Im Porträt: Lilium CEO Daniel Wiegand

Next Big Think Juli 10, 2020

Endlich Feierabend! Sie hatten einen anstrengenden Geschäftstermin in Frankfurt, der länger ging als geplant. Es ist 20 Uhr und endlich können Sie die Heimreise nach München antreten. Drei Stunden Bahnfahrt - darauf haben Sie jetzt gar keine Lust! Wie immer zücken Sie Ihr Smartphone, um per App ein Taxi zu bestellen. Normalerweise bringt Sie der Taxifahrer zum Hauptbahnhof, wo auch schon der ICE auf Sie wartet. Doch nicht dieses Mal!

Nach wenigen Minuten Wartezeit sehen Sie am Himmel ein Flugobjekt, das immer näher kommt. Kurz darauf landet es vor Ihnen und Sie steigen ein. Dieses Flugtaxi bringt Sie aber nicht etwa zum Hauptbahnhof. Nach einer Stunde landen Sie direkt in München. Ein Szenario, das Daniel Wiegand und seine Mitstreiter beim Münchner Start-up „Lilium“ bereits 2025 Realität werden lassen wollen.

Der Gründer

Daniel Wiegand, heute 35 Jahre alt, wurde im schwäbischen Tübingen geboren, wuchs im Großraum München und im badischen Freiburg auf. Schon immer schlugen zwei Herzen in seiner Brust: Eins für die Musik und eins – das etwas größere – für das Fliegen. Schon als kleines Kind träumte Wiegand davon, fliegen zu können. Alle seine Plüschtiere waren Vögel und er liebte es, mit ferngesteuerten Flugzeugen zu spielen. In einem Norwegenurlaub fing er beim Anblick hunderter im Wind segelnder Seevögel plötzlich an zu weinen. Seine Eltern wussten nicht, was los ist:

Ich war einfach richtig unglücklich, dass ich als Mensch und nicht als Vogel geboren wurde.

Mit 14 Jahren erfüllte er sich schließlich den Traum vom Fliegen und erwarb die Segelfluglizenz. Zu dieser Zeit tüftelte er viel herum, gewann zahlreiche Preise – unter anderem bei „Jugend forscht“ für ein Modell eines aerodynamischen Flügels.

Nach dem Abitur wandte sich Wiegand aber erstmal von der Fliegerei ab. Er begann in Freiburg Wirtschaft zu studieren und verbrachte seine Wochenenden statt auf dem Flugplatz lieber mit seinen Kommilitonen. Doch schnell merkte er: sein Herz schlägt für die Fliegerei. Also zog er nach München, um an der Technischen Universität (TUM) Luftfahrttechnik zu studieren.

Mit seinem Bachelorabschluss in der Tasche arbeitete er bei ABB in Zürich und lernte viel über Personalmanagement und die Funktionsweise von großen Unternehmen. Wieder stellte er fest: Das ist nicht seine Welt.

Ich sagte nicht ‚in einem Jahr werde ich ein Unternehmen gründen‘ oder so. Aber ich wollte in einem kleineren, unternehmerischen Umfeld arbeiten. Das ist etwas, was mir sehr klar wurde.

Er kehrte nach München zurück, wo er sein Masterstudium in Luftfahrttechnik aufnahm. In seinem Erasmussemester in Glasgow passierte es schließlich: Wie so oft klickte er sich durch YouTube und schaute Videos von verschiedensten Flugobjekten. Dabei stieß er auf einen Militär-Jet, der senkrecht starten und landen konnte. Da kam ihm die Idee: Das brauchen wir auch für den zivilen Bereich!

Wir hätten ein neues Transportsystem, das keine Straßen, Schienen, Tunnel oder Brücken braucht. Etwas, das emissionsfrei ist, wenn wir es elektrisch machen. Etwas, das uns viel weiterbringt als heutige Autos und das eine dritte Dimension in die Kapazitäten unseres heutigen Transportsystems bringt.

Die Anfänge

Zurück in München machte er sich auf die Suche nach Mitstreitern für seine Idee. Mit seinem Freund Sebastian Born spielte er schon länger mit der Idee, eine eigene Firma zu gründen. Zwar wollten sie ursprünglich eine Technik entwickeln, welche die Reichweite von Hybridautos erhöht. Doch nach einem stundenlangen Spaziergang durch München konnte Wiegand den studierten Maschinenbauer mit seinem Traum vom Fliegen überzeugen.

Born wiederum hatte einen Freund, Patrick Nathen, der an der TU München im Fachbereich der Aerodynamik promovierte. Fachlich eine ideale Ergänzung – und nach wenigen Tagen Überzeugungsarbeit ebenfalls mit an Bord. In der Küche des Robotik-Departements stießen sie schließlich auf den vierten im Bunde, Matthias Meiner. Dieser nahm gerade erst eine Promotionsstelle im Bereich der Mechatronik und Robotik auf. Doch wieder halfen stundenlange Spaziergänge durch München – auch Meiner war dabei. Eine Woche später – es war der Hitzesommer 2015 – gründeten die vier TUM-Absolventen bei einem Spaghetti-Essen in Wiegands Wohngemeinschaft schließlich Lilium.

Mit Lilium verfolgten sie fortan die Vision, einen elektro-betriebenen VTOL-Jet (Vertical Take-Off and Landing) zu bauen. Anders als die geplanten Flugtaxis von Airbus, Volocopter oder Ehang erinnert ein solcher Jet nicht an eine überdimensionierte Drohne, die wie ein Helikopter durch die Gegend fliegt. Der Jet startet und landet zwar senkrecht. Hat er jedoch die erforderliche Höhe erreicht, fliegt er im klassischen Flugzeug-Stil weiter.

Ihr Ziel für den ersten Sommer war ein vollfunktionierender Prototyp, der potenziellen Investoren präsentiert werden kann.  Für die Finanzierung versuchten Wiegand und seine Mitstreiter staatliche Fördermittel zu organisieren. Dabei hatten sie jedoch keinen großen Erfolg - von der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) erhielten sie immerhin 50.000 Euro sowie Büroräumlichkeiten zur Verfügung gestellt. Um an weiteres Startkapital zu gelangen, mussten sie sich bei ihren Eltern und Banken verschulden.

Mit dem Prototyp kamen sie zwar gut voran, doch das Geld wurde immer weniger und weniger. Ihnen wurde klar, dass das Geld ausgehen würde, bevor der Prototyp für die ersten Investoren bereit wäre. Also mussten sie bereits jetzt versuchen, Fremdkapital zu organisieren. Tagsüber besuchten sie Fachmessen, um mögliche Investoren zu treffen, nachts bauten sie an ihrem Prototyp weiter. Auf einer dieser Fachmessen stießen sie schließlich auf Frank Thelen, der deutsche Unternehmer und Investor, der unter anderem aus der Fernsehsendung „die Höhle der Löwen“ bekannt ist. Thelen liebt Flugzeuge, verstand sich auf Anhieb mit dem Team und war von ihrer Idee begeistert. Mit seiner Firma Freigeist Capital investierte er in Wiegand, Lilium und die Jet-Idee.

Der Aufstieg

Wiegand und seine Mitstreiter hatten nun genügend Geld, um an ihrem Prototyp weiterzubauen. Ende 2016 konnten sie den Skype-Gründer Niklas Zennström von ihrer Idee überzeugen, der mit seiner Investitionsgesellschaft Atomico mit 10 Millionen US-Dollar bei Lilium einstieg. Im Herbst 2017 folgte die chinesische Investitionsbank Tencent mit rund 90 Millionen US-Dollar.

Kurz davor, im Frühjahr 2017, war es so weit: der erste zweisitzige Prototyp hob ein erstes Mal ab. Rund zwei Jahre später folgte der Jungfernflug ihres zweiten Prototyp mit fünf Sitzen. Noch konnten die Prototyp nur starten und landen sowie einzelne Manöver durchführen. Doch der Lilium-Jet soll sich bei Marktreife – nach aktueller Planung bereits 2025 – mit einer Geschwindigkeit von bis zu 300 Stundenkilometer fortbewegen können. Eine volle Batterieladung reicht für eine Stunde, was eine Reichweite von rund 300 Kilometern bedeutet. Die Strecken Berlin-Hamburg, Frankfurt-München oder Köln-Stuttgart sind so unter einer Stunde und, dank elektro-Antrieb, vollkommen emissionsfrei zu bewältigen.

Wiegand will mit seinem Lilium-Jet aber nicht lediglich ein neues Auto für die Lüfte bauen, mit dem man schneller und ökologischer von A nach B kommt. Lilium wird die Jets nicht an einzelne Privatpersonen verkaufen, sondern die Flotte selbst betreiben. Per App kann man einen Flug, ob in eine andere Stadt oder nur an den Flughafen, buchen und wird daraufhin abgeholt. Zu Beginn besetzt einen der fünf Sitzplätze noch ein Pilot, bald soll der Jet aber dank künstlicher Intelligenz (KI) vollkommen autonom fliegen.

Ziel ist es, kleine Dörfer, mittelgroße Städte bis hin zu den Vororten und Zentren der Großstädte mit einer Geschwindigkeit bis zu 300 Stundenkilometer miteinander zu verbinden – zum gleichen Preis wie die Bahn.

Trotz Zweiflern wurde Lilium zum Einhorn

Anfangs 2020 musste Lilium einen Rückschlag einstecken: Einer ihrer zwei aktuellen Prototypen brannte bei Wartungsarbeiten ab, die Testflüge mit dem zweiten Jet wurden vorerst pausiert. Zudem verstärkten Luftfahrtexperten ihre Zweifel, dass die Versprechen von Lilium zu halten seien. Mit heutiger Batterietechnik sei eine Reichweite von 300 Kilometern nicht zu erreichen, Start- und Landungsphasen seien viel zu energieintensiv. Selbst der „Spiegel“ stellte das Münchner Start-up an den Pranger.

Doch die Investoren scheinen nicht beunruhigt. Noch im März 2020 erhöhten sie ihre Investitionen bei einer Inside Round auf insgesamt 240 Millionen US-Dollar. Im Juni stieg zudem Tesla-Investor Billie Gifford mit 35 Millionen US-Dollar ein. Der Unternehmenswert wurde ein erstes Mal auf eine Milliarde US-Dollar geschätzt, Lilium wurde zum Einhorn. Und auch der Investor der ersten Stunde, Frank Thelen, steht nach wie vor hinter den Münchnern:

Was wir hier sehen, ist eine Grundproblematik der Deutschen: Wir sind das Volk der Bedenkenträger. Anstatt innovative, junge Unternehmen und visionäre Gründer zu unterstützen, ersticken wir ihre innovativen Ideen mit unserer Skepsis im Keim.

Bei ihrem Amtsantritt als Digitalstaatsministerin im Jahre 2018 wurde Dorothee Bär für ihre Aussage, beim Thema Digitalisierung gehe es auch um Flugtaxis, noch ausgelacht. Doch es scheint, als ob Daniel Wiegand diese Kritiker schon bald eines Besseren belehren könnte.

Über das Unternehmen

  • Lilium wurde 2015 von vier Absolventen der Technischen Universität München gegründet.
  • Bereits 2025 sollen die Lilium-Jets Marktreife erreichen und abheben.
  • Der Unternehmenswert von Lilium wird auf über eine Milliarde geschätzt, womit das Unternehmen zu der Kategorie der "Einhörnern" gehört.

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Dominic Hauser

Dominic Hauser ist Redakteur bei fintechcube. Davor war er in Bern als politischer Redakteur tätig und beschäftigte sich nach seinem Umzug nach Berlin mit der Digitalisierung des Public Sectors.