Künstliche Intelligenz Made in Germany - Im Porträt: German Autolabs CEO Holger Weiss

Next Big Think Nov. 27, 2020

„Schatz, du hast eine SMS gekriegt“, sagt die Person auf dem Beifahrersitz. „Von wem denn?“. „Von deiner Schwester, soll ich sie dir vorlesen?“. „Gerne.“ Interessiert hören Sie zu, was Ihre Schwester aus Ihrem Urlaub in Frankreich zu berichten hat. Doch Halt! Plötzlich hören Sie vom Beifahrersitz, dass Sie auf die rechte Spur wechseln müssen – fast hätten Sie die Ausfahrt verpasst.

So oder so ähnlich stellt man sich einen perfekten Beifahrer vor. Er navigiert, assistiert und unterhält. Doch immer öfter, so zeigen Studien, verlassen sich Fahrer nicht nur auf ihre Beifahrer, sondern aufs Smartphone. Mit gefährlichen Folgen! Allein ein Blick von fünf Sekunden auf das Display bei einer Geschwindigkeit von 120 Stundenkilometern bedeutet 200 Meter blind gefahrene Strecke.

Nicht auf WhatsApp oder Musikstöbern verzichten und trotzdem den Blick ständig auf der Fahrbahn haben? Das will Holger Weiss mit seinem Berliner Unternehmen ermöglichen. Doch nicht nur das – mit seiner Innovation will er Prozesse von Transportunternehmen optimieren und effizienter gestalten. Wie das geht? Lesen Sie es in unserem Porträt über den CEO und Mitgründer von German Autolabs.

Der Gründer

Eigentlich wollte Holger Weiss im Rahmen seines Traineeprogramms bei Axel Springer nur für drei Monate nach Berlin. Das war im Dezember 1998. Heute wohnt der 50-Jährige, der zuvor Betriebswirtschaftslehre in Göttingen und Hamburg studierte, noch immer in der Hauptstadt. Und so sehr sich Berlin in diesen über 20 Jahren gewandelt hat, so viel hat auch Holger Weiss in dieser Zeit erlebt.

Anfang der 2000er stieg er bei dem im Prenzlauer Berg gegründeten Start-up gate5 ein. Das Unternehmen produzierte Navigations-Software für mobile Geräte. Die Berliner Morgenpost bezeichnete gate5 als „eine Erfolgsgeschichte wie kaum eine andere in der Berliner Start-up Szene“, als „Keimzelle der innovationsgetriebenen Digitalwirtschaft in Berlin“ und „Fundament der Berliner Start-up-Szene“. Gründer war der mittlerweile als Frühphaseninvestor bekannte Christophe Maire, der später Marken wie StudiVZ, Brands4Friends oder EyeEm maßgeblich mitprägte. Der spätere Erfinder von SoundCloud, der Schwede Eric Wahlforss, war zeitweise als Programmierer mit an Bord. Und eben auch: Holger Weiss. Bei gate5 habe er gelernt, was es heißt, ein Tech-Start-up aufzubauen.

Im Jahr 2006 wurde das erfolgreiche Unternehmen schließlich an Nokia verkauft. Die Finnen integrierten das System in all ihre Handys. Heute ist es unter dem Namen „Here“ bekannt. Weiss blieb auch nach dem Verkauf bei Nokia, arbeitete zwei Jahre in Hong Kong und baute danach den Automobilbereich für das Unternehmen auf. Das war sein Eintritt in die Welt der Automobilindustrie. Als Business Angel finanzierte er 2008 die Gründung des Start-ups Aupeo mit, bei dem er 2010 schließlich auch als CEO einstieg. Aupeo war ein Internetmusikdienst und ermöglichte das Streamen eines personalisierten Mixes aus Musik, Nachrichten, Sport, Wetter und Verkehrsmeldungen direkt ins Autoradio. „Eine Art Twitter für das Auto“, nannte Weiss das. In Zusammenarbeit mit MINI und BMW ging 2011 der erste Serienwagen mit dem integrierten Streamingdienst an den Start, später waren acht der zehn wichtigsten Autobauer mit an Bord.

Auch Aupeo konnte erfolgreich verkauft werden. Im Jahr 2013 übernahm Panasonic das Berliner Start-up für einen zweistelligen Millionenbetrag. Weiss blieb erneut bis 2015 an Bord und nahm sich dann erstmal eine dreimonatige Auszeit. Er reiste durch Südamerika und tankte Energie für sein nächstes Projekt. Was sein nächstes Projekt sein sollte, war noch nicht klar. Drei Optionen boten sich ihm: Erstens hatte er interessante Angebote aus der Wirtschaft. Zweitens war eine Partnerschaft mit einem Venture Capital Fonds in Diskussion. Und die dritte Option war es, etwas Eigenes zu gründen. Wieso die Wahl auf letzteres fiel? Die ersten beiden Dinge könne er auch später noch machen, erzählte Weiss dem Podcaster Daniel Tyoschitz.

Aber was ich nicht kann: Ich werde nicht nochmal mit Mitte 50 die Energie aufbringen, von Grund auf eine eigene Firma aufzubauen.

Der erste digitale Beifahrer

Dass er wieder etwas im Automobil-Umfeld machen wird, das war eigentlich klar. Da hat er sein Netzwerk, da kennt er sich aus und versteht, wie die Industrie tickt. Weiss war davon überzeugt, dass die Mensch-Maschine-Interaktion immer wichtiger wird und vor allem Audio und Sprache dominant sein werden. Über einen Bekannten hat er schließlich Patrick Weißert kennengelernt. Eine gute Ergänzung – denn er selbst sei eher der PowerPoint- und weniger der Excel-Typ.

Ich brauche jemanden, der das, was ich auf schönen großen Bildern denken kann, auf die Produktebene runterbricht.

Zusammen gründeten sie 2016 das Unternehmen German Autolabs. Ihr erstes marktreifes Produkt konnten die Berliner auf der IFA 2018 vorstellen: den intelligenten Sprachassistenten Chris. Chris ist eine kleine Box, die wie ein Navigationsgerät mit einem Saugnapf an der Frontscheibe befestigt wird. Sie verfügt über einen kleinen Bildschirm und Lautsprecher, kann aber auch mit dem Audio-System des Fahrzeugs verbunden werden. Vor allem aber verfügt Chris über eine Bluetooth-Verbindung zum Smartphone. Dadurch hat er Zugriff auf Apps wie beispielsweise WhatsApp, Mail, Facebook oder Musikdienste. Mit seiner Software, die auf künstlicher Intelligenz (KI) basiert, kann er Nachrichten vorlesen und verschicken, den schnellsten Weg durch die Stadt zeigen oder dient als Freisprechanlage beim Telefonieren.

Gesteuert wird Chris über Sprache sowie Gesten. Er verfügt dafür über fünf Mikrofone und einen Infrarot-Gesten-Sensor. Per Sprachbefehl kann eine Nachricht diktiert, mit Swipen in der Luft Kontaktlisten durchgescrollt oder Musiktitel geskippt werden. Fahrer können so während der Fahrt ihr Smartphone bedienen, ohne den Blick von der Straße zu nehmen. In einer YouGov-Studie geben ungefähr ein Drittel der Befragten an, während dem Fahren ab und zu zum Smartphone zu greifen. Bei der Produktpräsentation auf der IFA erklärte Weiss:

Das Handy wird nicht an der Autotür abgegeben. Es geht jetzt darum, eine einfache und bezahlbare Lösung zu schaffen, damit wirklich jeder auch am Steuer online sein kann.

Effizientere Prozesse dank Sprachsteuerung

Manch einer mag jetzt denken – braucht es Chris neben Alexa und Siri wirklich? Weiss meint ja! Es gehe nicht darum, mit den Angeboten großer Internetkonzerne zu konkurrieren, sondern diese zu ergänzen. Mit Alexa gibt es mittlerweile sogar eine Schnittstelle. Anders als Chris seien Siri und Alexa nicht für den Gebrauch im Auto gedacht. Ihre Stärken liegen bei Standard-Prozessen wie der Terminerstellung oder dem Starten eines Timers. German Autolabs verfolgt nicht den Anspruch, dass Chris das auch kann. Seine Funktionen sind für den spezifischen Use Case „Autofahren“ gedacht.

Zudem ist der B2C-Markt nicht das eigentliche Tummelfeld der Berliner. Zwar konnten sie mit ihrem Endkonsumentenprodukt Chris viel lernen und erhielten wertvolles Feedback. Doch mittlerweile arbeiten Weiss und sein Team direkt mit Transportunternehmen oder Unternehmen mit Außendienstmitarbeitern sowie Flottenfahrern zusammen. Mit ihrer hardwareunabhängigen Plattform und dem an den konkreten Einzelfall anpassbare Software bieten sie maßgeschneiderte Lösungen. In diesen Use Cases ist der Sprachassistent nicht nur ein nettes Gadget, sondern optimiert Abläufe und schafft mehr Effizienz.

Gerade in der berühmten „Last Mile“ von Transportunternehmen, bei der die größten Ineffizienzen bestehen, kann ihr System Mitarbeiter unterstützen. Aktuell arbeitet German Autolabs aber auch mit einer französischen Bank zusammen. Deren Außendienstmitarbeiter legen weite Strecken mit dem Auto zurück und stehen oft im Stau. Die Zeit wird aber meist nicht produktiv genutzt. Kurz vor ihrem Ziel fahren sie kurz rechts ran und schauen in ihren Laptop, um Informationen zum Kunden zu erhalten. Die Berliner arbeiten nun an einem Assistenten, der das Briefing während der Fahrt übernimmt.

Die dritte Krise mit dem dritten Unternehmen

Anfang 2019 konnten Weiss und sein Team die jüngste Finanzierungsrunde über rund sieben Millionen Euro abschließen. Neben dem bisherigen Hauptinvestor Target Partners – bei dem er mittlerweile übrigens Investment-Partner ist - waren nbvr Tech Ventures, Coparion sowie der von der IBB gemanagte VC-Fonds beteiligt. Insgesamt verfügt das Berliner Start-up nun über eine Finanzierung von gut zehn Millionen Euro.

Wie viele Unternehmen spürt aktuell auch German Autolabs Auswirkungen der Covid-19-Pandemie, die in der Automobilbranche für viel Unsicherheit sorgt. Doch wirklich Sorgen macht sich Weiss nicht. Dass sei seine dritte Krise mit dem dritten Unternehmen. Mit gate5 kam er 2001 durch die Zeit rund um 9/11, mit Aupeo machte er die Finanzkrise mit und jetzt mit German Autolabs Corona. Er sieht sogar Chancen: Es wird so viel nach Hause geliefert wie noch nie. Gerade jetzt könnten viele überlastete Unternehmen von seiner Lösung profitieren.

Holger Weiss blickt positiv in die Zukunft. Sprachsteuerung werde künftig in unserer Mobilität eine große Rolle spielen - egal ob die elektrisch oder autonom sein wird.

Über das Unternehmen

  1. German Autolabs wurde 2016 von Holger Weiss und Patrick Weißert in Berlin gegründet.
  2. Mit dem „ersten digitalen Beifahrer“ Chris kam Ende 2018 ihr erstes Endkonsumentenprodukt auf den Markt.
  3. Mittlerweile arbeitet German Autolabs direkt mit Transportunternehmen zusammen und entwickelt mit ihrer Plattform Lösungen, die für optimierte Abläufe und effizientere Prozesse sorgen.

Dominic Hauser

Dominic Hauser ist Redakteur bei fintechcube. Davor war er in Bern als politischer Redakteur tätig und beschäftigte sich nach seinem Umzug nach Berlin mit der Digitalisierung des Public Sectors.