Blockchain Made in Germany – Im Porträt: Retraced CEO Lukas Pünder

Next Big Think Dez. 11, 2020

Wissen Sie wo die Kleidung herkommt, die Sie gerade tragen und unter welchen Bedingungen sie produziert wurde? Mit unserem Konsum tragen wir maßgeblich dazu bei, wie Kleidung in der Welt hergestellt wird. Solange eine Nachfrage nach schneller, billiger Mode besteht, wird diese auch unter problematischen Bedingungen produziert werden. Mit dem wachsenden Bewusstsein für Klima und fairen Arbeitsbedingungen, steigt auch die Nachfrage nach nachhaltiger Mode: Mehr und mehr Menschen kleiden sich in “Slow Fashion”. Lukas Pünder glaubt an den mündigen Konsumenten. Was fehlt ist die Transparenz der Lieferketten und der Produktionsbedingungen in der Modeindustrie. Mit dem Düsseldorfer Start-up Retraced macht er sich die Blockchain-Technologie zu Nutze und will so Käufern alle notwendigen Informationen an die Hand geben.

Der Gründer

Auf seinem Bildungsweg zog es Pünder in viele Unternehmen und Ecken der Welt. Begonnen hat seine Reise an der Otto Beisheim School of Management in Vallendar in Rheinland-Pfalz. Hier studierte er Business Administration und International Management. Pünder absolvierte Auslandssemester an der Stockholm School of Economics und der National University of Singapure. In zahlreichen Praktika schnupperte er in Unternehmen rein: vom Kosmetikhersteller L’Oreal bis zum Beratungsunternehmen Ernst & Young.

Doch der Traum nach der Selbstständigkeit klang nie wirklich ab. So gründete Pünder mit seinen alten Schulfreunden Philipp Mayer und Peter Merkert im Oktober 2016 die nachhaltige und faire Modemarke Cano Clothing Company. Mit Cano brachten die drei Gründer mexikanische Huaraches auf den europäischen Markt. Die Idee kam Philipp Mayer in seinem Auslandssemester in Mexiko: Seine Freundin schenkte ihm ein Paar der geflochtenen Sommerschuhe zu Weihnachten. Cano setzt auf Handwerkskunst, eine faire Produktion und nachhaltige Materialien. Hergestellt werden die Huaraches von einem Familienunternehmen aus der mexikanischen Kleinstadt Sahuayo. Die Schuhe bestehen aus pflanzlich gegerbtem Leder, das biologisch abbaubar ist.

Vom Modelabel zum Lieferketteninspekteur

Mit der eigenen fairen Modemarke kamen die drei Freunde auf die Idee, eine Applikation zu entwickeln. Die Mission: Mehr Transparenz in die Modeindustrie bringen. Im Jahr 2019 gründeten sie gemeinsam Retraced.

In der Anwendung scannen die Verbraucher einen QR-Code, der am Kleidungsstück angebracht ist. Auf ihrem Smartphone werden ihnen dann sämtliche Informationen zu den Produktionspartnern und Lieferanten der Marke angezeigt. Sie können die Reise, die das Kleidungsstück zurückgelegt hat, komplett nachvollziehen. Via Track & Trace und einem digitalen Code wird der gesamte Weg des Produkts auf einer Landkarte abgebildet. Die App ermöglicht die Dokumentation und vernetzte Darstellung der Wertschöpfungskette vom Rohstofflieferanten, über den Textilhersteller bis zur Produktionsstätte. Um sicherzustellen, dass Daten nicht nachträglich verändert oder gelöscht werden, setzt Pünder auf Blockchain.

Es lässt sich jederzeit nachvollziehen, wer sie [Informationen] wann eingespeist hat – das erzeugt Druck, keine Falschinformationen zu geben.

Die gesammelten Daten sind nicht manipulierbar und für Endkonsumenten vertrauenswürdig. Pünder verspricht sich davon, dass transparente Lieferketten Konsumenten dabei helfen, nachhaltige Kaufentscheidungen zu treffen. Wenn die Informationen vorliegen und einfach zugänglich sind, würden auch mehr Menschen ein nachhaltiges und faires Produkt bevorzugen. Ein kollektives Bewusstsein für grüne und faire Mode zu stärken, erhöht den Druck auf kommerzielle Marken, ihre Lieferketten nachhaltiger zu gestalten. Gleichzeitig gibt man Unternehmen, die bereits faire und nachhaltige Lieferketten haben, die Möglichkeit, ihre Produktionsbedingungen proaktiv als Verkaufsargument zu kommunizieren. Die Modemarken zahlen für jedes nachverfolgte Produkt, sodass auch kleinere Brands den Service von Retraced in Anspruch nehmen können.

Die Herausforderung nutzen

Für die Konzeptionalisierung hat sich das junge Unternehmen mit Oracle zusammengetan. Der Soft- und Hardwarehersteller unterstützte Retraced mit Datenbanken, Infrastruktur und Wagniskapital. Außerdem wird Retraced seit Beginn 2020 durch das NRW.SeedCap-Programm der NRW. Bank unterstützt. Etwas Eigenkapital brachten die Gründer von ihrer Modemarke mit.  Mit Cano und einzelnen Pilotpartnern starteten sie eine 6-monatige Testphase ihrer Applikation.

Doch die Kundschaft aus der Modewelt blieb vorerst aus. Die Umsatzeinbrüche durch Corona trafen die Modeindustrie hart. Das bekam auch Retraced zu spüren und musste im Business-Plan umsatteln.

Mit dem Lockdown hatten Modemarken andere Sorgen als über ihre Lieferkettentransparenz nachzudenken und mit uns Gespräche zu führen.

Mit einem Wandeldarlehen von der NRW. Bank konnte sich das Start-up in der Krise über Wasser halten und die Zeit in die Weiterentwicklung ihres Produkts investieren. Im vergangenen Sommer gingen sie mit einer neuen Version an den Markt und konnten einige neue Kunden gewinnen: unter anderem erlich textil, die Jeansmarke Boyish, Funktion Schnitt und ARMEDANGELS Underwear.

Pünder sieht der Zukunft positiv entgegen. Die Themen eCommerce und das Nachhaltigkeitsbewusstsein werden in den nächsten Jahren weiterwachsen und damit auch die Nachfrage für ihr Produkt. Recht gibt ihm der Deutsche Nachhaltigkeitspreis. Retraced setzte sich gegen 140 Startups durch und wurde mit dem Next Economy Award – Sonderpreis Digitalisierung 2020 ausgezeichnet. Es bleibt spannend, wen das Düsseldorfer Start-up noch für sich gewinnen kann. Gehört die Lieferketten-Information schon bald zum Shopping-Erlebnis?

Über das Unternehmen:

  • Wurde 2019 in Düsseldorf gegründet
  • Ziel ist für mehr Transparenz in der Lieferketten der Modeindustrie zu sorgen
  • Sammelt Informationen zur Reise des Produkts, Produktionsstätten, Lieferanten, Zertifikaten
  • Daten werden in Blockchain gespeichert und sind manipulationssicher

Sarah Kolberg

Sarah Kolberg ist Redakteurin bei fintechcube und hat sich in ihrer bisherigen Laufbahn vor allem mit der digitalen Transformation im Public Sector beschäftigt.