Im Fokus: Chancen von künstlicher Intelligenz in der Corona-Krise - Verhaltenssteuerung

Next Big Think Mai 25, 2020

Verhaltenssteuerung durch künstliche Intelligenz & Robotik

Es ist ein warmer Sonntag im Mai. Sie haben die eigenen vier Wände verlassen und spazieren mit ihrer Familie oder Freunden durch den Park. Die Vögel zwitschern, die Bäume blühen, sie füttern die Enten am See mit Brot. Plötzlich wird ihre Ruhe unterbrochen, denn Sie werden von einer blechernen Roboter-Stimme zurechtgewiesen: “Bitte beachten Sie, den Mindestabstand von 1,5 Metern einzuhalten.” Was wie ein Science-Fiction-Szenario klingt, ist in Singapur bereits Realität. Im Rahmen der Corona-Krise wurden hier zahlreiche Einsatzmöglichkeiten für Roboter sowie künstliche Intelligenz (KI) ausgebaut und getestet. Auch in Taiwan ist KI ein zentrales Instrument der Krise.

Roboter auf Streife

Wenn es um Roboter geht, spielt Singapur ganz vorne mit. Auf 100.000 Beschäftigte kommen 488 Roboter. Einer der neusten Innovationen: Roboter-Hund “Spot”. Spot ist Parkwächter und sorgt dafür, dass die Social Distancing-Regelungen eingehalten werden. Der Vierbeiner ist mit Kameras und Sensoren ausgestattet. Er kann so die Anzahl der Besucher im Park abschätzen und erkennen, wenn Spaziergänger sich nicht an die Abstandsregeln halten. Stellt Kommissar Spot Verstöße fest, macht er mit einem Kommentar darauf aufmerksam. Bisher ist der KI-Parkwächter ein Prototyp und wird per Joystick ferngesteuert. Sollte “Spot” gut von der Bevölkerung aufgenommen werden, sollen mehr Roboter-Hunde im öffentlichen Raum patrouillieren: in der weiteren Entwicklung autonom, ohne Fernsteuerung. Der Roboter-Hund wurde von Boston Dynamics produziert und soll helfen, Sicherheitskräfte zu entlasten sowie Kontakte zu minimieren.

Künstliche Intelligenz als Hilfskraft

Wo normalerweise gesellschaftlich ein menschlicher Ansprechpartner gewünscht ist, wird in Zeiten von Corona ein Roboter viel eher akzeptiert. In den Krankenhäusern Singapurs wurde der Einsatz von Robotern ebenfalls verstärkt. Das Changi General Hospital setzt den Roboter HOSPI ein. HOSPI erledigt vor allem Botengänge innerhalb der Klinik. Er händigt Medikamente an Patienten aus und legt Patientenakten ab – beide Vorgänge sind doppelt abgesichert. Denn HOSPI wird über das Kontrollzentrum des Krankenhauses gesteuert und ist in ständiger Kommunikation mit der Zentrale. Ist die Lieferung angekommen, kann sie nur mit entsprechender Berechtigungskarte entgegengenommen werden. So sollen falsche Lieferungen oder Diebstahl vermieden werden. Der Krankenhaus-Roboter ist zusätzlich mit Sensoren ausgestattet. Unabhängig von den Befehlen, die er vom Kontrollraum bekommt, soll er so auf Hindernisse reagieren können. HOSPI vermeidet so beispielsweise den Zusammenstoß mit einem Patienten, einem Krankenbett oder einem Rollstuhl. Nach Angaben der International Federation of Robotics habe der Einsatz des Roboters die Produktivität des Krankenhauses um 30 Prozent gesteigert und spart Laufwege für das Pflegepersonal. HOSPI kann außerdem OP-Instrumente sortieren. Und das mit deutlich weniger Fehlern als das medizinische Personal. Der Roboter steht außerdem zur Unterhaltung der Patienten zur Verfügung und lenkt Angstpatienten ab. So steht HOSPI Kindern bei Impfungen bei, die oft sonst sehr tränenreich verlaufen.

Besonders in Zeiten von Corona, ist HOSPI eine enorme Bereicherung. Zwischenmenschliche Kontakte mit Covid-19-Patienten können maßgeblich reduziert werden. Das Alexandra Krankenhaus in Singapur unterstützt der Roboter BeamPro. BeamPro übernimmt die Fahrten in die Isolierstation. So haben die Ärzte die Möglichkeit ihre Visiten durchzuführen, ohne eine Infektion zu riskieren. Außerdem kann Schutzbekleidung, die vielerorts knapp ist, eingespart werden. BeamPro ist auch Lieferant für Medikamente und Essen.

KI als Kontrollinstanz

Trotz seiner geografischen Nähe zu China und zahlreichen Pendlern, hat Taiwan die Corona-Situation im Griff. Eine besondere Rolle in der Strategie des Inselstaats spielt künstliche Intelligenz. Seit dem Bekanntwerden des Corona-Ausbruchs im Wuhan-Gebiet verhängt Taiwan strenge Quarantänemaßnahmen für Einreisende und positiv-getestete Personen. Für diese nutzt Taiwan ein zentrales System auf KI-Basis. Über GPS-Tracking wird dauerhaft der Aufenthaltsort von in Quarantäne stehenden Personen überprüft. Außerdem werden die potentiell Erkrankten mehrmals am Tag angerufen und zu Befinden und Aufenthaltsort befragt. Nimmt die Person den Anruf nicht entgegen und befindet sich außerhalb des vereinbarten Aufenthaltsortes, wird die zuständige Polizeieinheit durch die KI informiert. Wer gegen die Quarantäneregelungen verstößt, wird mit einer hohen Geldbuße bestraft. Um potentiell Infizierte zu identifizieren, wurden temporär die Datenbanken des Gesundheitsministeriums und der Einreisebehörde zusammengeführt. Kontaktpersonen von positiv-getesteten Patienten werden ebenfalls in die Quarantänemaßnahmen involviert.

Verhaltenssteuerung bald auch in Europa?

Die Eindämmungsmaßnahmen in Singapur sind deutlich strikter als in Deutschland. Bis Ende Mai gilt der Lockdown, man darf ausschließlich allein im öffentlichen Raum unterwegs sein, es gibt Temperaturmessungen im Supermarkt und Ausweiskontrollen auf den Straßen. Sollten die Patrouille-Roboter bald eigenständig agieren, können diese die Bevölkerung noch intensiver überwachen. Eine Entwicklung, die hinter dem Nutzen der Maschinen, der sich besonders in den Krankenhäusern zeigt, nicht aus den Augen gelassen werden darf. Die Corona-Krise hat die vielen Vorteile von Robotern und künstlicher Intelligenz nochmals verdeutlicht.

Selbst in europäischen Nationen wird diskutiert: Sollte sich der Datenschutz des Einzelnen dem höheren Gut (der Bekämpfung der Krise) nachordnen? Und tatsächlich scheint eine Grundakzeptanz dafür in der Breite der Bevölkerung vorhanden zu sein. Viele Deutsche spenden freiwillig ihre Daten an das Robert-Koch-Institut. Vielleicht sind wir auch bald bereit, beim Enten füttern von Roboter-Hunden gerügt zu werden.

Sarah Kolberg

Sarah Kolberg ist Redakteurin bei fintechcube und hat sich in ihrer bisherigen Laufbahn vor allem mit der digitalen Transformation im Public Sector beschäftigt.