Im Porträt: Clearview CEO Hoan Ton-That

Next Big Think Juni 05, 2020

Der Mann mit den vielen Gesichtern

Sie sind in der Obst- und Gemüseabteilung im Supermarkt. Sie begutachten die Erdbeeren nach Druckstellen, um die beste Packung zu erwischen. Währenddessen sind Sie jemanden aufgefallen. Dieser jemand macht unbemerkt ein Foto von Ihnen und lässt es durch eine Datenbank laufen. In wenigen Sekunden werden dieser Person weitere Bilder angezeigt, die von Ihnen im Internet im Umlauf sind: Ihr Facebook-Profil, Ihr alter MySpace-Account, den Sie seit zehn Jahren nicht benutzt haben, ein Bild vom Stadtfest aus der lokalen Presse, auf dem Sie im Hintergrund zu erkennen sind.

Das klingt für sie wie eine ferne Dystopie? Durch das amerikanische Start-up Clearview ist genau das möglich. Das junge Unternehmen hat eine Datenbank mit über drei Milliarden Bildern von Gesichtern aufgebaut und mit ihr eine künstliche Intelligenz (KI), die anhand einzigartiger Merkmale menschliche Gesichter wiedererkennt. Mit hoher Wahrscheinlichkeit auch Ihres.

Der Gründer

Der Kopf hinter Clearview ist der Australier Hoan Ton-That. Der Programmierer mit vietnamesischen Wurzeln ist in Melbourne aufgewachsen, jedoch zog es ihn schnell nach Amerika. Mit 19 Jahren brach er sein Studium ab und zog nach San Francisco. Bevor er sich zeitgleich mit der Gründung seiner Firma aus den sozialen Medien zurückzog, pflegte der Gründer ein recht wildes Image. Lange bezeichnete er sich auf seiner Website als "Anarcho-Transexual Afro-Chicano American Feminist Studies Major“ sowie als „Autodidactic Engineer“. Mal zeigte er sich rauchend, mit blutüberströmtem Oberkörper, mal im bauchfreien Leoparden-Shirt. Er soll sogar zeitweise eine Model-Karriere angestrebt haben. Doch Hoan Ton-That steckt voller Gegensätze. Neben seinem Auftreten, fern der Norm, teilte er durchaus konservative, rechte Gedanken auf seinem damaligen Twitter-Account.  Ein Bild, das sich mit dem Mitgründer an seiner Seite komplettiert: Richard Schwartz, früherer Berater von Rudolph Giuliani. Giuliani wiederum ist der persönliche Anwalt von US-Präsident Donald Trump.

Die Anfänge

Ton-That gibt an, mehr als 20 Applikationen entwickelt zu haben. Dabei handelt es sich entweder um Spielereien oder Anwendungen, die den Nutzer in die Irre führen und ihm Daten entlocken. Eine dieser Anwendungen ist ViddyHo, eine Phishing-Scam-Seite, die Ton-That im Jahr 2009 entwickelt hat. Google ging mit Warnungen und Blocking gegen die Seite vor, denn sie hatte einzig und allein den Zweck, Google-Anmeldedaten von Privatpersonen einzusammeln. Es folgte die Applikation „Lifestream“ auf der man die Bilder der eigenen Smartphone-Kamera automatisch ins Netz stellen und sie seinen Freunden zugänglich machen konnte. Lifestream lief unter dem Slogan: "Du tauschst ein bisschen Privatsphäre gegen eine ganze Menge Großartigkeit.“ Eine der trivialeren Anwendungen war „Trump Hair“. Eine App mit der man, Sie ahnen es, die eigenen Bilder mit der Frisur des amtierenden US-Präsidenten schmücken konnte.

Im Jahr 2016 zog Ton-That nach New York und begann sich mit künstlicher Intelligenz, insbesondere Machine Learning, zu beschäftigen. Ein Jahr später gründete er das Start-up „Smartcheckr“, welches später als „Clearview“ bekannt werden sollte.

Der Aufstieg

Clearview is basically a search engine for faces.

Clearview - eine Suchmaschine für Gesichter - so beschreibt Ton-That seine Anwendung in einem CNN-Interview. Er erklärt mit ruhiger Stimme, wie die App funktioniert: Das Foto der jeweiligen Person wird in Clearview hochgeladen. Das Bild wird innerhalb weniger Sekunden mit einer riesigen Bilddatenbank abgeglichen. Die KI wurde mit Millionen von Bildern so trainiert, dass sie die Eigenheiten eines Gesichts erkennt. So zeigt sie in einer Demonstration auch ein Foto des CNN-Interviewers aus einem Zeitungsartikel, auf dem er 15 Jahre alt ist.

Die Clearview-Datenbank speist sich aus Fahndungsfotos der letzten 15 Jahre, Bildmaterial von Nachrichtenportalen sowie Fotos der großen sozialen Netzwerke. Facebook & Co verbieten jedoch die Weiterverwendung der Daten ihrer Nutzer. Datenschutzrechtlich sauber ist die Clearview-Datenbank mit rund drei Milliarden Bildern von Menschen also nicht. Dies wurde bisher geduldet, da die Anwendung ausschließlich für Belange der öffentlichen Sicherheit und die Verbrechensbekämpfung eingesetzt werden sollte.

Computer vision for a safer world.

So wirbt das Unternehmen auf seiner Website für die Anwendung. Clearview wird als Recherche-Tool für den Kampf gegen das Verbrechen inszeniert – zahlreiche Terroristen, Sexualstraftäter, Mörder und Menschenhändler seien durch die künstliche Intelligenz bereits geschnappt wurden.

Ton-That führt aus, wie mit seiner Software pädophile Straftäter überführt wurden. Undercover-Beamte, die sich im Netz als Minderjährige ausgeben, bekommen häufig Bilder von der anderen Seite zugesandt. Bisher konnten diese nur mit der Datenbank der Polizei abgeglichen werden. Dort werden jedoch nur Personen erfasst, die bereits straffällig geworden sind. Mit Clearview lassen sich solche Fälle meist lösen.

Via Drag-and-Drop kann der Beamte das vorliegende Foto in die Anwendung ziehen. In nicht mal einer Sekunde spukt die künstliche Intelligenz alle Bilder aus, die im Netz von der Person verfügbar sind. Wenn die Vollzugsbeamten, wie im geschilderten Beispiel, tatsächlich Fotos zugesendet bekommen, hat Clearview eine sehr gute Trefferquote.

Wenn die künstliche Intelligenz jedoch mit Bildern von Überwachungskameras konfrontiert wird, ist die Präzision deutlich niedriger und kann nicht mit dem chinesischen Start-up SenseTime mithalten. Mit einer Wahrscheinlichkeit von 75 Prozent soll Clearview ein richtiges Ergebnis liefern. Nicht nur der Kamerawinkel, auch Kopfbedeckung oder Brille sollen dem System zu schaffen machen. Außerdem fällt die Präzision für die Gesichtserkennung bei Menschen mit dunklerer Hautfarbe nochmals niedriger aus.

Jeder überwacht jeden?

Im Jahr 2017 investierte Paypal-Mitgründer, Mitglied des Facebook-Aufsichtsrates und Trump-Supporter Peter Thiel in das junge Unternehmen. Ihm machten es viele weitere Investoren nach.

Clearview hatte versichert, dass sie ihre Software und ihre umfangreiche Datenbank lediglich Strafverfolgungsbehörden in den USA und Kanada sowie einigen Banken zur Verfügung stehe - 600 Behörden sollen die Anwendung bereits nutzen. Für die breite Masse sei die Applikation nicht erhältlich. Oder doch?

Im Februar wurde die Kundenliste des Unternehmens gestohlen, darunter hunderte Polizeibehörden, einige Privatunternehmen sowie Privatpersonen aus dem Bekanntenkreis des Gründers, Geschäftspartner und Investoren. Der Presse seien mehrere Fälle bekannt, in der Investoren, die Begleitung ihrer Tochter über das System überprüft oder auf einer Party mit der App geprahlt hätten. Auch anderen Ländern, wie beispielsweise Saudi-Arabien, hat Clearview Berichten zufolge seinen Service angeboten.

Das Unternehmen hat sogar einen Prototyp für eine Augmented Reality-Brille entwickelt, mit der es möglich sein soll, Menschen im eigenen Blickfeld auf der Stelle zu identifizieren. Sie soll allerdings nicht für den Markt produziert werden. Falls doch muss Ihr Verehrer oder Ihre Verehrerin in der Gemüseabteilung nicht einmal ein Foto von Ihnen schießen. Ein Blick genügt.

Über das Unternehmen:

  • Datenbank mit über drei Milliarden Bildern von Gesichtern aufgebaut
  • Haben künstliche Intelligenz entwickelt, die als Suchmaschine für Gesichter agiert
  • Wird von über 600 amerikanischen und kanadischen Behörden verwendet
  • Datenbank des Unternehmens datenschutzrechtlich problematisch und wurde nachweislich von Privatpersonen missbraucht

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Sarah Kolberg

Sarah Kolberg ist Redakteurin bei fintechcube und hat sich in ihrer bisherigen Laufbahn vor allem mit der digitalen Transformation im Public Sector beschäftigt.