Virtual Reality Made in Europe: Im Porträt – MindMaze Gründer Tej Tadi

Next Big Think Nov. 06, 2020

Rund 15 Millionen Menschen erleiden jedes Jahr einen Schlaganfall – und es werden laufend mehr. Häufig regenerieren betroffene Gehirnregionen nicht komplett, Betroffene müssen lernen, mit Lähmungen zu leben. Das findet Tej Tadi, Gründer des Schweizer Deeptech-Start-ups MindMaze, nicht akzeptabel! Er hat die Therapie von Schlaganfallpatienten durch Virtual Reality (VR) ergänzt und ihre Rehabilitationschancen damit erhöht. Sein Ziel hat der CEO des ersten Schweizer Einhorns damit aber noch lange nicht erreicht. Denn er will die Funktion des menschlichen Gehirns in die virtuelle Welt holen. Wie er das schaffen will und welche Rolle dabei ein kleiner Chip spielt – lesen Sie es in unserem Porträt.

Der Gründer

Tej Tadi ist 39 Jahre alt und kommt ursprünglich aus Hyderabad, Indien. Sowohl seine Mutter als auch sein Vater sind Ärzte und eigentlich wollte er nie in ihre Fußstapfen treten. Lieber wollte er etwas, wie er es sagt, „tun“:

Ich habe schon immer getüftelt, Dinge ausprobiert. In der Regel will ich Sachen sofort haben, will nicht warten.

Also studierte er nicht Medizin, sondern Elektrotechnik. Ursprünglich wollte er sein Studium mit einem Master in den USA abschließen. Doch der Zufall wollte, dass er nicht in den Vereinigten Staaten, sondern am beschaulichen Genfersee in der Schweiz landet. Während seines Studiums in Indien beschäftigte er sich mit einer Brennstoffzelle, mit der weltweit nur wenige Forscher arbeiten – unter anderem ein Professor an der renommierten École polytechnique fédérale de Lausanne (EPFL). Auf Einladung dieses Professors kam er 2004 nach Lausanne und nahm schließlich ein Masterstudium in Virtual Reality Computer Graphics auf. Eigentlich wollte er in den Bereich der Special Effects gehen. In diesem hat er bereits in Indien als Freelancer erste Erfahrungen gesammelt.

Ich wollte simulierte Explosionen oder Flammenstöße auf der Leinwand real erscheinen lassen.

Pläne sind gut, oft kommt es aber anders. Im Rahmen seines Studiums arbeitete er an einem Projekt, dessen Ziel es war, die Fortbewegung von virtuellen Avataren realistischer erscheinen zu lassen. Für Recherchezwecke und um Effekte des Gehirns zu untersuchen, verbrachte er viel Zeit in einem naheliegenden Krankenhaus. Dabei entdeckte er, dass Phantomschmerzen von Patienten mit Amputationen durch virtuelle Prothesen gelindert werden können. Wird Patienten mit einer VR-Brille vorgegaukelt, sie würden einen Arm haben und können diesen bewegen, so verschwinden die Schmerzen.

Dieser Effekt geht auf die „Embodiment Illusion“ zurück, die erstmals 1998 bei Versuchen an der University of Pittsburgh beobachtet werden konnte. Bei Experimenten wurde die echte Hand von Probanden unter den Tisch gelegt, auf dem Tisch lag stattdessen eine Gummihand. Nun wurde erst sowohl die Gummihand als auch die echte Hand gestreichelt. Plötzlich schlugen die Forscher aber mit einem Hammer auf die Gummihand – und die Probanden schraken auf! In einem ersten Moment spürten sie tatsächlich einen Schmerz, obwohl ihre Hand unversehrt unter dem Tisch lag.

Dieser Effekt entsteht deshalb, weil das menschliche Gehirn die Hand auf unterschiedliche Weisen wahrnimmt. Die Augen sehen sie, die Ohren hören ihre Bewegungen, der Tastsinn nimmt Berührungen war. Alle diese Informationen werden an das Gehirn gesendet, dieses kombiniert die Informationen und zieht den Schluss: Die Hand gehört zu meinem Körper!

Die Illusion funktioniert nur, wenn das Gehirn überzeugt ist, dass das künstliche Gegenüber dem eigenen Körper gehört.

Die Materie interessierte Tadi so sehr, dass er am Labor des Neurowissenschaftlers Olaf Blanke an der EPFL seine Promotion begann. Er beschäftigte sich mit dem Mechanismus hinter der Illusion und wie diese durch den Einsatz von Virtual Reality ergänzt werden kann.

Mit Virtual Reality Schlaganfallpatienten helfen

Bei seinen Recherchen im Krankenhaus sah Tadi auch, dass sich gerade Schlaganfallpatienten häufig nicht vollständig erholen, weil die traditionelle Rehabilitation unzureichend ist. Nach einem Schlaganfall bleibt dem Gehirn für die Regeneration nur eine kurze Zeitspanne. Diese verstreicht oft ungenutzt, da die Zahl an Patienten die Zahl der Therapeuten bei weitem übersteigt. Einen großen Teil des Tages würden Patienten auf ihre Therapie warten.

Alles was der Patient tut, ist rumzusitzen und zu warten. (…) Am Ende gibt er auf und lernt mit seiner Behinderung zu leben. Ich finde, das ist nicht akzeptabel!

Durch diese Beobachtung wurde neben seinem wissenschaftlichen auch Tadis unternehmerischer Ehrgeiz geweckt. Er wollte eine Technologie entwickeln, mit der die Genesungschancen von Schlaganfallpatienten steigen und dafür bestehende Therapiemöglichkeiten durch intuitive und spielerische Elemente ergänzen. Im Jahr 2012 gründete er daher das Unternehmen MindMaze.

Sein erstes Produkt kam mit MindMotion Pro 2016 auf den Markt. Es ist ein Gerät für die stationäre Therapie, das direkt ans Patientenbett gerollt werden kann. Der Patient fährt in seinem Bett beispielsweise ein virtuelles Autorennen, sitzt in einem Flugsimulator oder zerschneidet vom Himmel fallende Früchte mit einem Samurai-Schwert. Bewegungen führt er mit seinem Körper, beispielsweise mit dem gesunden Arm aus. Der digitale Avatar führt die Bewegung aber mit dem gelähmten Arm aus. Aufgrund der beschriebenen „Embodiment Illusion“ werden vom Schlaganfall betroffene Regionen im Gehirn aktiviert und so eine Rehabilitation unterstützt.

MindMotion Pro arbeitet mit einer selbstlernenden Bewegungserkennung und einer eigens entwickelten Software. Bei der Entwicklung haben Tadi und sein Team stets an der Schnittstelle von Virtual Reality, Neurowissenschaften, Sensortechnik und künstlicher Intelligenz (KI) gearbeitet. Kurz später kam mit dem MindMotion GO ein Gerät auf den Markt, mit dem Patienten therapeutische Spiele auch nach ihrer Entlassung von zuhause aus absolvieren können.

Die Geräte wurden sowohl in Europa als auch in den USA von den zuständigen Behörden für die Therapie zugelassen. Im September konnte MindMaze eine Zusammenarbeit mit dem Mount Sinai Health System bekanntgeben, dem größten Gesundheitsnetzwerk in New York City. Insbesondere in Zeiten von Corona ist es für die Kliniken hilfreich, dass Patienten auch zuhause therapiert werden können. Durch ein Echtzeit-Monitoring und Audio- sowie Videofunktionen haben Therapeuten den Fortschritt der Patienten weiterhin stets im Blick und können mit ihnen kommunizieren.

Funktion des menschlichen Gehirns in die virtuelle Welt holen

Trotz seinen Erfolgen mit VR-Anwendungen im Gesundheitsbereich – Tadi sieht sein Unternehmen weder als Healthtech-Start-up noch als VR-Unternehmen. Tadi will mit MindMaze vielmehr die Funktion des menschlichen Gehirns in die virtuelle Welt holen und das menschliche Lernen so beschleunigen. Der Gesundheitsbereich war für ihn ein erster Ausflug, um Glaubwürdigkeit in der Neurowissenschaft aufzubauen. Nachdem er dieses Ziel mehr als erreicht hat, arbeitet er an Ideen und Lösungen in vielen weiteren Bereichen:

Wir wollen entlang mehrerer Verticals Erfolg haben. Unsere Technologie wird schon bald in verschiedenste Lebensbereiche vordringen.

Bereits 2015 hat Tadi auf einer Entwicklerkonferenz das MindLeap Headset vorgestellt, intern nur „The Mask“ genannt. Neben einem Bewegungstracking misst ein EEG laufend neuronale Aktivitäten und Stimmung des Trägers. Signale an Muskeln in Stirn und Wangen werden erkannt, bevor er sein Gesicht überhaupt verzieht. Emotionen können so ohne große Verzögerung in die virtuelle Welt übertragen werden. The Mask ist bereits in der Lage zehn Ausdrücke mit einer Genauigkeit von 96 Prozent zu messen, beispielsweise Blinzeln, Zwinkern oder Lächeln. Ziel ist es die Palette auf 30 Ausdrücke zu erweitern.

Ohne Ausdruck und Emotionen kann man nicht sozial interagieren – „the Mask“ ermöglicht das auf eine sehr intuitive Art und Weise.

Letztes Jahr hat MindMaze eine Partnerschaft mit McLarens Racing abgeschlossen. Ein System überwacht wichtige neuronale Signale des Rennfahrers und schickt diese in Echtzeit an das medizinische Team am Pistenrand. Bei einem Zwischenfall weiß dieses sofort, was im Hirn vorgeht. Eine Technik, die langfristig die Sicherheit aller Fahrer im Straßenverkehr erhöhen und auch bei der Entwicklung  autonomer Fahrzeuge und Transportsysteme helfen könnte.

Aber alles was MindMaze macht, hilft Tadi dabei, seine eigentliche Vision zu verwirklichen: Den CogniChip. Der CogniChip ist ein Computerchip, der die Arbeitsweise des Gehirns imitiert. Er kann mehrere parallellaufende Prozesse gleichzeitig verarbeiten – eine Aufgabe, an der herkömmliche Chips scheitern. So wie das Hirn laufend ganz viele Sinnesreize und Wahrnehmungen kombiniert, tut dies der CogniChip mit Inputs aus verschiedenen Datenquellen wie Kameras, Sensoren oder EEGs. Dieser Chip war von Anfang an Tadis Ziel:

Aber wenn ich von Beginn an gesagt hätte, wir wollen mit einem Chip, der wie ein Mensch denken kann, die Realität simulieren – naja, das wäre lächerlich gewesen.

Das erste Schweizer Einhorn hat noch viel vor

Noch gibt es den CogniChip nicht – doch die Investoren haben großes Vertrauen, dass Tadi dieses Ziel erreichen kann. Nach einer Finanzierungsrunde über 100 Millionen US-Dollar, an der vor allem der indische Mischkonzern Hinduja Group beteiligt war, wurde MindMaze’s Unternehmenswert 2016 das erste Mal auf über eine Milliarde US-Dollar geschätzt. MindMaze wurde zum Einhorn – dem ersten der Schweiz und dies nur vier Jahre nach Gründung.

Wir wollen kein Unternehmen sein, das eine Milliarde US-Dollar wert ist. Wir wollen eines sein, das eine Milliarde US-Dollar verdient.

Tadi hat also große Pläne, langfristig will er sein Unternehmen an die Börse bringen. Dafür arbeitet er aber nicht alleine, sondern hat ein starkes Team hinter sich. Mittlerweile beschäftigt er über 100 Mitarbeiter an Standorten in Lausanne, Baltimore, London, Paris und Mumbai. Sein Chief Operation Officer (COO) ist Elmar Schnee, früher Chef von Merck Serono, und Logitech-Gründer Daniel Borel ist als Advisor tätig.

Tadi hat viel erreicht und einiges für eine bessere Therapie von Schlaganfallpatienten getan. Trotzdem scheint er noch immer bescheiden:

Ich lebe im Grunde genommen das langweilige Leben eines Unternehmers in der Wachstumsphase.

Und das bedeute vor allem eins: wenig Schlaf.

Über das Unternehmen:

  1. MindMaze wurde 2012 von Tej Tadi als Spin-off der École polytechnique fédérale de Lausanne (EPFL) gegründet.
  2. Mit MindMotion hat das Unternehmen ein System entwickelt, das die Therapie von Schlaganfallpatienten durch spielerische Elemente ergänzt und die Rehabilitationschancen erhöht.
  3. Die Vision von MindMaze ist es, die Funktion des menschlichen Gehirns in die virtuelle Welt zu holen und das menschliche Lernen so zu beschleunigen. Dafür entwickelt das Unternehmen auch Systeme in anderen Lebensbereichen, wie beispielsweise in der Mobilität oder Unterhaltungsbranche.
  4. Der Unternehmenswert von MindMaze wurde 2016 erstmals auf über eine Milliarde US-Dollar geschätzt. Es war damals das erste Einhorn der Schweiz.

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Dominic Hauser

Dominic Hauser ist Redakteur bei fintechcube. Davor war er in Bern als politischer Redakteur tätig und beschäftigte sich nach seinem Umzug nach Berlin mit der Digitalisierung des Public Sectors.