KI made in Germany – Im Porträt: Infarm-Gründer Erez & Guy Galonska und Osnat Michaeli

Next Big Think Aug. 28, 2020

Wohnen Sie in der Stadt? Vielleicht gehören Sie zu den Glücklichen mit kleinem Kräutergarten auf dem Balkon. Aber für ein richtiges Gemüsebeet haben Sie wohl kaum Platz. Für frische Lebensmittel sind Städte auf das Umland angewiesen. Oder auf in Plastik abgepacktes, aus fernen Ländern importiertes Gemüse. Das wollen drei Israelis ändern und haben 2013 in Berlin das Start-up Infarm gegründet. In ihren Indoor-Farmen, die in immer mehr Gemüseabteilungen von Supermärkten zu finden sind, wächst direkt vor Ort frisches Gemüse für die Stadtbewohner! Und die Gewächshäuser sind nicht nur optisch ein Hingucker - in ihnen steckt viel Technik und künstliche Intelligenz (KI).

Der Traum vom selbstversorgenden Leben

Über viel Erfahrung in der Landwirtschaft verfügen die Brüder Guy und Erez Galonska sowie Erez‘ Partnerin Osnat Michaeli eigentlich nicht. Guy arbeitete als Koch, studierte zwischenzeitlich chinesische Medizin, Erez und Osnat kommen aus der Filmbranche. Die drei Israelis lieben es zu reisen und die Welt zu erkunden. Auf ihren Reisen wurde ihnen bewusst: wir entfremden uns immer stärker von unseren Lebensmitteln, insbesondere in den Städten. Anstatt wie früher Gemüse und Kräuter selbst anzubauen, lassen wir es über hunderte von Kilometern zu uns transportieren und kaufen es abgepackt in Plastik.

Der größte Mangel unserer heutigen Lebensmittelproduktion ist, dass sie zu weit weg von den Menschen ist, die sie zu ernähren versucht. (Erez Galonska)

Die beiden Brüder und Osnat verspürten darum ein immer stärkeres Bedürfnis nach einem selbstversorgenden Leben. Aufs Land ziehen wollten sie aber nicht, sie seien Stadtkinder. Sie experimentierten immer mehr mit Indoor-Farming. Und dachten sich irgendwann: Warum die Leidenschaft nicht zum Beruf machen? Um den Traum zu verwirklichen, zogen sie im Jahr 2012 nach Berlin.

In unserer Heimat Tel Aviv braucht keiner Indoor-Farming, dort ist das Wetter viel besser. Und Berlin ist zurzeit einfach die beste Stadt der Welt. (Osnat Michaeli)

In ihrer Wohnung in Neukölln tüftelten sie an Installationen, brachten sich die Materie anhand von YouTube-Videos selbst bei und besorgten notwendiges Material direkt im Baumarkt. Von Beginn an war viel technisches Geschick im Spiel: Die Pflanzen wuchsen vertikal übereinander und wurden über ein Röhrensystem automatisch bewässert sowie mit Nährstoffen versorgt. Erez, Guy und Osnat beobachteten ihre Pflanzen akribisch und schraubten immer wieder am System herum, um die Wachstumsbedingungen und den Geschmack zu perfektionieren.

Schon bald war die Wohnung von meterlangen Schläuchen durchzogen und glich einem Dschungel. Im Winter 2013 saßen sie schließlich in ihrer Wohnung in Neukölln, mittlerweile wuchsen dort über 100 Pflanzen. Draußen schneite es und trotzdem waren sie ausreichend mit frischem Gemüse versorgt.

Da haben wir zum ersten Mal verstanden, dass wir mit dieser Technologie einen echten Mehrwert für alle Menschen in der Stadt schaffen können, nicht nur für uns. (Osnat Michaeli)

Vom hippen Gemüsemarkt zu „Farming as a Service“

Die drei Israelis kauften einen alten Wohnwagen, bauten ihn zum mobilen Gewächshaus um und parkten ihn in den Prinzessinnengärten, eine Baubrache in Kreuzberg, die für Urban Gardening genutzt wird. Besucher konnten Gemüse und Kräuter selbst ernten und Samen pflanzen. Regelmäßig führten Erez, Guy und Osnat Debatten und Workshops durch, diskutierten ihre Ideen mit Stadtentwicklern, Architekten, Erfindern und Feinschmeckern.

Der Wohnwagen wurde unsere Forschungsstation und ein Labor, wo verschiedene Stimmen die Anfänge von dem geformt haben, was wir heute Infarm nennen. (Erez Galonska)

Und dann kam Werner Aisslinger in die Prinzessinnengärten und wurde auf das Gründerteam aufmerksam. Aisslinger, erfolgreicher Designer, kümmerte sich zu dieser Zeit um das Innendesign des neuen 25hours Hotels im Bikinihaus am Berliner Zoo. Er war von Infarm begeistert und ließ eine Indoor-Farm von ihnen kunstvoll in der Lobby installieren. Das darin gewachsene Gemüse und die Kräuter wurden direkt vor Ort durch das Hotel-Restaurant verwertet.

Das war quasi die Geburtsstunde ihres künftigen Geschäftsmodells. Nicht die hippen, urbanen Kleingärtner sollen ihre Hauptzielgruppe bilden, sondern Supermärkte, Restaurants, Hotels. Infarm vermietet die Indoor-Farmen als modulare Systeme, kümmert sich um den Betrieb, übernimmt die Bepflanzung und die Ernte. Die Kunden verwerten oder verkaufen das frische Gemüse und die frischen Kräuter direkt vor Ort. „Farming as a service“ nennt es Infarm.

Die intelligente Indoor-Farm

Die Indoor-Farmen von Infarm funktionieren hydroponisch. Das bedeutet, die Pflanzen wachsen nicht wie gewöhnlich in Erde, sondern in einem Substrat aus Kokosfasern. Gemüse und Kräuter werden in mehreren Etagen, vertikal übereinander angebaut und die Fläche so höchst effizient genutzt. Pumpsysteme speisen die Pflanzen regelmäßig mit nährstoff-angereichertem Wasser. Licht erhalten sie über LED-Leisten, die das Licht-Schatten-Spiel eines bewegten Sonne-Wolken-Mix imitieren.

Herzstück der Farmen ist aber die Technik und die Software. Sie sind ausgestattet mit Robotik, gesteuert durch künstliche Intelligenz. Bis auf den Bepflanzungs- und Erntevorgang ist alles vollkommen automatisiert: Sensoren überwachen die Anlage und jede einzelne Pflanze rund um die Uhr.

Wir wissen gewissermaßen, wann die Pflanze isst, schläft oder wächst. (Erez Galonska)

Die Daten jeder einzelnen Farm landen auf einer digitalen Plattform bei Infarm und werden analysiert. Die KI-basierte und hausgemachte Software erkennt Muster und lernt durch maschinelles Lernen laufend dazu. Welche Parameter haben Einfluss auf das Wachstum – der Lichteinfall, der pH-Wert, die Luftfeuchtigkeit? Das System lernt von jeder einzelnen Farm und kann erforderliche Maßnahmen für alle Farmen direkt ergreifen - zentral aus Berlin. Es ist, als ob man einen großen Acker bewirtschaften würde. Nur befindet sich dieser nicht direkt vor der Tür, sondern ist dezentral auf der ganzen Welt verteilt. Die Gründer nennen das „Cloud Farming“.

Infarm wächst so schnell wie ihr Gemüse

Erster Großkunde nach dem 25hours Hotel in Berlin war der Großverteiler Metro. Ab 2016 stand eine Farm in ihrem Cash & Carry in Friedrichshain. Schnell kamen weitere Supermarktketten hinzu – Edeka und Rewe, erst kürzlich haben auch Aldi und Kaufland eine Zusammenarbeit angekündigt. Doch nicht nur in Deutschland, auch im Ausland ist Infarm präsent. Ihre Farmen gibt es in sechs weiteren europäischen Ländern, darunter Frankreich und das Vereinigte Königreich.

Im vergangenen Jahr schaffte das Berliner Start-up den Sprung über den großen Teich und installierte erste Farmen in den USA und in Kanada. Beginn des Jahres kündigte Infarm eine Partnerschaft in Japan an. Aber nicht nur in Supermärkten, auch in zahlreichen Restaurants stehen Indoor-Farmen von Infarm - unter anderen im Restaurant des Spitzenkochs Tim Raue. Über 900 Infarm-Farmen sind aktuell in Betrieb, die monatlich insgesamt 250.0000 Pflanzen produzieren. Dazu kommen zehn größere zentrale Standorte, von denen aus Supermärkte zentral beliefert werden.

Infarm erhielt über drei Finanzierungsrunden rund 150 Millionen Euro. Allein in der dritten Finanzierungsrunde Mitte 2019 konnten sich die Gründer 100 Millionen sichern - eine der größten europäischen Finanzierungsrunde für ein Agrar-Tech (AgTech) Unternehmen. Zu den Investoren gehören große Namen wie Atomico, Balderton Capital oder Cherry Ventures.

Erzeuger und Konsumenten wieder näher zueinander bringen

Doch hinter Infarm steckt nicht nur ein kluges Geschäftsmodell. Infarm will die Art und Weise, wie wir unsere Lebensmittel produzieren und konsumieren revolutionieren.

Wenn man die gegenwärtige Landwirtschaft genauer betrachtet, produziert sie vor allem gigantische Mengen an Abfall. Wir glauben, das ist nicht mehr notwendig. (Guy Galonska)

Erzeuger und Verbraucher werden wieder näher zueinander gebracht: Gemüse und Kräuter werden genau dort gekauft, wo sie gewachsen sind. Die Pflanzen können sogar beim Wachsen beobachtet werden - insbesondere für Stadtbewohner ein neues Erlebnis. Der Kunde kann sich so jederzeit sicher sein, frische Lebensmittel angeboten zu bekommen.

Vor allem ist die Produktion aber im Vergleich zur industriellen Landwirtschaft viel effizienter: Rund 95 Prozent weniger Wasser und 75 Prozent weniger Düngermittel werden benötigt, chemische Pestizide werden überhaupt nicht angewandt. Eine Indoor-Farm mit einer Grundfläche von zwei Quadratmetern kann ungefähr so viel Gemüse und Kräuter produzieren, wie 113,5 Quardratmeter Ackerfläche es könnten. Gerade für den engen urbanen Raum eine gute Möglichkeit Lebensmittel effizient, ökologisch und frisch zu produzieren.

Die Menschen in Europa haben einen immer höheren Anspruch an ihre Ernährung. Die Qualität soll gut sein und die Herstellung möglichst nachhaltig bleiben. Dafür haben wir eine technische Lösung entwickelt. (Osnat Michaeli)

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Dominic Hauser

Dominic Hauser ist Redakteur bei fintechcube. Davor war er in Bern als politischer Redakteur tätig und beschäftigte sich nach seinem Umzug nach Berlin mit der Digitalisierung des Public Sectors.