Hätten Sie’s gewusst? Künstliche Intelligenz im Alltag

Next Big Think Okt. 20, 2020

Folge 3: Digitale Übersetzer

Sie sitzen an einer E-Mail für Ihren Geschäftspartner in Stockholm. Wieder einmal fällt Ihnen diese eine schwedische Phrase nicht ein. Kurzerhand tippen Sie diese in die Suchmaschine Ihrer Wahl ein. Diese spuckt Ihnen mehrere Varianten und Satzbeispiele aus, die Sie in Ihre Nachricht übernehmen. Die Zeiten, in denen man in einem dicken Wörterbuch nachschlagen oder sich mit der eher kryptischen Wortwahl von Online-Übersetzern zufriedengeben musste, sind vorbei. Dank künstlicher Intelligenz (KI) liefern digitale Übersetzer immer präzisere Ergebnisse.

Wie funktioniert maschinelle Übersetzung?

“Natural Language Processing” (NLP) ist eine Technologie, die Erkenntnisse aus der Linguistik mit Methoden der Informatik verknüpft. Sie ergänzt die herkömmliche maschinelle Übersetzung, die auf regelbasierten und statistischen Systemen basiert, mit künstlicher Intelligenz.

Sprachen verfolgen eine gewisse Logik, auf die regelbasierte Systeme zur Verarbeitung zurückgreifen. Das System analysiert einzelne Wörter, Syntax und Grammatik und klassifiziert die Auswertung in Form eines Baumdiagrammes. Die Elemente werden dann in die Struktur der Sprache überführt, in die übersetzt werden soll. Statistische Systeme berechnen sprachunabhängig Wahrscheinlichkeiten für die passende Übersetzung anhand von Sprachmodellen.

Auf diese bewährten Methoden greift auch das Natural Language Processing zurück. Zusätzlich lernen Algorithmen aus Datensätzen von Übersetzungen, erkennen daraus Muster und Zusammenhänge.  Weitere technische Details erklären wir Ihnen in unserem Artikel “Kurz gefasst- Natural Language Processing in 3 Minuten”.

Mittlerweile können computerbasierte Übersetzer mehr als nur Vokabeln und Phrasen übersetzen. Intelligenten Systeme der Spracherfassung haben sich in den letzten Jahren stark weiterentwickelt. Es gelingt immer besser, Sinnkontexte und sprachliche Zweideutigkeiten zu erkennen oder ästhetischere und passendere Phrasen zu finden. Die Sprachqualität, die durch digitale Übersetzer geliefert wird, nimmt stetig zu.

Was ist bereits mit digitalen Übersetzern möglich?

Digitale Übersetzer werden im Unternehmenskontext bereits umfangreich eingesetzt, um eine Erst-Übersetzung von Dokumenten vorzunehmen. Diese wird dann von einem Menschen auf Grammatik- und Schönheitsfehler überprüft und korrigiert. Man spricht hier vom Posteditieren.

Dafür muss das geschriebene Wort nicht zwangsläufig als Textdokument verfügbar sein. Intelligenten Übersetzern ist es mittlerweile auch möglich, Sprache aus Bildern zu erkennen und zu verarbeiten. Beispielsweise kann man mit der Applikation “Lense” von iTranslate Schilder oder Speisekarten abfotografieren und erhält direkt eine Übersetzung auf sein Smartphone.

Nicht nur Anwendungen der Texterkennung, auch Technologien für die Übersetzung vom Mündlichen werden stetig weiterentwickelt. Das Start-up Waverly Labs Tech wurde 2014 in New York gegründet und hat 2016 einen smarten In-Ohr-Kopfhörer namens „Pilot” auf den Markt gebracht. Damit lassen sich insgesamt 15 Sprachen in Echtzeit übersetzen. Die Kopfhörer werden in Kombination mit der Applikation Pilot Speech Translation verwendet, die für das gesprochene Wort Übersetzungen in schriftlicher Form bereitstellt.

Ist man auf Reisen und möchte sich orientieren oder einfach das richtige Mittagessen finden, können Anwendungen wie die eben geschilderten enorm hilfreich sein. Hier überwiegt der funktionale Aspekt. Die sprachliche Ästhetik ist eher nebensächlich. In diesem Bereich sind digitale Übersetzer technisch schon sehr weit, jedoch überwiegt der funktionale Aspekt. Sätze werden 1-zu-1 übersetzt, die grammatikalische Korrektheit ist weniger wichtig. Sprachliche Feinheiten wie Ironie oder Emotion können bisher kaum erfasst werden. In Gesprächen oder komplexeren Texten verfälscht maschinelle Translation so oft den Kontext. Eine Vielzahl an Unternehmen feilt am sprachlichen Geschick digitaler Übersetzer.

Die besten NLP-Unternehmen kommen aus Deutschland

Die Königsklasse der Übersetzungen kommt aus Köln. Das Start-up DeepL ist mit seinem kostenlosen Übersetzungs-Tool seit 2017 auf dem Markt. In Sachen Sprachqualität hängt das deutsche Jungunternehmen die großen Player wie Google, Facebook und Microsoft ab. Im Blindtest wird die Qualität der Übersetzungen von DeepL von Dolmetschern bis zu dreimal besser bewertet als die der anderen Anbieter.

Besonders für lange Textdokumente eignet sich der Übersetzer von DeepL deutlich besser. Zwar stehen weniger Sprachen zur Auswahl, doch mit Blick auf Grammatik- und Zeichensetzung ist DeepL anderen Übersetzern einen Schritt voraus.

Das Berliner Unternehmen Acrolinx ist eine Ausgründung des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz und Experte für natürliche Sprachverarbeitung. Mittlerweile nehmen Facebook, Microsoft und Google die Leistungen des Unternehmens in Anspruch. Acrolinx hat einen digitalen Lektor entwickelt, der die Sprachqualität analysiert und optimiert. Beispielsweise bemängelt das System eine zu hohe Dichte an Substantivierungen und Nebensätzen und weist auf schwere Verständlichkeit hin. Die Software des Unternehmens wird herangezogen, um die Sprachqualität von digitalen Übersetzern zu verbessern.

Ausblick

Die Technologie birgt ein enormes Potenzial, um zwischenmenschliche Sprachbarrieren zu überwinden. Mit der Globalisierung wird mehrsprachige Kommunikation immer alltäglicher und gute Übersetzungswerkzeuge damit immer wichtiger.

Zugleich bangen Übersetzer und Dolmetscher um ihre Lebensgrundlage. Insgesamt verdienen 80.000 Menschen in Deutschland ihren Unterhalt mit Übersetzungsdienstleistungen. Könnte maschinelle Translation die Berufung bald überflüssig machen? Beim Übersetzertag im Literarischen Colloquium Berlin im Jahr 2019 ist eine künstliche Intelligenz gegen einen Dolmetscher angetreten. Noch konnte der Mensch den Sieg einholen. Es war jedoch ein knappes Rennen. Digitale Übersetzer haben ihre Qualität in den letzten 15 Jahren stark gesteigert.

Neutrale, leicht verständlich geschriebene Texte können durch maschinelle Translation bereits sehr zuverlässig übersetzt werden. Bei emotionalen, komplizierten oder humorvollen Texten geraten die Algorithmen jedoch an ihre Grenzen. Werden digitale Übersetzer Sprache jemals in ihrer vollen Komplexität erfassen können? Es bleibt spannend zu beobachten, wie schnell sich die intelligenten Systeme weiterentwickeln werden. Ist es schon bald nicht mehr notwendig Fremdsprachen zu lernen, da die Technologie uns diese Aufgabe vollständig abnehmen wird?

Wie haben sich digitale Übersetzer in den letzten Jahren gesteigert?

  • Können Sinnkontexte und Zweideutigkeiten besser übersetzen
  • Sprachqualität nimmt stetig zu
  • Können Sprache aus Bild- und Audiodateien erfassen
  • Berücksichtigen zum Teil Sprachästhetik
  • Stoßen weiterhin bei Emotionalität und Humor an ihre Grenzen

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Sarah Kolberg

Sarah Kolberg ist Redakteurin bei fintechcube und hat sich in ihrer bisherigen Laufbahn vor allem mit der digitalen Transformation im Public Sector beschäftigt.