KI Made in Germany - im Porträt: Hypatos CEO Dr. Ulrich Erxleben

Jan. 22, 2021

Alle Jahre wieder: Der Jahresabschluss steht an. Unternehmen kämpfen sich durch Papierberge und ein Ende ist kaum in Sicht – ein richtiggehender Nervenkiller. Wäre es nicht schön, solche Arbeiten würden sich einfach von selbst erledigen? Hypatos macht genau das möglich! Das Potsdamer Start-up will mithilfe künstlicher Intelligenz (KI) lästige Back Office-Prozesse automatisieren. Wie das geht? Lesen Sie es in unserem Porträt über den CEO und Mitgründer Dr. Ulrich Erxleben.

Der Gründer

Ulrich „Uli“ Erxleben verfügt über einen Lebenslauf, der sich sehen lassen kann. Er studierte Betriebswirtschaftslehre an der renommierten Hochschule St. Gallen in der Schweiz, arbeitete für McKinsey in Berlin und Palo Alto, promovierte an der Technischen Universität Darmstadt und leitete als Managing Director das US-Geschäft für Rocket Internet. Rückblickend sei dieser Lebenslauf für ihn aber eher zweitrangig, wie er gegenüber dem Podcaster Matthew Mockridge meint:

Ich habe ein bisschen gebraucht, mich davon loszumachen, dass es, um erfolgreich zu sein, einen totalen Streamline-Lebenslauf braucht.

Viel wichtiger sei es, etwas zu tun, worin man gut sei und worauf man wirklich Lust habe. Worauf er 2013 Lust hatte? Bei ProsiebenSat.1 einen Corporate-Inkubator mit aufzubauen! Die Start-up-Schmiede der Mediengruppe hieß Epic Companies und Erxleben war deren Geschäftsführer. Die Werbefenster der Fernsehsender sollten genutzt werden, um eigene Start-ups zu pushen und schnell groß zu machen. Wirklich funktioniert hat das ganze jedoch nicht und bereits eineinhalb Jahre nach dem Start wurde das Geschäft eingestellt. Laut Erxleben auch darum, weil sich Konzernlogik mit Start-up-Unternehmertum einfach nicht wirklich vertrage. Im Nachhinein bezeichnet er diese Zeit als seinen größten beruflichen Misserfolg.

Er nahm sich eine Auszeit, um genauer zu evaluieren, was er denn wirklich will. Er gründete die kleine Brauerei „Berliner Berg“ mit, vor allem setzte er sich aber mit seinem Freund Janosch Novak zusammen, um Ideen für ein neues Projekt zu sammeln. Er lernte Novak während seines Studiums in St. Gallen kennen und ihre beruflichen Wege kreuzten sich immer wieder, beispielsweise bei Rocket Internet und ProsiebenSat.1.

Die automatisierte Finanzbuchhaltung

Beide waren fasziniert von Tech-Themen und wussten, dass sie etwas im B2B-Bereich machen wollen. Vor allem aber wollten sie einen realen Pain Point angehen, also ein wirkliches Problem lösen. Aus eigener Erfahrung und von Leidensgeschichten anderer wussten sie, dass die Finanzbuchhaltung sowohl in Start-ups als auch in etablierten Unternehmen stets ein Reibungspunkt ist. Die Prozesse sind extrem personalintensiv, fehleranfällig und werden als reiner Zeit- sowie Nervenkiller gesehen. Gemeinsam mit Stefan Korsch, den sie über ihr Netzwerk kennenlernten, gründeten sie im Sommer 2015 in Potsdam das Start-up Smacc. Ihr Ziel:  die Finanzbuchhaltung digitalisieren und automatisieren.

Wenn wir es einfach erklären, dann sagen wir, wir machen Online- oder Roboter-Buchhaltung. Aber das ist im Kern nicht das, was wir tun.

Erxleben und sein Team entwickelten eine Anwendung, die mit künstlicher Intelligenz gescannte Dokumente verstehen kann. Mittels Bild- und Spracherkennung werden Rechnungen, Quittungen, Kontoauszüge und weitere relevante Dokumente digitalisiert und mithilfe von Deep Learning-Algorithmen vor allem interpretiert. Finanzprozesse können so automatisiert abgewickelt werden. Erreicht beispielsweise eine Rechnung ein Unternehmen, so würde diese klassischerweise in Papierform von Schreibtisch zu Schreibtisch weitergereicht. Freigaben würden erteilt, Zahlungslisten manuell generiert und Bankaufträge erstellt.

Mit Smacc flattert zwar noch immer eine Papierrechnung per Post ins Büro. Doch diese wird direkt eingescannt, ins Dokumentensystem geladen und analysiert. Das System fordert alle notwendigen Freigaben und Informationen per Mail oder Notification bei zuständigen Mitarbeitern an, generiert Zahlungslisten und Bankaufträge und übernimmt die buchhalterische Erfassung. Das System kann sogar den optimalen Zahlungszeitpunkt berücksichtigen, beispielsweise je nach gewährten Skonti oder ausgemachten Zahlungszielen.

Wir helfen dabei, diesen Finanzprozess, den jedes Unternehmen machen muss, elegant, digital, automatisiert und transparent abzuwickeln.

Unternehmen straffen dadurch nicht nur ihre Prozesse – viel mehr erschließen sie auch wertvolle Daten für die Steuerung ihres Unternehmens. Denn die Finanzbuchhaltung liefert wichtige Informationen zum Tagesgeschäft sowie allgemein zum Unternehmen. Durch die Digitalisierung dieser Informationen können sie tagesaktuell für unternehmerische Entscheidungen herangezogen werden.

Hypatos automatisiert weitere Back Office-Prozesse

Das Kundenwachstum von Smacc war gut, die Erlöse ebenfalls. Doch Erxleben und Novak merkten, dass ihre entwickelte Technologie weit mehr kann, als sie aktuell bei Smacc leistet. Zwar ist die Finanzbuchhaltung ein großer Pain Point – doch bei weitem nicht der einzige Prozess im Back Office, der automatisiert werden kann.

Es gibt viele Leute, die wollen Sachen automatisieren, die sie nerven.

Erxleben und Novak gründeten deshalb 2018 ein Spin-off von Smacc namens Hypatos, dessen CEO Erxleben wurde. Hypatos fokussierte sich fortan auf die hinter Smacc liegende Technologie und sollte sie für weitere Bereiche erschließen. Dafür wird eine AI as a Service-Lösung angeboten. Verkauft wird also nicht eine komplette Soft- oder Hardware-Lösung, sondern quasi ein Plug-In, das auch in bestehende Strukturen integriert werden kann.

Mit der Lösung von Hypatos können alle halbstrukturierten Dokumente wie Lieferscheine, Kassenzettel, Lohnabrechnungen aber auch Lebensläufe oder medizinische Rezepte verarbeitet und interpretiert werden. Sie ist also nicht nur in der Finanzbuchhaltung einsetzbar, sondern kann Prozesse überall da automatisieren, wo Daten aus Dokumenten erfasst werden. Im Gegensatz zu klassischen Bots funktioniert Hypatos aber nicht rein regelbasiert, sondern versteht die Inhalte und Kontextinformationen dank einem künstlichen neuronalen Netzwerk. Mit dieser kognitiven Prozessautomatisierung können auch komplexe Abläufe und gar Entscheidungsfindungen automatisiert werden.

Unsere Deep Learning Technologie ermöglicht dabei Automatisierungsraten, die bisher unerreichbar waren.

Zu den Kunden gehören mehr als 300 Softwarefirmen, aber auch Fortune 500 Unternehmen und große Accounting-Firmen wie pwc oder Deloitte. Auch bei Investoren stoßen Erxleben und sein Team auf offene Ohren: Die jüngste Finanzierungsrunde im vergangenen September hat dem Deep Tech Unternehmen rund zehn Millionen Euro eingebracht. Das Geld soll laut Erxleben vorwiegend für die Expansion in die vereinigten Staaten genutzt werden. Aktuell arbeiten gut 40 Personen an Standorten in Berlin, Potsdam und Warschau.

Dr. Uli Erxleben hat scheinbar gefunden, auf was er wirklich Lust hat und kann neben seinem vorzeigewürdigen Lebenslauf auch auf erfolgreiche Unternehmensgründungen verweisen. Ob er damit am Ende ist? Wohl kaum:

Wenn man ein Unternehmen aufbaut, sollte man immer an die Weltherrschaft denken.

Dominic Hauser

Dominic Hauser ist Redakteur bei fintechcube. Davor war er in Bern als politischer Redakteur tätig und beschäftigte sich nach seinem Umzug nach Berlin mit der Digitalisierung des Public Sectors.