Im Porträt: BlueDot CEO Dr. Kamran Khan

Next Big Think Mai 22, 2020

Prophet der Pandemie

Er sah es kommen, bevor es alle anderen taten: das Corona-Virus. Dr. Kamran Khan und sein Start-up BlueDot haben die Weltgesundheit seit Jahren im Blick. Ihre Software und das Team sind mittlerweile so weit fortgeschritten, dass sie nicht nur Ausbrüche von Krankheiten auf der ganzen Welt, sondern auch anhand von Anomalien neue Krankheiten erkennen können. BlueDot birgt die Geschichte eines kanadischen Epidemiologen, der zum Tech CEO wurde.

Der Gründer

Dr. Kamran Khan hat in Harvard, der Cornell und der Columbia University Medizin sowie Gesundheitswesen studiert und ist auf Infektionskrankheiten spezialisiert. Nach seiner akademischen Ausbildung kehrte er im Jahr 2002 in seine Heimatstadt Toronto zurück. Er war praktizierender Arzt, als das SARS-Virus im gleichen Jahr von Hong Kong nach Toronto überschwappte. In der viermonatigen Epidemie waren Stadt, Krankenhäuser, Mediziner und auch Khan selbst völlig überfordert. Über 40 Menschen starben allein in der kanadischen Großstadt an der Krankheit, darunter auch einige seiner Kollegen - für den Gründer der entscheidende Moment.

Selbst er als Experte für Infektionskrankheiten wusste nicht, wie die Krankheit bekämpft werden kann. Wer sonst sollte dann etwas tun können? In Zukunft müsse man für derartige Ausbrüche von Krankheiten gewappnet sein. Es brauche ein System, dass Mediziner vor Ort darüber informiert, wie sich neue Krankheiten ausbreiten und welche medizinischen Erkenntnisse es gibt. Nur so könne man rechtzeitig wissen, wie ein Patient mit der Infektion zu behandeln ist und wie die Bevölkerung und das medizinische Personal sich selbst schützten kann.

How can we be better prepared for the next outbreak that unfortunately is inevitably going to happen at some point?

Die Anfänge

Schließlich hatte der Epidemiologe und Professor der Universität Toronto die Idee, Krankheiten aus der ganzen Welt zu verfolgen. Diese Motivation war Grundstein für die Software, die entstehen sollte.

Mithilfe von künstlicher Intelligenz wertet die Anwendung Nachrichten, offizielle Meldungen von Gesundheitsorganisationen und Behörden, Foren und Blogs zu Menschen-, Tier- und Pflanzengesundheit in 65 Sprachen aus. Khan hat bewusst auf die Auswertung von sozialen Netzwerken verzichtet, da die Daten oft unsauber sind.

Die Software basiert auf künstlichen neuronalen Netzen (KNN). Die Algorithmen sind trainiert, natürliche Sprache korrekt und detailliert auszuwerten. So erkennt das Programm den Unterschied zwischen einer Meldung von Anthrax, der Infektionskrankheit, die Milzbrand verursacht oder Anthrax, der US-amerikanischen Trash Metal Band.

Das System filtert die Datenmengen und gibt eine kleine Auswahl, mit den relevantesten Geschehnissen an die Epidemiologen, welche die Information für weitere Analysen heranziehen. Die Vision: Menschen mit künstlicher und menschlicher Intelligenz vor Infektionskrankheiten zu schützen.

Im Jahr 2008 rief Khan das Forschungsprojekt “BioDiaspora” am St. Michael’s Krankenhaus in Toronto ins Leben, um die Ausbreitung von Krankheiten in Zusammenhang mit dem internationalen Flugverkehr besser zu verstehen. Seitdem werden durch die Algorithmen auch Flugdaten ausgewertet. Im darauffolgenden Jahr wurde die Software genutzt, um die Verbreitung des Influenza A-Virus H1N1 (Schweinegrippe) von Mexiko über den Flugverkehr in die ganze Welt nachzuvollziehen. Die Ergebnisse wurden im Fachjournal “New England Journal of Medicine” veröffentlicht.

Mit Unterstützung des St. Michael’s Krankenhaus und dem MaRS Discovery District wurde im Jahr 2012 aus dem Forschungsprojekt ein Start-Up. Khan sah sich selbst nie als Entrepreneur. Jedoch konnte er durch das Unternehmen Probleme lösen, die ihn als Arzt bewegten. Durch die Software kann er Kollegen aus dem Gesundheitssektor unterstützen und Patienten helfen.

Der Aufstieg

Zwei Jahre nach der Gründung tätigt Li Ka-sching, Handelsunternehmer aus Hong Kong und einer der reichsten Menschen der Welt, ein Privatinvestment in das junge Unternehmen. Das Start-up bekommt seinen neuen Namen “BlueDot”, eine Metapher für “unsere kleine Welt”, wie das Unternehmen auf seiner Website schreibt.

Im gleichen Jahr bricht das Ebola-Virus in Westafrika aus. Durch die BlueDot-Algorithmen kann die weitere Verbreitung der Krankheit in andere Teile der Welt prognostiziert werden. Das Zika-Virus, welches zuvor hauptsächlich in Afrika und Südostasien vorkam, sprang im Jahr 2015 nach Südamerika über. Das Virus wird vor allem aufgrund seiner Folgen für Föten gefürchtet, da die Krankheit Mikrozephalie, eine Fehlbildung des Gehirns und des Kopfes, hervorruft. Nach der Infektionswelle wurden zahlreiche Kinder in Brasilien mit dieser Behinderung geboren, für die es keine Behandlungsmöglichkeiten gibt. BlueDot sagte voraus, dass sich das Virus nach Florida ausbreiten würde. Sechs Monate nach der Warnung, wurden Fälle in Florida verzeichnet.

Im Jahr 2017 brachte das kanadische Start-up den “George Health Companion” in die App Stores. Die Anwendung informiert Reisende, wie sie sich vor den verschiedenen Krankheiten der Welt schützen können und bietet Medizinern weltweit die Möglichkeit, neue Krankheiten und Fälle zu melden. Die Anwendungen verbindet die Datenanalysen der KI mit einem sozialen Netzwerk. Khans Vision hinter dem Projekt: Jeder achtet individuell auf seine Gesundheit und wird durch die Applikation dabei unterstützt. So schützt man sich selbst, sein Umfeld und kann Infektionsketten schnell unterbrechen. Die Verbreitung über Reisende in andere Gebiete soll so an der Wurzel unterbunden werden, um größere Ausbrüche zu vermeiden.

BlueDot stellt seine Prognosen für die Verbreitung von Krankheiten seit 2018 mit der Anwendung “InSights" Unternehmen, Behörden und Gesundheitsinstitutionen zur Verfügung. Das System verfolgt 150 Krankheiten weltweit und erkennt Anomalien, die auf Entstehung neuer Krankheiten hinweisen können. Khan wurde im gleichen Jahr mit dem Governor General’s Innovation Awards ausgezeichnet.

Corona-Alarm zur Jahreswende

It's a sobering thought, but the reality is that this is not a question of if, it's a question of when.

Dass die nächste Epidemie kommen würde, wäre bereits klar. Das prophezeite Dr. Khan bereits in einem CBC-Interview im Oktober 2017. BlueDot lieferte am Silvestertag des Jahres 2019 das “Wann”. Über eine Woche vor der Weltgesundheitsorganisation WHO und der amerikanischen Gesundheitsbehörde CDC sagte die Software den Ausbruch einer neuen Krankheit im Wuhan-Gebiet voraus. Für den Epidemiologen beinahe ein Déjà-vu. COVID-19 stimme genetisch circa 80 Prozent mit dem SARS-Virus überein, dass vor 17 Jahren Toronto in Aufruhr versetzte.

Die KI-Anwendung hatte Medienberichte über vermehrte Fälle von Lungenentzündungen in Zusammenhang mit dem Huanan Seafood Market in Wuhan gebracht, auf dem unter anderem lebende Tiere verkauft werden. Die Information wurde von den Experten des BlueDot-Teams begutachtet und die Gemeinsamkeiten zu den Anfängen des SARS-Virus erkannt. Anhand der Flugdaten konnte eine Ausbreitung nach Bangkok, Hong Kong, Tokio, Taipeh, Phuket, Seoul und Singapur vorhergesagt werden. Die ersten gelisteten Orte der BlueDot-Software und die ersten Städte, die COVID-19-Fälle vermeldeten, stimmten überein.

Was im Januar für viele noch weitentfernte Realität war, bestimmt heute unser aller Alltag. Die Krise könnte den Weg ebnen, dass Prognosen, wie die von BlueDot, in Zukunft ernster genommen werden. Denn die nächste Epidemie wird kommen, davon ist Dr. Khan überzeugt. Mit künstlicher Intelligenz könnte sich die Welt auf bevorstehende Infektionswellen besser vorbereiten.

BlueDot hat mit jahrelanger medizinischer Forschung ein globales Frühwarnsystem für Infektionskrankheiten entwickelt. Die Software arbeite mittlerweile schneller, als sich Krankheiten ausbreiten, so Dr. Khan. Behörden, Krankenhäuser, Unternehmen und Fluggesellschaften könne man mithilfe der KI vorwarnen und eine zukünftige Pandemie verhindert werden.

KI is not the silver bullet. It doesn’t do everything. But it is a powerful tool.

Sarah Kolberg

Sarah Kolberg ist Redakteurin bei fintechcube und hat sich in ihrer bisherigen Laufbahn vor allem mit der digitalen Transformation im Public Sector beschäftigt.