Im Porträt: iRobot Gründer Colin M. Angle

Next Big Think Dez. 04, 2020

Bezwinger der Katzenhaare, Bändiger der Wollmäuse, Ritter der Brotkrümel: der Staubsaugroboter. Im Jahr 2018 erreichte der Markt für die saugenden Helfer einen Wert von 5,6 Milliarden US-Dollar, für 2025 wird ein Marktvolumen von 19 Milliarden Dollar prognostiziert. Marktführer in diesem Segment und eines der erfolgreichsten Robotik-Unternehmen der Welt ist iRobot. Angefangen als Robotik-Hersteller für Militär und Raumfahrt hat sich die US-amerikanische Firma nun den Haushaltshilfen verschrieben. Seit 30 Jahren wirkt Gründer Colin M. Angle an der Ausrichtung und Weiterentwicklung des Unternehmens mit. Wir stellen Ihnen den Mann hinter dem Roomba Saugroboter vor.

Der Gründer

Schon als Kind soll Angle gern Dinge wieder zusammengebastelt haben, die er zuvor selbst zerstört hatte. Seine Bastelbegeisterung brachte ihn an das Massachusetts Institute of Technology (MIT), wo er Elektrotechnik und Informatik studierte. Er arbeitete im Labor für künstliche Intelligenz der Universität, wo er auch seine Mitgründer kennenlernen sollte. Im Rahmen seiner Masterarbeit entwarf Angle Genghis, einen autonomen Roboter mit sechs Beinen, der bis heute im Smithsonian National Air and Science Museum in Washington, D.C. ausgestellt ist. Neben seiner Tätigkeit für iRobot engagiert er sich bei verschiedenen Non-Profit-Organisation wie Science from Scientists oder Robots in Service of Environment. Auch auf Leinwand war der Ingenieur schon einmal im Film “21” zusehen. Darin geht es um sechs MIT-Studenten, die vom Mathematikprofessor Micky Rosa, gespielt von Kevin Spacey, lernen Karten zu zählen. Sie ziehen durch Casinos in Las Vegas und  machen an den Black Jack-Tischen das große Geld.

Die Anfänge

Gemeinsam mit den MIT-Absolventen Helen Greiner und Dr. Rodney Brooks gründete Angle 1990 iRobot. Anfänglich noch mit einer sehr anderen Ausrichtung: Ein Jahr vor der Gründung hat Angle ein Praktikum bei der Nasa absolviert. Es wundert also nicht, dass der Elektroingenieur zu Beginn der iRobot-Reise Roboter für den Weltraum entwickeln wollte. In den ersten Jahren arbeitete das Team der Rover-Mission zu - eine Raumfahrtmission der Nasa auf dem Mars, bei der zwei Geländewagen die Geologie des Planeten untersuchten. Angles Unternehmen hat maßgeblich bei der Entwicklung der Rover mitgearbeitet. Auf dem Nachfolger-Modell wurde sogar Angles Name verewigt.

Leute fragen mich, ob ich mir sorgen mache, dass eines Tages die Roboter übernehmen könnten. Ich sage: auf keinen Fall.

Außerdem widmete sich iRobot einigen Militär-Projekten. Unter anderem haben sie einen Roboter zum Aufspüren von Landminen entwickelt. Der Weg von Angle und seinem Team ist mit harter Arbeit gepflastert. In einem Interview mit The Verge spricht der Gründer darüber, dass es in den ersten Jahren üblich war, um 6 Uhr abends ein Nickerchen in der Firma zu machen – nur um dann wieder bis 3 Uhr morgens zu arbeiten.

In den ersten Jahren wussten wir zu Beginn des Monats häufig nicht, wie wir vier Wochen später die Gehälter zahlen sollten.

Im Jahr 2000 dann eine Entscheidung, die alles verändern sollte: Das Unternehmen wendet sich den Haushaltsrobotern zu, konkret den Staubsaugrobotern. Drei Jahre später bringen sie den Roomba auf den Markt und iRobot geht an die Börse. Der Börsengang macht Angle zum Multimillionär. Er hält heute 3,7 Prozent am Unternehmen.

Der Aufstieg

Im Jahr 2016 verkauft iRobot seine Militärsparte und konzentriert sich voll und ganz auf Haushaltsroboter. Ihr Verkaufsschlager: der Roomba. Der kleine, flache Roboter wurde mit Absicht schlicht designt. Angle wollte, dass man seine Roboter ernst nimmt, daher hat man auf menschliche Züge verzichtet. Trotz des rudimentären Designs scheinen viele Kunden eine Beziehung zu ihren kleinen Staubsaugerfreunden aufzubauen. Über 80 Prozent der Kunden geben ihren Roombas Namen. Nicht nur das: Angle berichtet, dass der Customer Service immer wieder zu hören bekomme, dass die Kunden kein neues kostenloses Gerät möchten, sondern der alte Roomba gerettet werden soll.

Für die Sensorik des Staubsaugroboters griff iRobot auf ihren Landminen-Roboter zurück. Eine etwas weniger komplexe Version wurde im Roomba verbaut. Mittlerweile ist der kleine Haushaltsgehilfe mit Kameras ausgestattet, erstellt Karten von der Wohnfläche und kann sogar auf Sprachbefehle reagieren. Dank künstlicher Intelligenz können Räume bezeichnet und zugeordnet werden. “Roomba, bitte saug’ die Küche” - Was trivial erscheint, ist für Alternativ-Produkte nicht möglich. Zwar saugen mittlerweile auch günstigere Modelle von anderen Anbietern zuverlässig, doch in Feinheiten wie diesen ist der Roomba bisher ungeschlagen. Angle hat ein Forschungslabor eingerichtet, in dem der Staubsaugroboter mit allen möglichen Hindernissen konfrontiert wird. So werden die kleinen Helfer immer besser und zuverlässiger und bleiben nur noch selten in einer Zimmerecke hängen. Außerdem kann sich der Roomba Sperrzonen merken, die nicht gesaugt werden sollen und sich selbst an der Ladestation reinigen.

Das Unternehmen arbeitet an weiteren Haushaltshilfen und hat mittlerweile einen Wisch-Roboter und einen Rasenmäh-Roboter auf den Markt gebracht. Der nächste spannenden Bereich für Angle sind Roboter, die ältere Menschen zu Hause unterstützen. Dabei geht es ihm nicht in erster Linie um Pflegeroboter, sondern um ausgereiftere Haushaltsroboter. Diese sollen um eine Dimension erweitert werden und so beispielsweise Wäsche aufsammeln oder den Geschirrspüler einräumen können. Das ist jedoch deutlich komplexer als das, was die Roboter des Unternehmens heute tun. Die Roboter müssen dreidimensional wahrnehmen und agieren. In den nächsten fünf Jahren will Angle in diesem Bereich große Fortschritte machen und die Roboter zu einem Preis anbieten, der für Endverbraucher bezahlbar ist.

In etwa fünf Jahren wird Ihnen ein Haushaltsroboter das Bier holen.

Als größte Herausforderung sieht Angle die Informationen. Der Roboter muss auf sich ständig verändernde Informationen im Haus reagieren. Die Sensortechnik muss ausgereift genug sein, um zu erkennen, wo nun ein Glas steht, was dort vor einer Stunde noch nicht stand. Dabei werden Massen an Daten gesammelt.  Aus ihrer Erfahrung mit Militär-Robotern hat das Unternehmen eine breite Kompetenz im Bereich des Datenschutzes und der Verschlüsselung. Die Daten aus den Häuser ihrer Kunden seien sicher. Das beteuert Angle in mehreren Interviews. Das Unternehmen habe kein Interesse daran, Geld mit dem Verkauf von Daten zu machen.

Der Kurs des Unternehmens wurde durch den Handelskrieg zwischen den Vereinigten Staaten und China etwas ausgebremst. Da iRobot in China produziert, hatte das Unternehmen mit hohen Zöllen und darauf resultierenden Umsatzeinbrüchen auf dem amerikanischen Markt zu kämpfen. Angle hofft schon bald eine Ausnahmeregelung erhalten zu können. Denn grundsätzlich wächst und wächst der Markt für Haushaltsroboter. Angle schätzt, dass 30 Prozent der Haushalte der entwickelten Welt innerhalb der nächsten zehn Jahre drei bis vier Roboter nutzen werden. Wird bald ein neuer Roboter den Roomba vom Thron stoßen?

Über das Unternehmen:

  • 1990 von drei MIT-Absolventen gegründet
  • Beteiligte sich in den ersten Jahren an Weltraum- und Militärprojekten
  • Konzentriert sich seit 2000 auf den Markt der Haushaltsroboter
  • Brachte 2003 den Roomba auf den Markt
  • Weltmarktführer für Staubsaugroboter

Vielen Dank an facunda für die Datenbereitstellung.

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Sarah Kolberg

Sarah Kolberg ist Redakteurin bei fintechcube und hat sich in ihrer bisherigen Laufbahn vor allem mit der digitalen Transformation im Public Sector beschäftigt.