Im Porträt: IBM CEO Dr. Arvind Krishna

Next Big Think Mai 29, 2020

Staffelstabübergabe in der Krise

Arvind Krishna hat am 6. April 2020 das Amt als CEO von IBM mitten in der Corona-Krise übernommen und löste die langjährige IBM-Chefin Virginia “Ginni” Rometty ab. Der Cloud-Experte ist der zehnte CEO des Technologie-Konzerns. Krishna will den Fokus des Unternehmens auf Hybrid-Clouds und künstliche Intelligenz (KI) lenken. IBM soll unter seiner Führung der “Goldstandard für gute Technologie” werden.

Die Vorgängerin

Ginni Rometty war die erste Frau an der Spitze des Konzerns und über 40 Jahre für IBM tätig. Von 2012 bis 2020 leitete sie das Technologie-Unternehmen. In ihrer Zeit bei IBM erwarb sie 64 Unternehmen, die die Kompetenzen des Tech-Riesen in Security, Daten, Cloud und künstlicher Intelligenz maßgeblich aufbauten. Die Hälfte des heutigen IBM-Kerngeschäfts ist Ginni Rometty zu verdanken. Große Fußstapfen für den neuen CEO. Doch Rometty geht guten Gewissens in den Ruhestand und hat Vertrauen in ihren Nachfolger:

Er ist ein brillanter Technologe, der eine bedeutende Rolle bei der Entwicklung unserer Schlüsseltechnologien wie künstliche Intelligenz, Cloud, Quantencomputer und Blockchain gespielt hat.

Der neue Geschäftsführer

Krishna studierte am Indian Institute of Technology in Kanpur und promovierte im Jahr 1990 an der University of Illinois at Urbana-Champaign in Elektro- und Informationstechnik. Im gleichen Jahr begann er seine Karriere bei IBM. Krishna blieb dem Technologie-Konzern stets treu und ist mittlerweile über 30 Jahre im Unternehmen tätig.

Krishna war über 18 Jahre in der Unternehmensforschung beschäftigt und hat intensiv bei der Entwicklung der künstlichen Intelligenz Watson mitgewirkt. Ab 2008 war Dr. Krishna in verschiedenen Management-Funktionen in den Abteilungen Information Management Software sowie Entwicklung und Fertigung eingesetzt. Er kehrte 2015 zur Unternehmensforschung zurück und leitet seitdem 3.000 Forscher in zwölf Laboren auf sechs Kontinenten an.

Ich glaube, Innovation beginnt mit wahnsinniger Neugierde, Leidenschaft für lebenslanges Lernen und unerbittlichen Fokus darauf, was als nächstes kommt.

Die Geschichte von Watson

Man kann die Geschichte von Arvind Krishna nicht erzählen, ohne über Watson zu sprechen. Watson ist eine Plattform verschiedener B2B-Services, die auf demselben kognitiven Computersystem basieren. Unter kognitiven Computersystemen fasst man Software zusammen, die mithilfe von KI menschliche Denk- und Lernprozesse simuliert. Watson liefert in kürzester Zeit Antworten auf angefragte Inhalte. Die Watson-Algorithmen verarbeiten natürliche Sprache in Textform. Das System greift auf eine umfangreiche Datenbank zurück. Watson hat ein tiefes Verständnis für Sprache und kann “natürliche” Antworten geben. Das System zerlegt Sätze in seine Grundbestandteile und stellt selbst Hypothesen auf, die als Antworten in Frage kommen.

Die KI setzte im Februar 2011 einen Meilenstein in der Welt der Technologie. Watson trat in der Quizsendung “Jeopardy” gegen Ken Jennings und Brad Rutter an. Beide nahmen mehrfach an Jeopardy teil und räumten riesige Geldsummen ab. Watson gewann die Partie gegen die beiden Vollprofis und den Hauptpreis in Höhe von 1 Millionen Dollar.

Die Anwendung “Watson for Onkology” bremste den Enthusiasmus nach dem Quizerfolg wieder etwas aus. Die Anwendung wurde entwickelt, um Empfehlungen für die Krebs-Behandlung zu geben. Watson wurde allerdings nur mit hypothetischen Krankheitsverläufen, nicht mit echten Daten trainiert. Die KI gab fehlerhafte Empfehlungen, die den Zustand der Patienten maßgeblich verschlechtert hätten oder zum Tod führen könnten. In den Folgejahren wurde Watson mit elf weiteren Software Releases angereichert und mit echten Patientendaten gefüttert. Mittlerweile kann das System 13 Krebsarten erkennen und wird weltweit in 230 Krankenhäuser verwendet.

Zugpferde künstliche Intelligenz & Hybrid Cloud

Watson wird mittlerweile in vielen Bereichen der Industrie eingesetzt. Anders als im B2C-Bereich gibt es kaum allgemeingültige Anwendungsfälle. Watson muss die Terminologien und Spezifika der Branchen und Unternehmen abbilden – und genau darin liegt die Schwierigkeit.

Watson nutzt daher Transfer Learning – ein dreiteiliges Lernmodell. Die erste Schicht besteht aus einer generalistischen Datenbank, welche auch in Jeopardy angewendet wurde. Die Datenbasis wurde über die Jahre mit mehr und mehr Wissen angereichert. Die mittlere Schicht versorgt Watson mit Branchenwissen. Auf der dritten Ebene müssen die Kunden die künstliche Intelligenz mit Firmenwissen anreichern. Nur so kann Watson die Risiken abschätzen, Prozesse optimieren und bis zu 25 Prozent an Prozesskosten sparen. Die Daten der dritten Ebene gehören dem jeweiligen Unternehmen. Die Daten der ersten und zweiten Ebene sind öffentlich. Die Watson KI läuft also auf einer Mischform von privater und öffentlicher Cloud, Hybrid Cloud genannt. Dieses Geschäftsfeld ist neben KI ein zentraler Bestandteil für die IBM Unternehmensstrategie, die Krishna gemeinsam mit Rometty erarbeitet hat.

Dr. Krishna war eine Schlüsselfigur in der Firmenübernahme von Open Source-Software-Anbieter Red Hat im Juli 2019 - mit 34 Milliarden die teuerste Akquisition in der gesamten IBM-Historie. Mit der Übernahme bekannte sich IBM zur freien Software. Damit wurde ein kultureller Wandel angestoßen und das Exklusivitätsprinzip für die Watson-Lösungen aufgebrochen, die nun auch bei anderen Cloud-Anbietern erreichbar sind.

Es ist wichtig für Kunden, die Wahl zu haben. Kunden nur einen einzigen Weg aufzuzwingen ist langfristig betrachtet eine schlechte Strategie.

Der Paradigmenwechsel zeichnet sich auch in der personellen Besetzung ab. Mit Krishnas Übernahme wurde Jim Whitehurst, ehemals CEO von Red Hat, IBM President und ist für die Unternehmensstrategie verantwortlich.

IBM soll gestärkt aus der Corona-Krise gehen

Diese globale Pandemie betrifft jeden von uns und hat den Rhythmus unseres täglichen Lebens unterbrochen.

Doch IBM lässt auch in der Corona-Krise nicht nach. In einem CNBC-Interview kurz nach seinem Amtsantritt gibt Krishna an, dass 95 Prozent der IBM-Belegschaft im Home Office arbeitet. Krishna glaubt, dass die Krise die Entwicklung beschleunigen wird. Immer mehr Unternehmen werden die Wichtigkeit von Hybrid Cloud- und KI-Lösungen erkennen und in ihre Geschäftsmodelle einbinden. Watson Assistent wird von vielen amerikanischen Krankenhäusern und Behörden genutzt, um eine Vorauswahl potenzieller Covid-19-Erkrankter zu treffen. Die Bürgerinnen und Bürger beantworten dem Chatbot eine Handvoll Fragen, um das Risiko einer Infektion abzuschätzen.

Ich glaube, dass wir IBM zum vertrauenswürdigsten Technologiepartner des 21. Jahrhunderts machen können.

Dabei sieht Krishna “Geschwindigkeit vor Eleganz”. Es bleibt spannend: Wird IBM es schaffen unter neuer Leitung, die Führung auf dem KI-Markt zu erlangen und gestärkt aus der Corona-Krise hervorzugehen?

Was gibt es Neues bei IBM?

  • Setzt in Zukunft auf künstliche Intelligenz und Hybrid-Cloud
  • Vollzieht aktuell einen Kulturwandel hin zu Open Source
  • IBM-Angebote nun auch über andere Cloud-Anbieter erreichbar
Vielen Dank an facunda für die Datenbereitstellung.

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Sarah Kolberg

Sarah Kolberg ist Redakteurin bei fintechcube und hat sich in ihrer bisherigen Laufbahn vor allem mit der digitalen Transformation im Public Sector beschäftigt.