Im Interview: KI-Berater und Autor Peter Seeberg

Next Big Think Aug. 13, 2020

Peter Seeberg beschäftigt sich seit über zehn Jahren mit künstlicher Intelligenz (KI). Er war bei Intel und Softing tätig und ist KI-Berater. Seit Januar 2019 gestaltet er gemeinsam mit dem Fachjournalisten Robert Weber einen Podcast, der künstliche Intelligenz zugänglicher machen will. Im April 2020 haben sie das gleichnamige Buch “KI in der Industrie” veröffentlicht. Wir sprechen mit dem Autor über die Potenziale von künstlicher Intelligenz in der Industrie, seinen Weg zur KI und darüber, was uns in den nächsten Jahren erwartet.

Seit wann beschäftigen Sie sich mit künstlicher Intelligenz? Was hat Sie dazu bewegt, sich mit künstlicher Intelligenz auseinander zu setzen?

Ich beschäftige ich mich mehr oder weniger seit zehn Jahren mit künstlicher Intelligenz. Das erste Mal bin ich darauf gestoßen, als ich an der Hochschule ein Buch von Professor Weizenbaum gelesen habe. An der Hochschule habe ich dann auch gelernt, zu programmieren. Da gab es das Thema schon. Dann bin ich aber für lange Zeit nicht mehr aktiv gewesen in diesem Bereich. In den letzten zehn Jahren wurde es dann wieder konkreter, ganz konkret als ich bei der Firma Softing arbeitete. Sie haben ihren Sitz im Münchner Raum und beschäftigen sich mit der Automatisierung von Produktionsprozessen. Dort habe ich mit drei Kollegen vor vier Jahren ein internes Start-up gegründet. Es hieß Industrial Data Intelligence und es hat sich explizit mit Daten und deren Auswertung durch Algorithmen beschäftigt. Ich habe dann immer den Leuten auf die Finger getickt, die von KI gesprochen haben. Ich habe immer gesagt: “Wir machen keine KI, wir machen Machine Learning.” Als ich mich dann selbstständig gemacht habe, habe ich mich aber nicht Berater für Machine Learning, sondern KI-Berater genannt.

Was macht Ihre Faszination für künstliche Intelligenz aus?

Als ich meine erste Website gebaut habe, das ist etwa 30 Jahre her, habe ich eine Adresse in den Webbrowser eingetippt. Das war damals wahrscheinlich der Netscape Browser von Marc Andreessen. Von ihm stammt das bekannte Zitat “Software eats the world”. Ich hatte damals schon ein Verständnis dafür, wie das funktioniert. Dass Daten durch 20 bis 30 Stationen von mir in Europa über das Meer und zurück gehen. Das hat damals wahrscheinlich fünf oder zehn Sekunden gedauert. Aber das war so beeindruckend. Mit der künstlichen Intelligenz, also eigentlich mit dem Machine Learning, war das ähnlich: Als ich gesehen habe, wie Algorithmen ein Problem in einer Produktionsanlage finden konnten, welches ein Team von gestandenen Ingenieuren über längere Zeit nicht hatte finden können.

Die Fähigkeit der Algorithmen in Daten Muster zu finden und uns Menschen zur Verfügung zu stellen, das ist für mich ein sehr wichtiger Aspekt. Bei mir geht es immer um die schwache KI. Die starke KI, da kommen wir glaube ich nicht heran. Ich habe gestern den Film “Transcendence” gesehen - ein weiteres Beispiel, wie Roboter mit starker KI Menschen in Geiselhaft nehmen. Als Filmthema populär, dass so was tatsächlich passieren würde, daran glaube ich überhaupt nicht.  Man muss dennoch mit KI aufpassen. KI ist etwas sehr Großes, sehr Mächtiges, sehr Starkes. Wir müssten sie tatsächlich zertifizieren.

In Ihrem Podcast möchten Sie künstliche Intelligenz “entmystifizieren”. Wie kam es zum gemeinsamen Podcast mit Herrn Weber? Was glauben Sie ist der Grund dafür, dass die Technologie für viele nur schwer greifbar ist?

Ich habe einen Vortrag gehalten beim VDMA – dem Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau in Berlin. Und da war Herr Weber im Raum. Er hat ein Video-Interview mit mir gemacht und irgendwann im Anschluss hat er mich angesprochen, ob wir nicht gemeinsam ein KI-Projekt machen wollen. Das fand ich sehr spannend. Dann haben wir mit dem Podcast angefangen. Wir sind sehr zufrieden damit. Wir lernen viel, unsere Zuhörer lernen viel. Mittlerweile ist er eine wichtige KI-Plattform für die Industrie geworden. Wir geben demnächst auch ein neues Buch heraus, das mehr in die Breite geht.

KI geht uns alle etwas an. Mir ist wichtig, dass jeder Mensch versteht, dass KI nicht der böse Roboter ist. Dieser Gedanke hat damals angefangen mit iRobot. Übrigens ist der Name meines Unternehmens “asimovero” an den Autor Isaac Asimov angelehnt. Er hat das Buch geschrieben, auf dem der Film basiert. All diese Filme sind das, was der Mensch, der sich nicht mit KI beschäftigt, mitbekommt und dann möglicherweise Angst vor der KI bekommt. Die Menschen müssen verstehen, dass das, was dort gezeigt wird, mehr Fiction als Science ist und uns einen Spiegel vorhalten soll.

Mit Corona erleben wir bereits eine große Veränderung. Durch künstliche Intelligenz wird es in unserem Leben auch größere Veränderungen geben. Machine Learning wird alles Wiederholbare automatisieren. Kreativität und Empathie werden jedoch menschliche Aufgaben bleiben.

Sie haben kürzlich das Buch “künstliche Intelligenz in der Industrie” veröffentlicht. Welche Potenziale hat die Technologie für die Industrie?

Man könnte es mit den Worten der Bundeskanzlerin sagen: “Es ist alternativlos”. Jeder Mittelständler muss in die Zukunft schauen und mit KI anfangen – die Großfirmen machen es sowieso, die nutzen KI bereits seit 10 Jahren. Siemens & Co setzen  seit 20 bis 30 Jahren statistische, datenbasierte Berechnungen ein, die Schritt für Schritt mit maschinellem Lernen angereichert wurden. Man kann als Mittelständer nicht tatenlos bleiben. Seit fast zehn Jahren sind sie aufgefordert, sich mit dem Thema Industrie 4.0 auseinanderzusetzen. Die denken sich natürlich: Schon wieder was Neues! Aber es ist leider so. So schnell ist unsere Welt. Wer sich nicht mit der Digitalisierung, mit Daten und Algorithmen beschäftigt, der wird in ein paar Jahren sehr große Probleme haben. Man muss sich dem stellen und seine Chancen erörtern.

Und was bringt das? Typischerweise erst einmal Prozessoptimierung – da ist der Klassiker: Predicitive Maintainence, auf Deutsch vorausschauende Wartung. Das kann bedeuten, dass der Stillstand in meiner Produktionslinie von dreißig Minuten auf zehn Minuten heruntergeht, dass ich statt 100 Stühlen 105 Stühle am Tag produziere oder dass am Ende bei der Qualitätskontrolle statt fünf nur noch zwei Produkte aussortiert werden. Den Menschen, der seit 20 oder 30 Jahren in seinem Beruf gearbeitet hat, seine Hand auf ein Aggregat legt und merkt, dass etwas nicht stimmt, wird es in der Form nicht mehr geben. Die jungen Leute müssen stattdessen lernen, mit Anwendungen umzugehen, die vom Menschen initiiert werden und deren Algorithmen in den Daten Muster finden. Das beste Beispiel ist da der Radiologe, der vielleicht 15 oder 20 Jahre studiert und weitere 15 oder 20 Jahre in seinem Beruf gearbeitet hat, und dann kommt ein Algorithmus, der bessere Diagnosen machen kann. Bedeutet das, dass der Radiologe seinen Job verliert? Nein! Aber sein Tagesablauf verändert sich. Er kann sich jetzt auf die Problemfälle konzentrieren und hat mehr Zeit für seine Patienten. Nur als Beispiel, wie sich ein Berufsbild außerhalb der Industrie durch künstliche Intelligenz wandeln wird.

Die Basis ist die Prozessoptimierung. Daraus entstehen dann neue Geschäftsmodelle. Hier arbeitet man mit dem Begriff OEE – Overall Equipment Efficiency - Gesamtanlageneffektivität. Dieser setzt sich aus drei Elementen zusammen: die Qualität, die Produktionsmengen und der Stillstand der Produktionslinie. Diese theoretische Zahl liegt heute bei etwa 60 bis 70 Prozent. Ich habe bei einer Anzahl der Produkte nicht die Qualität, ich habe zu viel Stillstand und ich bekomme nicht genug Produkte heraus. Mit menschlicher Fähigkeit und Wissen kann man solche Prozesse ab einem bestimmten Punkt nicht mehr weiter verbessern. Aber die Daten können das! Irgendwann kommen wir dann bei 90 oder 95 Prozent raus. Der nächste Schritt für den Anlagenbau sind dann Pay-per-Use-Geschäftsmodelle. Ich verkaufe oder verlease keine Anlagen mehr im klassischen Sinne. Ich stelle die Anlage beim Betreiber auf und setze einen Vertrag auf, bei dem die Lieferung, zum Beispiel von Druckluft, nach Menge berechnet wird.

Wie wird künstliche Intelligenz die Industrie in den nächsten fünf Jahren verändern?

Ich denke, man muss immer zwischen Großfirmen und KMUs unterscheiden. Wahrscheinlich haben wir etwa fünf Prozent an Großfirmen - wie Siemens, Bosch oder die Automobilhersteller. Diese machen jedoch nach der klassischen 80/20-Regel trotzdem fast 70 oder 80 Prozent des Gesamtumsatzes aus. Die großen Firmen machen im Bereich der künstlichen Intelligenz bereits sehr viel. Es heißt ja, dass wir in Bezug auf KI in Europa immer etwas hinter den Vereinigten Staaten oder China sind. Das mag in dem Bereich Business-to-Consumer stimmen. Im industriellen Bereich sind wir in Europa jedoch führend. Während andere früher führende Industrienationen wie die Vereinigten Staaten oder das Vereinigte Königreich ihre Produktion runtergefahren haben, macht bei uns in Deutschland die Produktion immer noch 20 bis 30 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt aus. Und wir zeigen der Welt sehr wohl, was man mit KI in der Produktion machen kann und wo es da lang geht.

Die mittelgroßen Firmen schauen bei den großen ab und die kleinen von den mittelgroßen Unternehmen. Die großen haben zumindest eine Basis mit künstlicher Intelligenz geschaffen, gemeint ist die Prozessoptimierung. Die mittelgroßen sind grade dabei und die kleinen Unternehmen fangen so langsam an.

Welchen Rat haben Sie für den Mittelständler mit Blick auf künstliche Intelligenz?

Sie müssen sich damit beschäftigen! Bei den kleinsten Unternehmen liegt diese Aufgabe beim Geschäftsführer. In etwas größeren Firmen hat man vielleicht seine IT-Leute oder Produktmanager. Man muss seinen Leuten vor allem Raum geben, sich damit zu beschäftigen. Wenn man nicht auf Messen gehen kann, sollte man den digitalen Austausch mit den Anbietern suchen. Wenn ich langsam ein Gefühl dafür habe, was mir KI bringen kann, muss ich entscheiden, was ich mit dem Wissen mache und mir gegebenenfalls Hilfe holen. Ich verstehe aber auch, dass viele Unternehmen aktuell um ihre Existenz kämpfen. Das ist es schwer zu sagen, dass Digitalisierung und künstliche Intelligenz eine hohe Priorität haben. Der ein oder andere wird es vielleicht auch als Chance sehen. Jedoch wird künstliche Intelligenz nirgendwo Halt machen und in jedem Bereich Anwendung finden und große Änderungen herbeiführen.

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Sarah Kolberg

Sarah Kolberg ist Redakteurin bei fintechcube und hat sich in ihrer bisherigen Laufbahn vor allem mit der digitalen Transformation im Public Sector beschäftigt.