Virtual Reality Made in Germany – Im Porträt: Lofelt CEO Daniel Büttner

Next Big Think Juli 17, 2020

Wann waren Sie das letzte Mal auf einem Konzert? Corona-bedingt wahrscheinlich schon länger nicht mehr. Was vermissen Sie am meisten? Ihre Lieblingsband live zu sehen? Das Gruppengefühl? Oder den wummernden Bass in Ihrem Körper? Zumindest letzteres ist dank Daniel Büttner und seinem Berliner Start-up Lofelt auch zuhause und unter Wahrung aller Abstandsregeln möglich!

Lofelt hat ein Armband entwickelt, mit dem man Musik nicht nur hören, sondern auch spüren kann. Musik zuhause oder unterwegs anzuhören soll sich anfühlen, als ob man sich in der Konzerthallte oder im Club befindet. Doch geht es nicht nur um die Musik – mit Lofelt will Büttner die haptische Technologie aus dem Dornröschenschlaf holen.

Der Gründer

Für einen Gründer eines Technikunternehmens verfügt Daniel Büttner über einen ziemlich ungewöhnlichen Lebenslauf. Er hat nicht etwa ein Studiengang in Maschinenbau, Robotik oder Physik absolviert – er studierte in New York und Liverpool klassische Musik, ist ausgebildeter Kontrabass-Spieler und tourte jahrelang mit Orchestern und Jazzbands rund um die Welt.

Musik begleitet ihn seit Kindertagen. Im Alter von zehn Jahren begann er Klavier zu spielen, kurz darauf setzte er sich ein erstes Mal an den Synthesizer und produzierte elektronische Musik. Den Synthie tauschte er aber schnell gegen seinen geliebten Kontrabass. Denn mit der elektronischen Musikproduktion wurde er nie richtig warm:

It is a completely dead interface for music making. You press a button and there is nothing coming back, there is no string vibrating, no feeling to you as a performer what your music does and the energy level of your music.

Nach seinen zahlreichen Engagements in Orchestern kehrte er in den 90er-Jahren nach Deutschland zurück und arbeitete erst in Hamburg bei Emagic, später in Berlin bei Ableton – beides Hard- und Softwareunternehmen für die Musikproduktion. Als Produktmanager verbrachte er viel Zeit mit Musikern im Studio und musste feststellen: Auch jetzt, 15 Jahre nach seinen ersten Synthie-Erfahrungen, ist die Technik noch nicht weitergekommen. Büttner fällte darum den Entschluss:

I wanna make music passable through the body and not only through the ears.

Die Anfänge

Zusammen mit Gwydion ap Dafydd gründete er 2014 in Berlin das Unternehmen Lofelt. Ihr erstes Projekt war das Basslet, eine Art Mini-Subwoofer für den Arm. Mit dem Basslet soll man unterwegs Musik so im Körper spüren, als ob man im Club oder bei einem Live-Konzert wäre.

Die Herausforderung: Subwoofer sind große Geräte mit viel Power. Wie soll ein solcher nun an den Arm gebunden werden? Auf dem Markt gab es noch keine entsprechende Hardware, also musste Lofelt diese selbst entwickeln. Büttner machte sich weltweit auf die Suche nach Hilfe und stellte ein interdisziplinäres Team zusammen, bestehend aus Technikern mit dem notwendigen Hardware-Knowhow und Experten mit musikalischem Hintergrund.

Ende 2016, nach rund zwei Jahren Entwicklung, konnten die ersten Basslets verschifft werden. Das Basslet besteht aus einem Armband, das man wie eine Uhr am Arm trägt, sowie einem Transmitter. Den Transmitter verkabelt man zwischen der Audioquelle, beispielsweise dem Handy, und den Kopfhörern. Er erkennt die Bass-Frequenzen der Musik und überträgt diese drahtlos ans Armband. Das Armband überträgt die Frequenzen mittels Vibrationen auf die Haut und erschafft so das Live-Musik-Erlebnis.

Diese erste Serie finanzierten Büttner und seine Mitstreiter zu einem großen Teil über eine Kickstarter-Kampagne. Ziel der Kampagne war es ursprünglich 50.000 Euro für die Produktion zu sammeln. Am Schluss waren es knapp 600.000 Euro. Und die Käufer waren schlicht begeistert:

There‘s something really compelling and interesting about the basslet that we see over and over again. It‘s basically you don‘t know that you need it until you tried it.

Der Aufstieg

Mit dem Basslet hat Büttner seine Vision, Musik spürbar zu machen, Realität werden lassen. Doch geht es Büttner nicht mehr nur um die Musik – er will haptische Systeme insgesamt verbessern. Bei Haptik geht es darum, wie sich etwas anfühlt. Dass man von einem technischen Gerät nicht nur visuelles und akustisches Feedback bekommt, sondern auch etwas spürt. Einfachstes Beispiel ist der Vibrationsalarm in unserem Handy. Doch geht es bei Haptik um weit mehr.

Gerade im immer größer werdenden Markt von Augmented Reality (AR) und Virtual Reality (VR) wird für das Erreichen kompletter Immersion Haptik immer wichtiger. Eine virtuelle Umarmung bei einer VR-Anwendung könnte sich durch entsprechende Technik wie eine reale Umarmung anfühlen. Beim Fußball-Computerspiel „Fifa“ kann man das Gras unter den Füßen des virtuellen Spielers spüren oder während dem neusten Blockbuster den Aufprall bei einem Autounfall miterleben.

Lofelt entwickelt einerseits die notwendige Hardware, sogenannte Aktuatoren. Aktuatoren erzeugen die für das haptische Erlebnis notwendigen Vibrationen und geben diese an die Rezeptoren auf der Haut weiter. Anderseits entwickelt das Berliner Unternehmen entsprechende Software. Software, mit der nicht nur vordefinierte haptische Erlebnisse möglich sind, sondern das System anhand der Geräusche und Bilder die notwendige Haptik automatisch erkennt und erzeugt.

Die haptischen Systeme von Lofelt sind bereits in verschiedenen Produkten auf dem Markt verbaut. Beispielsweise in den Gaming-Kopfhörern des US-Amerikanischen Unternehmens „Razor“, in einem portablen Synthesizer des schwedischen Unternehmens „Teenage Engineering“ oder in VR-Simulatoren für die medizinische Ausbildung des Schweizer Unternehmens „Virtamed“.

Mit einheitlichem Standard und Open Source zum Durchbruch

Lofelt ist erfolgreich und die Berliner konnten zahlreiche Investoren von ihren Produkten und Ideen überzeugen. Doch Daniel Büttner geht es nicht alleine um den wirtschaftlichen Erfolg: Er will die Technik als Ganzes voranbringen.

The problem is that haptic technology is often considered a secondary feature in product and experience design. We’re out to change that.

Aktuell fehle es im Bereich der Haptik an einem einheitlichen, quantifizierbaren Standard. Die Qualität von Bildschirmen kann anhand der Auflösung miteinander verglichen werden, die Soundqualität anhand Frequenzgang oder Verzerrungswert. Doch bei haptischen Systemen fehlt ein solcher Messwert. Unternehmen wie Sony oder Nintendo werben zwar mit HD-Haptik. Doch was HD in diesem Zusammenhang genau bedeutet, ist nicht definiert und die Bezeichnung entspricht eher einem Marketinglabel.

Büttner plädiert daher für ein von der Branche gemeinsam erarbeiteten Standard. Lofelt hat mit „VT-1“ einen ersten Vorschlag gemacht, der durch die Community diskutiert und ergänzt werden soll. In einem solchen Standard soll festgehalten werden, welche Messwerte ein gutes haptisches Erlebnis ausmachen und wie diese gemessen werden.

Büttner ist zudem der Meinung, der Markt sei zu fragmentiert und die einzelnen Akteure wie beispielsweise Technikhersteller und Softwareentwickler würden zu wenig miteinander zusammenarbeiten. Er sieht deshalb Open-Source-Lösungen als den richtigen Weg. Quelltexte entsprechender Software sollen offen, Schnittstellen standardisiert sein.

I believe that we’re basically all in the same boat.

Noch ist haptisches Feedback für viele Technik-Hersteller eine nette Spielerei. Doch dank Visionären wie Daniel Büttner könnte sich das in naher Zukunft ändern.

Über das Unternehmen

  • Lofelt wurde 2014 von Daniel Büttner und  Gwydion ap Dafydd in Berlin gegründet.
  • Ihr erstes Produkt war das Basslet: Ein Armband, mit dem man Musik nicht nur hören, sondern auch spüren kann.
  • Lofelt ist der Meinung, dass haptische Technologie aktuell zu wenig Beachtung geschenkt wird und will die Branche als Ganzes voranbringen.

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Dominic Hauser

Dominic Hauser ist Redakteur bei fintechcube. Davor war er in Bern als politischer Redakteur tätig und beschäftigte sich nach seinem Umzug nach Berlin mit der Digitalisierung des Public Sectors.