Chancen von VR und AR in der Corona-Krise

Next Big Think Juli 06, 2020

In New York findet heute eine für Sie wichtige Konferenz statt. Lange war unklar, ob sie dieses Jahr wegen Corona überhaupt stattfinden kann. Doch es bleibt beim ursprünglichen Termin und trotz Reisebeschränkungen können Sie daran teilnehmen. Während eines spannenden Vortrags erreicht Sie die Mitteilung, dass eine der zentralen Maschinen in einer Ihrer Produktionsstätten in China ausgefallen ist. Sie wollen sich selber ein Bild davon machen, stehen wenig später mit Ihrem Techniker vor der Maschine und lassen sich die erforderlichen Reparaturarbeiten erklären.

Viel Zeit dafür haben Sie aber nicht. Denn gleich beginnt das wöchentliche Meeting mit Ihrem Marketing-Team in Deutschland. Ihnen ist es wichtig, Ihre Mitarbeiter regelmäßig zu sehen und über den aktuellen Stand informiert zu werden. In entspannter Runde treffen Sie sich auf einer Terrasse im Grünen. Doch jetzt ist genug gearbeitet – Feierabend! Sie legen Ihre VR-Brille zur Seite, stehen vom Schreibtisch auf und gehen ins Esszimmer nebenan, um mit Ihrer Familie Abend zu essen. Ein Glück, dass trotz Corona alles so gut läuft!

Klar, auch ohne Virtual Reality (VR) und Augmented Reality (AR) würde es irgendwie funktionieren. Doch kann die Technik gerade in Zeiten von Kontaktbeschränkungen in vielen Branchen helfen, Distanzen zu überbrücken.

Virtuelle Geschäftsmeetings und Konferenzen

In unserem Corona-bedingten Homeoffice haben viele von uns Erfahrungen mit Videokonferenzen über Zoom oder Skype gemacht. Tatsächlich hat das besser funktioniert, als viele dachten. Und vielleicht werden wir auch in Zukunft mehr Geschäftstreffen digital durchführen, anstatt immer gleich in den Flieger, die Bahn oder das Auto zu steigen. Doch so gut das Ganze auch funktioniert: So ganz vergleichbar mit einem realen Treffen ist der Austausch per Video natürlich nicht. Selbst wenn die Verbindung bei allen zuverlässig läuft, die Videoqualität gut ist und alle brav ihr Mikrofon stumm schalten – das Video fühlt sich an wie ein Fenster, durch das man in eine andere Welt schaut. Virtual Reality macht es nun aber möglich, dass wir durch dieses Fenster hindurchtreten, Teil dieser Welt werden und der Austausch realer wird.

Auf dem Markt gibt es bereits viele Produkte, die auf solche VR-Meetings spezialisiert sind. Zwar sitzt wie bei einer Videokonferenz jeder an seinem eigenen Schreibtisch. Doch dank aufgesetzter VR-Brille sehen wir den virtuellen Raum und nehmen alle anderen Teilnehmer wahr, als ob wir gemeinsam in einem Raum sitzen würden. Durch Augen- und Bewegungstracking bewegt sich unser digitaler Avatar so wie wir, die anderen Konferenzteilnehmer können unsere Gesten sehen und erkennen, wen wir gerade anschauen. Das Setting ist dabei frei wählbar: Ob am klassischen Konferenztisch, am virtuellen Lagerfeuer oder gar im Weltall – treffen kann man sich überall.

Nicht nur das klassische Geschäftsmeeting kann in den virtuellen Raum verschoben werden, sondern auch Konferenzen oder Produktpräsentationen. In den letzten Monaten haben bereits viele solcher Großveranstaltung im Netz stattgefunden und wurden per Video übertragen. Doch dank VR kann man diese nicht nur verfolgen, sondern tatsächlich Teil davon werden. Man läuft durch die virtuelle Messe, setzt sich in einen Veranstaltungssaal und führt mit anderen Konferenzteilnehmer Smalltalk.

Gerade diesen Smalltalk und private Zwiegespräche am Rande von Meetings und Veranstaltungen ist etwas, was wir in der aktuellen Zeit vermissen. Denn bei Videokonferenzen sowie digitalen Veranstaltungen sprechen alle Teilnehmer in derselben Lautstärke und alle hören alle. Anders bei VR-Meetings: Wen wir überhaupt und in welche Lautstärke hören, hängt davon ab, wo wir uns gerade im virtuellen Raum befinden.

Solche VR-gestützten Konferenzen wurden tatsächlich auch schon durchgeführt: HTC hat dieses Jahr aufgrund von Corona ihre „Vive Ecosystem Conference“, auf der jedes Jahr neue Produkte vorgestellt und Fachvorträge gehalten werden, mithilfe von VR veranstaltet - inklusive virtueller Flugshow. Auch die VR-Konferenz IEEE VR in Los Angeles hat dieses Jahr zum ersten Mal thematisch passend im virtuellen Raum stattgefunden, genauso das nextReality.Hamburg-meetup. Bei allen Veranstaltungen konnten auch Teilnehmer ohne VR-Brille im Browserfenster teilnehmen.

Instandhaltung und Wartung aus dem Homeoffice

Für viele Menschen stellt das Arbeiten aus dem Homeoffice dank digitaler Lösungen technisch kein Problem dar. Doch für mindestens genauso viele ist das Arbeiten von zuhause nicht so einfach möglich. Zu dieser Gruppe zählen beispielsweise Handwerker und Techniker, die für die Kontrolle und Instandhaltung von Maschinen zuständig sind. Doch auch bei diesen Arbeiten kann die Zahl der vor Ort anwesenden Mitarbeiter dank VR und AR reduziert werden.

VR ermöglicht einerseits die Überwachung der Infrastruktur aus der Ferne. Drohnen können eine Fabrikhalle abfliegen und jeden Winkel aufzeichnen. Den zuständigen Mitarbeitern wird ein 3D-Modell der Anlagen übertragen und mit Hilfe einer VR-Brille können sie diese nach potentiellen Schäden absuchen.

Wird ein Schaden festgestellt, so braucht es in den meisten Fällen noch Techniker vor Ort. Doch reicht oft ein Mitarbeiter aus. Dieser trägt eine AR-Brille, alles was er sieht, wird Kollegen oder externen Servicekräften übermittelt. Diese können auf ihrem Bildschirm einzelne Bedienelemente oder Bauteile hervorheben. Die Markierungen sind für den Mitarbeiter vor Ort dank AR-Brille in seiner realen Umgebung sichtbar und er kann bei der Reparatur unterstützt werden.

Die Wartung aus der Ferne kann durch den Einsatz künstlicher Intelligenz (KI) weiter unterstützt werden. Mit Predictive Maintenance ist beispielsweise eine vorausschauende Instandhaltung möglich und erforderliche Wartungsarbeiten können Mitarbeitern direkt im virtuellen Raum angezeigt werden.

Digitale Bildung dank Virtual Reality

Die Schulschließungen im März trafen viele deutsche Schulen unvorbereitet. Selbst wenn bereits eine digitale Lernplattform, auf der Inhalt ausgetauscht und kommuniziert  werden kann, zur Verfügung stand - so richtig gut hat der Fernunterricht an den meisten Schulen nicht funktioniert. Auch im Bildungsbereich, ob Schule oder Universität, kann VR und AR helfen, die Distanz zu überbrücken.

Ähnlich wie virtuelle Meetingräume im geschäftlichen Umfeld ermöglichen virtuelle Klassenzimmer oder Hörsäle mehr Interaktion zwischen Lehrpersonen und Schüler. Einzelne Schüler können sich auch wie im Präsenzunterricht in virtuelle Gruppenräume zurückziehen und Aufgaben gemeinsam bearbeiten.

Doch sind durch VR und AR nicht nur solche virtuellen Lernräume möglich, sondern komplett neue Lernformen. Lehrpersonen und Schüler können mit einer VR-Brille auf virtuelle Exkursionen gehen. Dies nicht nur in weitentfernte Länder, sondern auch ins alte Rom, zu den Dinosauriern oder ins Weltall.  Museen bieten Schulen vermehrt virtuelle Rundgänge durch ihre Sammlungen an. Und durch AR kann ein Vulkanausbruch im Klassenzimmer oder bei jedem zuhause simuliert werden – sowohl mithilfe einer AR-Brille, als auch über den eigenen Smartphone-Bildschirm.

Große Chancen durch VR für den Gesundheitsbereich

Wenn in einem Sektor in Zeiten von Corona auf Abstand geschaut werden muss, dann im Gesundheitsbereich. Und gleichzeitig lebt der Gesundheitsbereich so stark von persönlichen Kontakten wie wenig andere Sektoren.

Augmented und Virtual Reality werden im medizinischen Bereich bereits heute oft eingesetzt. So üben Medizinstudenten Operationen an virtuellen Patienten und Chirurgen werden mit AR-Brillen bei Operationen unterstützt. AR und VR können aber auch helfen, die Kontakte in Pandemiezeiten auf ein Minimum zu beschränken.

Bei vielen Operationen stehen mehrere Ärzte um den Operationstisch und besprechen laufend das weitere Vorgehen. Mithilfe virtueller Realität können Ärzte aber auch aus der Ferne bei einer realen Operation so zuschauen, als ob sie vor Ort wären. Auch die Vorbesprechung einer Operation ist anhand von 3D-Modellen von Knochen oder Organen des Patienten komplett im virtuellen Raum möglich. In Zukunft wird es sogar möglich sein, dass Operationen komplett aus der Ferne durchgeführt werden. Ärzte führen Operationen mit einer VR-Brille durch, die Instrumente vor Ort führen ihre Bewegungen aus.

Auch in der kontaktintensiven Pflege bergen VR und AR großes Potenzial. Gerade ältere Menschen in Alters- und Pflegeheimen sind von den Kontaktbeschränkungen hart betroffen und teilweise von der Außenwelt abgeschnitten. Es gibt für Krankenhäuser und Pflegeheime zugeschnittene VR-Lösungen, die virtuelle Ausflüge in die Natur ermöglichen. Auch das Erschaffen von persönlichen virtuellen Welten, beispielsweise das Elternhaus für die Großmutter, ist möglich. Gerade für Menschen mit Demenz können solche Erinnerungsreisen in Zeiten von Kontaktbeschränkungen eine Bereicherung sein.

Virtual und Augmented Reality lassen nicht alle Probleme einfach verschwinden. Doch was die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände während den Corona-Kontaktbeschränkungen plakatierte, passt auch zur virtuellen Realität:

„Abstand halten hat nichts mit Distanz zu tun.“

Virtuelle Kontakte ersetzen nicht unser reales Kontaktbedürfnis. Doch VR kann helfen, freiwillige oder unfreiwillige Distanzen besser zu überbrücken.

3 Dinge, die Unternehmen auch nach Corona noch über VR und AR wissen sollten:

  1. VR und AR gestalten das Homeoffice noch effizienter und ermöglichen es in Branchen, wo es bisher noch nicht ging.
  2. VR- und AR-Einsatz könnten viele Geschäftsreisen in Zukunft überflüssig machen.
  3. AR- und VR-Anwendungen sollten mit anderen intelligenten Systemen vernetzt werden und können Mitarbeiter so noch umfassender unterstützten.

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Dominic Hauser

Dominic Hauser ist Redakteur bei fintechcube. Davor war er in Bern als politischer Redakteur tätig und beschäftigte sich nach seinem Umzug nach Berlin mit der Digitalisierung des Public Sectors.