„Sich als Unternehmen NICHT mit dem Thema Digitale Ökosysteme auseinanderzusetzen, wäre fahrlässig.“

Next Big Think Okt. 29, 2021

3 Fragen an Matthias Naab vom Fraunhofer IESE

Was haben Flixbus, Immoscout, Delivery Hero und Parship gemeinsam? Es sind alles erfolgreiche Digitale Ökosysteme – made in Germany. „Es handelt sich um große sozio-technische Systeme, die um einen zentralen Initiator und seine Plattform durch das Hinzukommen von Partnern entstehen. Die einen bieten auf dieser Plattform etwas an, die anderen konsumieren etwas,“ erklärt Dr. Matthias Naab das Grundprinzip von Digitalen Ökosystemen.

Als Softwarearchitekt und Leiter der Hauptabteilung Digital Ecosystem Engineering am Fraunhofer-Institut für Experimentelles Software Engineering IESE in Kaiserslautern hilft Naab seit einigen Jahren Unternehmen dabei, strategische Entscheidungen zur Positionierung in Digitalen Ökosystemen zu treffen und Digitale Plattformen zielgerichtet aufzubauen und zu etablieren.

Was ihn an diesem Thema so fasziniert: „Man muss ein Ökosystem von seinem Zielzustand aus denken, aber man kann den Zielzustand selbst nicht herbeiführen. Wenn ich eine Software entwickle, kann ich selbst den Zielzustand herstellen. Aber bei einem Ökosystem kann ich nur die Plattform entwickeln, nicht das dazugehörige System“, sagt der Experte. „Das hängt von den freiwilligen Teilnehmern ab. Ich kann nur versuchen, mein Ökosystem so attraktiv wie möglich für alle zu gestalten, so dass immer mehr Anbieter und Konsumenten hinzukommen. Aber ich kann am Ende den Erfolg nicht beeinflussen.“

Wir wollten von Dr. Matthias Naab wissen, wie ein Digitales Ökosystem gelingen kann, warum der deutsche Mittelstand sich mehr mit dem Thema beschäftigen sollte und in welchen Branchen noch Vorzeige-Ökosysteme à la Airbnb fehlen.


Herr Dr. Naab, Digitale Ökosysteme scheinen gerade in Mode zu sein. Alle reden davon, jeder will irgendwie mitmischen. Aber so einfach ist es nicht, richtig? Welche Fehler sollte man vermeiden, wenn man ein Digitales Ökosystem aufbauen möchte?


Im Internet kann man eine Menge Plattformfirmen finden, bei denen man nicht genau versteht, worum es geht. Einer der größten Fehler, der oft gleich zu Beginn gemacht wird, ist folgender: nur die eigene Idee sehen, den eigenen Vorteil – aber nicht das große Ganze, nicht das Big Picture. Man muss ein Ökosystem ganzheitlich gestalten, von Ende zu Ende, und sich genau überlegen, welche Partner benötigt werden und mit welcher Motivation sie mitmachen sollen. Darum ist es so wichtig, dass sich ein Unternehmen zu Beginn gut überlegt, wie es sich positioniert. Man braucht eine sehr klare Vorstellung von seiner Position, muss sie genau ausformulieren und designen.

Ein weiterer Fehler ist, dass man die Kosten unterschätzt. Wer glaubt, mit einer halben Million kann man ein Digitales Ökosystem etablieren, wird enttäuscht werden. Je nachdem, wie ambitioniert man ist und wie schnell man wachsen möchte, kann man leicht mit Beträgen im hohen Dutzenden Millionen-Bereich bis 100 Millionen rechnen. Von außen sieht man vielleicht nur eine App. Aber im Hintergrund steht ein riesiger IT-Apparat, der es ermöglichen muss, hunderte Millionen Nutzer zu bedienen. Dazu arbeiten meist mindestens ein paar hundert Leute allein in der Technik. Hinzu kommen noch hunderte bis tausende Mitarbeiter, die sich mit Werbung und Marketing auseinandersetzen, neue Partner an Bord holen und sicherstellen, dass alle zufrieden sind, und ähnliches. Das ist ein sehr großes Feld, für das weitere IT-Systeme und ein eigenes Management nötig sind. Viele denken, dass ein Plattformbusiness von alleine läuft, aber so ist es leider nicht.

Die Investitionen in die Plattform und in die Schaffung von Angebot und Nachfrage müssen gut ausbalanciert sein. Es reicht eben nicht, nur eine Plattform aufzubauen. Man muss das Geschäft in Gang bringen und auch schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt, wenn einen noch niemand kennt, dafür sorgen, dass genügend Angebot und Nachfrage vorhanden ist, so dass es attraktiv ist, dem Ganzen beizutreten. Man muss Partner finden, die zueinander passen und miteinander immer wieder interagieren wollen – auch diese Aufgabe wird gern unterschätzt.


Das klingt nach einem enormen Aufwand und hohen Risiko! Das Fraunhofer IESE hat ja einen starken Fokus darauf, deutsche Unternehmen dabei zu unterstützen, Digitale Ökosysteme zu etablieren. Sie selbst haben mal den Satz gesagt „Das Thema ist viel zu wichtig, um es dem Silicon Valley zu überlassen“. Aber was hat ein deutsches Unternehmen davon?


Digitale Ökosysteme transformieren das Geschäft in den einzelnen Branchen, weil eine Verbesserung des Gesamt-Dienstleistungsportfolios sowie ein besserer Zugang zu den Kunden erreicht werden. Jeder hat die Chance, so seine Position zu verändern. Früher war die Firma vielleicht ein Zulieferer in dritter Reihe, jetzt kann sie plötzlich an Endkunden direkt herantreten. Und mit der entsprechenden App wird die Firma dann sogar der Einstiegspunkt und gruppiert weitere Angebote hinter sich, alles läuft nur noch über diese Firma…

Jedes Unternehmen sollte sich das genau anschauen und klar dafür oder dagegen entscheiden. Natürlich kann und muss nicht jedes Unternehmen ein Digitales Ökosystem aufbauen, denn dafür braucht man die Idee, die Ausdauer und das finanzielle Volumen. Aber wenn jetzt nichts passiert in Deutschland, dann engagieren sich früher oder später globale Unternehmen aus dem Silicon Valley oder aus China und bieten hier ihre digitale Dienstleistung an. Das hätte dann den Beigeschmack des Ungleichgewichts, weil die Power des Gestaltens dann komplett woanders liegt. Darum ist es wünschenswert, dass Branchen, die bisher noch nicht so stark von Digitalen Ökosystemen durchdrungen sind, sich mehr engagieren und die Stärken, die die deutsche Wirtschaft auszeichnen, nach vorne bringen.

Und in welchen Branchen sehen Sie besonders viel Potenzial?


In traditionell starken Branchen, wie Maschinenbau und Anlagenbau, sollte die deutsche Wirtschaft unbedingt eine Rolle spielen. Hier entstehen auch gerade viele Ideen, aber noch nichts davon hat sich im großen Stil etabliert. Es gibt das Airbnb des Maschinenbaus noch nicht.
Ich halte auch die Gesundheitsbranche für vielversprechend, weil die Gesundheitssysteme der Länder sehr unterschiedlich organisiert sind und man es mit sehr sensiblen Daten zu tun hat. Hier könnte in Deutschland noch einiges passieren.

Außerdem sehe ich ein großes Potenzial in der Verknüpfung von stationärem und Online-Handel. Wie wäre es mit einem Digitales Ökosystem mit regionalem Charakter? Es muss ja nicht immer alles über Amazon laufen…

Wir beobachten auch, dass viele Unternehmen zwar erkennen, dass etwas Neues entstehen muss, aber es nicht alleine schaffen. Dann gehen sie mit mehreren Mitbewerbern zusammen und gründen zum Beispiel ein Startup. Das ist auch ein Weg, um das enorme Branchen-Knowhow, über das viele traditionelle Unternehmen in Deutschland verfügen, zu nutzen. Was man jedoch auf keinen Fall machen sollte, ist die Augen zu verschließen. Denn dann läuft in zehn Jahren alles anders und wahrscheinlich viel effizienter – und man selbst ist nicht mehr wettbewerbsfähig. Sich gar nicht mit dem Thema Digitale Ökosysteme auseinanderzusetzen, wäre fahrlässig.

Vielen Dank für die spannenden Einblicke, Herr Dr. Naab!

Silvia Schaub

Mit ihrer langjährigen Erfahrung aus großen Verlagshäusern unterstützt Silvia Schaub fintechcube seit 2020 als Senior Content Managerin – und hat dabei ihre Leidenschaft fürs Digitale entdeckt.