Krypto Made in Germany – Im Porträt: Iota Gründer Dominik Schiener

Next Big Think Jan. 15, 2021

Kryptowährungen gibt es ganz viele. Doch wussten Sie, dass eine der größten und beliebtesten aus Deutschland kommt? Seit 2015 besteht das Open-Source-Projekt Iota in Berlin. Die Kryptowährung ist aber mehr als nur ein weiterer Bitcoin. Die gemeinnützige Iota-Stiftung will mit ihr die Maschinenökonomie ermöglichen und damit das Rückgrat des Internet der Dinge werden. Was das bedeutet und wieso Iota anders als andere Kryptowährungen nicht auf der klassischen Blockchain-Technologie basiert, lesen Sie in unserem Porträt über den Iota-Mitgründer Dominik Schiener.

Der Gründer

Dominik Schiener ist 24 Jahre alt, hat aber wohl schon mehr erlebt als so mancher Mittvierziger. Aufgewachsen ist er in einem kleinen Dorf im Südtirol.  Als Teenager verbrachte er – wie wohl viele Jungs in diesem Alter – viel Zeit vor PC und Konsolen. Er selbst bezeichnet sich rückblickend als Hardcore-Gamer, vor allem das Online-Game Call of Duty habe es ihm angetan. Aus Neugier und Langeweile, so sagt er es selbst, hackte er sich mit 14 Jahren ins Leader-Board ein. Er programmierte die Spiel-Patches so um, dass er über Nacht Nummer Eins in der Rangliste wurde.

Da kam dem schlauen Südtiroler die erste Geschäftsidee: Er verkaufte seine Hacks an andere Spieler und kam so auf ein für sein Alter stattliches Einkommen. Das Problem dabei: Für Bezahlsysteme wie PayPal und Co war er eigentlich noch zu jung. Er schaute sich daher nach Alternativen um und stieß – auch dank seines großen Online-Freundeskreises – auf Kryptowährungen. Dem Business Insider erklärte er:

Langeweile und ein Zugang zum Internet brachten mich zu Kryptowährungen.

Wirklich lange war er mit seinen Ranglisten-Hacks aber nicht erfolgreich, die Betreiber kamen ihm schnell auf die Schliche. Also investierte er seine Zeit und Geschäftstüchtigkeit in ein neues Projekt: selbstprogrammierte Advertising-Plattformen. Das Prinzip war ganz simpel. Schiener setzte eine Nischen-Website für einen auf Google erfolgreichen Suchbegriff auf, kreierte Content und optimierte die Seite für Suchmaschinen (SEO). So sollten möglichst viele Nutzer auf seiner Website landen und er selbst Geld für die Werbung kassieren.

Tatsächlich funktionierte die Idee und Schiener machte reichlich Gewinn. Diesen investierte er in Bitcoins und war selbst als Miner aktiv. Eine sehr profitable Angelegenheit: Bereits mit jungen 16 Jahren hatte er ein größeres Vermögen als seine Eltern.

Zwischenhalt im Krypto Valley

Andere Jugendliche würden das Geld wohl in Partys investieren. Doch Schiener war nicht wie andere – er wollte das Geld nutzen, um sein erstes Start-up zu gründen. Seine Idee: Eine Handelsplattform für Kryptowährungen. Denn damals im Jahr 2012 assoziierten viele Bitcoin noch mit Geldwäsche und Drogenhandel. Banken wollten auf keinen Fall mit Krypto Start-ups zusammenarbeiten, es war schwer mit Euros oder Dollars ins Ökosystem hineinzugehen und Token zu kaufen. Schiener wollte das ändern.

Um seine Idee zu verwirklichen, zog er mit 17 Jahren nach Zug in der Schweiz. Zug wurde damals als „Krypto Valley“ bezeichnet und ist heute noch ein Hub, in dem es zahlreiche Krypto Start-ups gibt. Noch nie in seinem Leben ist er auch nur alleine gereist – doch für ihn gab es keine andere Möglichkeit, als in die Schweiz zu ziehen.  Seine Eltern setzen jedoch durch, dass er sein Abitur abschließen muss.  Und so pendelte Schiener fortan zwischen Zug und dem Südtirol.

Die Unternehmung war aber nicht nur wegen der vielen Pendelei stressig für Schiener. Dass die Gründungsphase nicht einfach ist und von viel Ungewissheit geprägt ist, weiß wohl jeder Unternehmer.

Und wenn du jetzt ein fucking Bitcoin Start-up hast, dann ist diese Ungewissheit nochmal extrem höher.

Wie jeder Gründer musste sich Schiener um die Finanzierung, ein kompetentes Team und den Product-Market-Fit kümmern. Bei seinem Bitcoin Start-up kamen zusätzlich weitere, vor allem juristische Herausforderungen dazu. Ist das überhaupt legal, was ich da mache? Und wie sehen Regulierungen in Zukunft aus? Schiener hatte mit vielen Unsicherheiten zu kämpfen. Ende 2017 kam dann der große Bitcoin-Crash, er verlor fast sein ganzes Vermögen.

Das war sehr bitter, ich dachte, alles verloren zu haben und wollte mit Unternehmertum zwischenzeitlich nichts mehr zu tun haben.

Die Weiterentwicklung der Blockchain

Er zog wieder zurück ins Südtirol, doch sein Interesse für die Blockchain-Technologie und Kryptowährungen flachte nicht ab. Ihn faszinierte insbesondere das Konzept der „permissionless innovation“, also der barrierefreien Innovation. Mit der Blockchain-Technologie wurde ein Ökosystem geschaffen, an dem jeder teilnehmen kann. Da nicht mehr nur Daten, sondern auch Werte digital ausgetauscht werden können, sind ganz neue Geschäftsmodelle möglich. Kurz: Die Blockchain-Technologie ist ein kompletter Gamechanger.

Gleichzeitig schaut er aber auch mit Sorge auf die Community. Die Leute würden sich nicht mehr auf Innovationen fokussieren, sondern auf die Frage, wie sie reich werden können. Gegenüber dem Business Insider zeigte er sich konsterniert:

Es hieß, man könne damit die dringendsten Probleme der Menschheit lösen, Flüchtlinge integrieren.  Es ist einfach nichts passiert. Jetzt wollen einige mit Bitcoin reich werden, aber mit dem Grundsatz und vor allem dem Potential einer Blockchain hat das nichts mehr zu tun.

Doch nicht nur die Community, auch die Technologie an sich hat laut Schiener ihre Schwächen. Einerseits gibt es das immer wieder kritisch diskutierte Skalierungsproblem: Im Bitcoin-Netzwerk können gerade einmal sieben Transaktionen pro Sekunde durchgeführt werden. Bei Visa und Mastercard sind es 4.000. Anderseits steigen die Transaktionskosten laufend und sind mittlerweile höher als bei Banken. Zudem sieht Schiener Probleme beim aktuellen „Proof of Work“-Prozess und bei der Rolle der Miner. Miner sind eine besondere Gruppe von Nutzern im Netzwerk und fassen neue Transaktionen zu Blöcken zusammen. Um Manipulation zu verhindern, müssen sie ordentlich Rechenleistung einsetzen und so einen „Proof of Work“ vorweisen. Dieser Prozess ist einerseits sehr energieintensiv. Anderseits sieht Schiener bei diesem Prozess ein systemisches Problem, wie er dem Online-Magazin Barfuss.it sagte:

Miner, wie es sie bei Bitcoin gibt, sind ein systemisches Risiko, denn sie sind Entscheidungsträger. Es handelt sich bei Bitcoin also nicht um ein komplett dezentrales Netzwerk, denn dort dominieren die Miner.

Um die großen Stärken zu nutzen, die Schwächen aber zu beseitigen, gründete Dominik Schiener 2015 zusammen mit David Sønstebø, Sergey Ivancheglo und Sergei Popow das Open-Source-Projekt Iota und gab eine eigene Kryptowährung heraus. Anders als die meisten anderen Kryptowährungen basiert Iota aber nicht auf der Blockchain-Technologie, sondern auf einer selbstentwickelten Weiterentwicklung, dem Tangle.

Während die Blockchain eine chronologische Abfolge von Transaktionen ist, gleicht der Tangle eher einem Netz. Auch mit dem Tangle können Daten und Werte vertrauenswürdig und sicher ausgetauscht werden. Die Rechenvorgänge sollen im Vergleich zur Blockchain aber schneller und dadurch energieeffizienter durchgeführt werden. Je mehr Nutzer im Netzwerk beteiligt sind, desto schneller funktioniert es zudem, was eine Skalierbarkeit ermöglicht. Und vor allem: Es sind keine Miner notwendig. Mit jeder getätigten Transaktion validiert der Nutzer zwei weitere Transaktionen.

Die Vision der Maschinenökonomie

Ein weiterer Unterschied zum Bitcoin ist, dass Schiener und Co mit Iota einen konkreten Sinn verfolgen: die Maschinenökonomie. Intelligente, miteinander vernetzte Maschinen sollen Zahlungen und Datentransfers untereinander abwickeln können. Dafür verfügen sie über ein Wallet, mit dem sie eine andere Maschine bezahlen oder ihr eine eigene Ressource verkaufen können. Das autonome Fahrzeug kann mit dem Iota-Wallet beispielsweise den Parkplatz, die Maut oder die E-Ladung selbstständig bezahlen. Oder der Kühlschrank merkt dank künstlicher Intelligenz (KI) nicht nur, dass gewisse Lebensmittel fehlen und nachbestellt werden müssen, sondern er kann die Bestellung mit seinem Wallet direkt selbst bezahlen.

Wir wollen nicht nur die Maschine automatisieren, sie also schlauer, sondern sie wirklich unabhängig machen.

Solche Machine-to-Machine-Transaktionen (M2M) sind zentral für das Internet der Dinge (Internet of Things; IoT). Im Internet der Dinge sind Maschinen und Alltagsgegenstände intelligent miteinander vernetzt und können untereinander kommunizieren. Das Internet der Dinge ist ein wichtiger Bestandteil der Industrie 4.0, des Smart Homes oder unserer zukünftigen Mobilität. Iota will mir ihrer Kryptowährung zum Standard und somit zum Rückgrat des Internet der Dinge werden.

An dieser Vision arbeitet die gemeinnützige Iota-Stiftung mit Sitz in Berlin, die unter anderem von Dominik Schiener geleitet und durch Spendengelder und Fördermittel finanziert wird. Die Stiftung kümmert sich einerseits um die technologische Weiterentwicklung. Im neuen Jahr wird es beispielsweise ein großes Update des Iota-Protokolls auf Iota 2.0 geben, das letzte bekannte Probleme des Tangles beheben soll. Anderseits verfolgt die Stiftung konkrete Projekte, entwickelt Produkte und arbeitet an eigenen Start-ups. Dafür arbeitet die Iota-Stiftung auch mit großen Playern wie Bosch, Microsoft, Volkswagen oder gar der japanischen Regierung zusammen.

Iota ist inzwischen eine der größten und beliebtesten Kryptowährungen weltweit. Die EU sieht Iota als „Key Innovater“, die Konzepte seien insbesondere optimal für den Einsatz im Bereich der E-Mobilität und dezentraler Energienetze. Es läuft also rund für Dominik Schiener und seine Community. Doch 2020 war kein einfaches Jahr: Corona, Kursstürze bei Kryptowährungen, Kritik an der Stiftungsleitung und der künftigen Strategie. Doch Schiener lässt sich nicht beirren und ist schon wieder auf Kurs. Dabei geholfen hat ihm wohl auch sein Motto:

Wenn ich beschreiben müsste, was mich im Leben definiert hat, dann auch dieser Gedanke: „Was andere machen können, kann ich auch""

Über Iota

  1. Iota ist eine Kryptowährung, die von der gemeinnützigen Iota-Stiftung mit Sitz in Berlin ausgegeben wird.
  2. Die Iota-Stiftung arbeitet an der Maschinenökonomie und will das Rückgrat des Internet der Dinge werden.
  3. Mitgründer der Iota-Stiftung ist der 24-jährige Dominik Schiener.

Dominic Hauser

Dominic Hauser ist Redakteur bei fintechcube. Davor war er in Bern als politischer Redakteur tätig und beschäftigte sich nach seinem Umzug nach Berlin mit der Digitalisierung des Public Sectors.