Künstliche Intelligenz Made In Germany - Im Porträt: Gründer Stenon Dominic Roth und Niels Grabbert

Next Big Think Aug. 21, 2020

Die Digitalisierung der Landwirtschaft ist auf dem Vormarsch. Intelligente Assistenten geben Hinweismeldungen für den richtigen Erntezeitpunkt, die optimale Bewässerung oder gezielte Düngung. Das Potsdamer Start-up Stenon hat nun einen Spaten entwickelt, der mithilfe von Sensoren und künstlicher Intelligenz Echtzeit-Bodenanalysen durchführt. Das erlaubt Landwirten ohne das Zutun eines Labors präzise Messungen vorzunehmen und ihr Land flächenspezifisch zu bewirtschaften.

Die Gründer

Dominic Roth ist in Püttlingen aufgewachsen, einer kleinen Stadt im Süden des Saarlands. Die Kombination aus Business und Technologie hat Roth schon immer fasziniert. Für sein Masterstudium als Wirtschaftsingenieur zog es ihn nach Berlin, auch um hier Digitalisierungs-Projekte anzugehen.

Seine ersten beruflichen Stationen waren Start-ups. Hier hat Roth nach eigener Aussage alles gelernt, was es zum Gründen braucht. Unter anderem arbeitete er für conichi, ein junges Unternehmen, das sich auf die einfache und digitale Abwicklung von Hotelaufenthalten für Geschäftsreisende spezialisiert hat. Außerdem war er bei der Digitalberatung etventure in der Abteilung Coporate Innovation tätig.

Für Roth ist die Landwirtschaft ein spannendes Feld, zu dem er jedoch zuvor keinerlei Verbindung hatte. Oft bekäme die Landwirtschaft nicht die Beachtung, die sie verdiene. Denn an ihr hängt die Ernährung der Weltbevölkerung. Böden werden falsch bewirtschaftet, verlieren an Fruchtbarkeit und werden unnutzbar. Eine nachhaltige Landwirtschaft ist die Grundlage, um das Problem des Welthungers einzudämmen und nicht weiter zu vergrößern.

Sein Mitgründer Niels Grabbert studierte Mikrosystemtechnik und arbeitete lange in der Forschung beim Fraunhofer Institut. Grabbert ging auf Roth zu, um ihm seine Idee vorzustellen: Eine Technologie, mit Hilfe derer die Zusammensetzung von Erde analysiert werden kann. Mit Roths Hilfe wollte der Sensorik-Experte herausfinden, ob es einen Markt für ein solches Produkt gebe. Beide kannten sich zuvor ausschließlich über gemeinsame Geschäftskontakte.

Wir wollen mit der Technologie, die wir entwickeln, einen Unterschied machen.

Labortest per Spatenstich

Bisher konnten Bodeneigenschaften nur durch eine Laboranalyse getestet werden. Die Nachfrage diese Strukturen zu durchbrechen war riesig und die Technologie von Stenon konnte diese Problematik lösen. Im Jahr 2018 wurde Stenon in Berlin gegründet.

Das Start-up hat den High-Tech-Spaten “FarmLab” entwickelt, der wie eine Art mobiles Labor funktioniert und exakte Messungen zur Bodenbeschaffenheit liefert. Mit einem Spatenstich misst eine Vielzahl verschiedener Sensoren am Spatenblatt die Eigenschaften des Bodens. Beispielsweise kann der Spaten die Körnung, die Textur, den pH-Wert, die Feuchtigkeit und die Konzentration von Nährstoffen wie Phosphor, Kalium und Magnesium erfassen. Am Spatenstiel befindet sich ein Touch-Display, mit dem der Landwirt das mobile Labor steuern kann.

Die Zusammensetzung von Erde ist höchst komplex. Es bestehen zwar bereits einige Sensoriksysteme für Böden auf dem Markt, jedoch keines, das derart präzise Ergebnisse zur Zusammensetzung liefert. So hohe Messqualität konnte bisher nur ein Labor liefern. Durch den Transport zum Labor können sich Bodeneigenschaft leicht verändern, sodass FarmLab durch die Messung vor Ort sogar einen Vorteil gegenüber den Laboren mit Blick auf die Korrektheit hat. Außerdem entfallen wochenlange Wartezeiten für die Laboranalyse, hohe Kosten und aufwendige Bodenproben. Durch FarmLab sind Bodendaten für kleine Messraster in kürzester Zeit verfügbar.

Das bedeutet für den Landwirt, dass er sehr genau bestimmen kann, welcher Boden für welche Bewirtschaftung geeignet ist. Er kann datenbasiert entscheiden, welche Abschnitte er wie bepflanzt. Durch die Anpassung der Bepflanzung und das Wissen über die Bodenzusammensetzung können Düngermittel richtig kalkuliert und entsprechend eingespart werden. Der High-Tech-Spaten bietet Bauern außerdem die Möglichkeit, Messungen über längere Zeiträume vorzunehmen und so die Entwicklungen der Bodengesundheit mitzuverfolgen und zu protokollieren.

Nah an der Forschung und Landwirtschaft

Kurz nach der Gründung zog es die beiden Gründer nach Brandenburg und Stenons Firmensitz wurde nach Potsdam verlegt. So hatten sie Zugang zum Leibniz-Institut für Agrartechnik und Bioökonomie, wo sie die Labore nutzen und den Rat von Experten für ihre Produktentwicklung heranziehen konnten.

Ein weiterer und wohl wichtigerer Grund für den Umzug war die Nähe zur Materie. Durch die enge Zusammenarbeit mit den Brandenburger Landwirten sollte das Produkt noch bessere Ergebnisse liefern. Neben der Präzision steht vor allem Einfachheit und Robustheit im Vordergrund. Die Messungen sollten sich schnell und einfach umsetzen lassen. Stenon baut mittlerweile selbst an und hat Pilotprojekte mit zehn Landwirten, die ihren smarten Spaten testen.

Das Start-up wird vom Land Brandenburg im Rahmen des Programms “Gründung innovativ” gefördert. Sie kooperieren außerdem mit dem Leibniz-Institut für Gemüse- und Zierpflanzenbau in Großbeeren für die Forschung zur stetigen Verbesserung ihres Produkts.

Stenon auf dem Vormarsch

Die Hardware-Komponente in ihrem Produkt machte laut Roth die Suche nach Investoren anfangs schwieriger. Viele Geldgeber wollen ausschließlich in Software investieren. Auch die Landwirtschafts-Branche scheint für viele weniger attraktiv zu sein. Im September 2019 investierten schließlich Cherry Ventures gemeinsam mit Altinvestor Atlatic Labs in Stenon. Insgesamt sammelte das Agrartechnologie-Start-up in der Finanzierungsrunde einen mittleren einstelligen Millionenbeitrag ein.

Einen Monat später geht Roth mit seinem Unternehmen eine Partnerschaft mit dem Landmaschinenhersteller CNH Industrial ein. Es handelt sich dabei um eine Distributions-Beziehung, denn im Frühjahr 2020 hat die Verkaufsphase für Stenon in Deutschland, Frankreich und der Ukraine begonnen. Die ersten zwei Jahre hat Stenon in die Entwicklung ihres Produktes gesteckt.

Das junge Unternehmen hat als Zweimann-Team begonnen. Mittlerweile hat das Start-up aus Potsdam ein Team aus Soft- und Hardwareentwicklern, Machine Learning-Experten und Agrarwissenschaftlern aufgebaut. Stenon arbeitet an der Integration der Sensortechnologie von FarmLab in andere Landwirtschaftsmaschinen. Außerdem ist die Anbindung von Empfehlungssystemen in Planung, die zusätzliche Hinweise zur Region, Fruchtfolge und Düngung vermitteln. Eine Software für das Management und die Visualisierung der gesammelten Daten ist ebenfalls in Arbeit. In den nächsten fünf Jahren will Roth auf allen relevanten europäischen Märkten vertreten sein.

Auf lange Sicht wollen die Gründer ihr Produkt auch dahin bringen, wo es am meisten gebraucht wird: in die Entwicklungsländer. Hier besteht meist gar keine Infrastruktur, auf die die Landwirte zurückgreifen können. Das Bodenanalyse-Tool von Stenon könnte hier einen beachtlichen Beitrag zur Qualität der Landwirtschaft leisten. Auf lange Sicht würden hier Böden geschont und bessere Erträge erzielt werden, was maßgeblich zur Ernährung der Bevölkerung vor Ort beitragen könnte.

Über das Unternehmen:

  • Haben High-Tech-Spaten "FarmLab" mit Sensorik-System für Echtzeit-Bodenanalyse entwickelt
  • Messung der Bodeneigenschaften in Laborqualität
  • Planen Sensorik-Hardware auch in andere Landwirtschaftsmaschinen einzubauen
  • Entwickeln auch Software mit Empfehlungssystem und Datenaufbereitung für Landwirte

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Sarah Kolberg

Sarah Kolberg ist Redakteurin bei fintechcube und hat sich in ihrer bisherigen Laufbahn vor allem mit der digitalen Transformation im Public Sector beschäftigt.