeitsplätze verloren gehen werden. Viele Standardaufgaben werden in Zukunft von Maschinen übernommen werden. Doch KI-Berater Peter Seeberg gibt Entwarnung.

Machine Learning wird alles Wiederholbare automatisieren. Kreativität und Empathie werden jedoch menschliche Aufgaben bleiben.

Algorithmen werden repetitive Aufgaben übernehmen, jedoch nicht den Menschen von Aufgaben verdrängen. Diese werden sich lediglich wandeln. Mitarbeiter bekommen mehr Zeit für Einzelfälle und zwischenmenschliche Aufgaben. Seeberg glaubt, dass es in den nächsten Jahren vor allem Anwendungen der Prozessoptimierung sowie Predicitve Analytics geben wird. Für die Industrie ist vor allem das Feld Predicitve Maintainance spannend. Hinsichtlich des Fortschritts unterscheidet der KI-Experte klar zwischen den kleinen und großen Playern.

Die großen [Firmen] haben zumindest eine Basis mit künstlicher Intelligenz geschaffen, gemeint ist die Prozessoptimierung. Die mittelgroßen sind grade dabei und die kleinen Unternehmen fangen so langsam an.

Wenn es um künstliche Intelligenz geht, geben die großen Firmen den Ton an. Bei den Mittelständern wird die Entwicklung in Sachen KI wohl noch etwas auf sich warten lassen.

Nicht nur die Technologie, auch die Unternehmenskultur muss sich weiterentwickeln. Karina Buschsieweke prognostiziert, dass die Bereitschaft, Daten miteinander zu teilen, wachsen wird.

Künstliche Intelligenz wird vor allem dann spannend, wenn wir in ein paar Jahren das Teilen von Daten stärker betreiben. Also wenn Unternehmen bereit sind, gewisse Prozesskennzahlen miteinander zu teilen und ein Benchmarking vorzunehmen. Lässt man künstliche Intelligenz auf dieser Datenbasis lernen, kann man enorme Vorteile schaffen.

Wenn wir das Silo-Denken aufbrechen und gemeinsame Ressourcen genutzt werden, kann das Potenzial von KI sich weiter entfalten. So könnte künstliche Intelligenz maßgeblich zu einer nachhaltigeren Wirtschaft beitragen. Die Möglichkeiten sind riesig. Wir müssen mehr über die Grenzen und Chancen künstlicher Intelligenz sprechen, so Frank Gessner.

Es muss eine viel größere gesellschaftliche Diskussion um KI geben.

Die Debatte muss in der Mitte der Gesellschaft ankommen. Was kann die Technologie uns bieten? Wie weit soll künstliche Intelligenz in unser Leben vordringen?

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Sarah Kolberg

Sarah Kolberg ist Redakteurin bei fintechcube und hat sich in ihrer bisherigen Laufbahn vor allem mit der digitalen Transformation im Public Sector beschäftigt.