Im Interview: Alex Bierhaus, CTO Compeon

Next Big Think Feb. 10, 2021

Alex Bierhaus ist Chief Technology Officer (CTO) und Geschäftsführer bei Compeon. In dieser Funktion ist er  für die strategische und operative Entwicklung der gesamten digitalen Plattform verantwortlich. Zuvor war er mehrere Jahre bei verschiedenen Banken, Versicherungen und Finanzdienstleistern als Interims-Manager und Senior-Architekt tätig. Sein akademischer Hintergrund ist ein Bachelor of Science in Wirtschaftsinformatik und MBA von der WHU – Otto Beisheim School of Management. Als Sprecher und Autor teilt er sein Wissen regelmäßig in unterschiedlichen Formaten. In unserem Interview sprechen wir mit Alex Bierhaus über die Bedeutung und Zukunft von künstlicher Intelligenz bei Compeon, aber auch für unsere gesamte Gesellschaft.

Was macht Ihre Faszination für KI aus?

Als Technologe mit starkem Hintergrund im Software Engineering fasziniert mich künstliche Intelligenz seit jeher. Während sich der große Teil der heutigen Software damit beschäftigt, mit hart codierten Algorithmen ein deterministisches Ergebnis auf Basis von strukturierten Daten zu erlangen, ist es bei der KI genau umgekehrt: Der KI wird das Ergebnis präsentiert und sie wird  in die Richtung entwickelt, dass sie für zukünftige Daten selbst Muster aus bereits gelernten beziehungsweise antrainierten Daten erkennt und daraus Rückschlüsse zieht.

Künstliche Intelligenz agiert dabei wie ein Zahnrad mit drei ineinandergreifenden Rädern, welche immer in Bewegung sind: Datenverarbeitung, maschinelles Lernen und automatisiertes Handeln ohne manuellen Eingriff. Daten werden analysiert, daraus abgeleitete Entscheidungen ohne menschliche Interaktion umgesetzt und die Ergebnisse sofort wieder als Daten verarbeitet. Das System lernt kontinuierlich aus den anfallenden Daten. Dadurch werden die Geschäftsaktionen und -ergebnisse mit der Zeit immer besser.

An welchen Challenges wird aktuell bei Compeon im Bereich KI gearbeitet?

Wir setzen im Bereich KI besonders auf den Faktor des Machine Learnings, um so die Prozessschritte unserer Kunden auf dem Weg zur Wunschfinanzierung zu beschleunigen. So sind wir bereits heute in der Lage, diverse Forecasts über den Verlauf einer Finanzierungsanfrage zu machen und so beispielsweise bestes Produkt, voraussichtlicher Finanzierungspartner und andere externe Faktoren zu bestimmen. Zusätzlich wirken sich die Learnings auch auf interne Stellschrauben aus, sodass wir den besten Berater/die beste Beraterin für einen Finanzierungsfall bestimmen können. All diese Schritte helfen uns bereits im Vorfeld dabei, die zahlreichen Determinanten zu verdichten und so schneller den gewünschten Erfolg für unsere Kunden zu erzielen. Damit dies zukünftig noch automatisierter abläuft, füttern wir die Systeme immerzu mit Daten, sodass wir aktuell Vorhersagen auf Basis von mehr als 1.500 Rahmenparametern treffen.

Die Zukunft liegt für uns darin, noch mehr Rahmenparameter zur Analyse zu nutzen und gleichzeitig weitere Prozessschritte zu automatisieren, beispielsweise die Digitalisierung von einer Vielzahl von Wirtschaftsdaten der Unternehmen, um so noch mehr handfeste Daten für die Prognosen als Grundlage zur Verfügung zu haben. Danach erfolgt dann die Tiefenintegration in die Systeme unserer Partner, die wir auch weiter vorantreiben.

Was möchten Sie mit KI bewegen?

Eine KI ist immer nur so gut, wie die eingegebenen Daten, auf welcher Grundlage die KI ihre Wirkweise entfaltet. Somit möchten wir mit der KI immer mehr in einen automatisierten Gesamtprozess über verschiedene Akteure hinweg, wenn wir auf die Geschäftsprozesse bei Compeon blicken. Gesamtheitlich soll die von uns eingesetzte KI Komplexität reduzieren und Menschen mehr und mehr dazu befähigen, operative Arbeiten wieder vermehrt zu minimieren. So soll mehr Austausch möglich und menschliche Qualifikationen wieder stärker eingesetzt werden, namentlich Empathie, Engagement und Emotionen. Ohne diese ist insbesondere im Bereich der Beratung für Kreditvermittlung und Co. kein vertrauensbasiertes Geschäft möglich. Das kann eine Maschine einfach nicht leisten.

Was macht ihr Produkt aus?

Unser Produkt im Sinne des Technikaspekts besteht aus einer ganzen Reihe von Komponenten, die wir im Grunde in einer Art Orchester synchronisieren. Meine Teams sind dabei die Dirigenten, die Programme und Schnittstellen zusammenführen und so aus Prozesssicht 1 + 1 = 3 ermöglichen. Ich würde sagen, wir sind in der Ausgestaltung unserer IT sehr klug. Alles was wir nicht selbst in Perfektion programmieren können, kaufen wir zu. Wir müssen nicht Dinge erfinden, die jemand am Markt schon in mehreren Generationen zu einem funktionalen Abschluss gebracht hat. Dagegen gehen wir eher her und schalten Dinge zusammen, kreieren damit neue Funktionen im Prozess und erschaffen so eine technologische Infrastruktur. Aus 1 und 1 wird somit ein neuer Aspekt, den wir in unsere Routinen einfließen lassen und den Prozess so weitere voranbringen.

Wie kann der Mittelstand KI effektiv für sich nutzen?

Wie bei allen Fragen rund um die Digitalisierung und Techniktrends ist es aus meiner Sicht essenziell, das Thema auf die wichtigen Bereiche und damit auch die effektive Nutzung zu verdichten. KI und alles darum klingt immer so futuristisch, dabei können die Anwendungsmöglichkeiten bereits in einem sehr spezifischen, sehr alltäglichen Rahmen eine Wirkung entfalten.

Pauschal eine Wirkweise für die ganz unterschiedlichen Anforderungen aufzuzeigen, wird von Unternehmen je nach Differenzierungsgrad, Internationalisierung und auch Größe, wie auch dem Themenfeld nicht gerecht. Ich denke aber, dass es bestimmte Geschäftsbereiche gibt, die in einer Vielzahl Unternehmen eine Anwendung finden. Dort können Unternehmen in das Feld der KI starten, um erste Erfahrungen zu sammeln und bei positiven Effekten weitere Felder mit künstlicher Intelligenz zu besetzen. Dazu gebe ich ein Beispiel aus unserer unternehmerischen Praxis:

Bei Compeon nutzen wir seit mehr als einem Jahr einen Chatbot in der Kundenkommunikation. Bei der Überlegung hatten wir einen klaren geschäftlichen Nutzen vor Augen – der Chatbot ist also nicht einfach nur eine technische Spielerei. Er dient in den Randzeiten, in denen unsere Berater nicht arbeiten, als erste Anlaufstelle für Kundenanfragen, die über unsere Webseite gestellt werden. Dabei ist der Chatbot so geschult, dass er alle Arten einfacherer Finanzierungsanfragen direkt beantworten kann oder bei spezifischeren Themen einen Rückruf von einem unserer Berater mit dem anfragenden Kunden abstimmt. Durch den Chatbot garantieren wir eine große Service-Qualität und eine Erreichbarkeit rund um die Uhr. Gerade bei unseren Kunden, die teilweise Finanzierungsanfragen nach Ladenschluss bearbeiten, bietet das die Möglichkeit, zu jeder Uhrzeit mit uns Kontakt aufzunehmen und direkt erste sachdienliche Hinweise zum Finanzierungsvorhaben zu erhalten.

An dieser Stelle können auch viele andere Unternehmen ansetzen, die mit ihren Kunden in Kontakt stehen. Wenn der Chatbot aufgrund des Geschäftsmodells nicht nutzbar ist, sollten sich Inhaber überlegen, welche Schritte im Unternehmen automatisiert werden können. Gute Hinweise darauf gegen standardisierte Abläufe, die leicht skalierbar sind, beispielsweise Dokumentenscans oder ähnliches.

Wie wird der Einfluss von KI in 10 Jahren aussehen

KI wird viele alltägliche Abläufe einfacher und automatisierter gestalten. Die Anfänge dessen was möglich ist, zeigen sich ja bereits jetzt in Bereichen wie dem Autonomen Fahren oder Machine Learning. Aktuell sind die Maschinen immer nur genau so schlau, wie schlau wir sie mit Hilfe des Inputs werden lassen. Dabei sind auch Rückschläge und unerwartete Ausprägungen möglich, man erinnere sich an Microsofts Bot Tay, der auf Twitter einen Tag verbrachte und mit Informationen von Twitter-Usern gefüttert wurde. Am Ende des Tages war Tay rechtsradikal und musste abgeschaltet werden.

Das bedeutet, ohne das Bild nun zu groß zu machen, dass wir uns in den kommenden 10 Jahren nicht nur mit der Entwicklung der künstlichen Intelligenz beschäftigen müssen, sondern auch wichtige Themen wie Moral, Rechtsstaatlichkeit und Ethik eine Rollen zu spielen haben. Nicht, dass wir am Ende in einer Matrix-ähnlichen Welt enden, wo die Maschinen das Sagen haben. Wenn KI zielgerichtet und im Sinne für den Menschen eingesetzt wird, sehe ich große Potenziale, beispielsweise in den Bereichen der Robotik. Dort können KI-gesteuerte Maschinen Arbeiten übernehmen, die für uns Menschen zu beschwerlich, zu gefährlich oder schlichtweg unwirtschaftlich sind. In Japan wird in diesem Feld zum Beispiel in Bezug auf die Pflege von älteren Menschen geforscht. Ein Teilbereich der Gesellschaft, der mit einer immer älter werdenden Gesellschaft eine besondere Form der Beachtung verdient. Ich denke, dass die KI wie auch die Telekommunikation und das Internet für eine insgesamt schnellere und radikalere Änderung der Gesellschaft wie wir sie heute kennen sorgen wird als wir es uns heute ausmalen können.

Was sind die hauptsächlichen Probleme, bei denen KI alle anderen Optionen schlägt?

KI ist in der Lage, Muster zu perfektionieren. Dabei ist es aber wichtig, den Start der Routinen entsprechend gut zu exerzieren. Dann ist KI auch in der Lage Fehler im Ablauf zu erkennen und diese zu beheben. Des Weiteren optimiert sich die optimale KI im laufenden Prozess von selbst. Eine Wartung oder Störungen entfallen damit im Best Case Szenario. Ein Beispiel für die Leistungsfähigkeit der KI ist sicherlich das Machine Learning. Die Vielzahl der Operations, die die Maschinen hier gleichzeitig ausführen übersteigt die Aufnahmefähigkeit von Menschen bei gleichzeitiger Maximalleistung der Prozessoren auf der anderen Seite um ein Vielfaches. Man stelle sich vor, unsere KI würde alle 1.500 Rahmenparameter und mehr im Kreditprüfungsprozessvorgang nacheinander durchspielen. Da wären wir von Real Time so entfernt wie sonst noch was und damit hätte die KI an dieser Stelle für unser Anwendung auch direkt versagt. Das ist eben der Vorteil. Die enorme Präzision gepaart mit der unglaublichen Rechenpower. Da spielen auch die stetige Weiterentwicklung und die gleichzeitige Komprimierung von IT-Komponenten eine große Rolle.

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Gregor Puchalla

Gregor Puchalla ist Gründer und Geschäftsführer von fintechcube. Zukunftstrends sind seine Leidenschaft. Gregor hat 15 Jahre Erfahrung auf operativer und strategischer Ebene im Bereich Digitalisierung