Künstliche Intelligenz Made In Germany - Im Porträt: Smartlane CEO Monja Mühling

Next Big Think Sep. 04, 2020

Allein in Deutschland sind jedes Jahr drei Millionen LKWs unterwegs, die abertausende Kilometer zurücklegen. Die Logistik ist so analog wie kaum eine andere Branche. In vielen Unternehmen wird noch mit Fax und Telefon gearbeitet. Werden digitale Systeme genutzt, erledigen diese nur Einzelaufgaben wie das Personal- oder das Auftragsmanagement, sind allerdings nicht miteinander vernetzt. Die Disponenten müssen sich aus verschiedenen Quellen mühsam alle Informationen zusammensuchen, um die Touren zu planen.

Das Münchner Start-up Smartlane hat ein System entwickelt, das alle notwendigen Informationen an einem Ort sammelt. Die Daten werden durch eine künstliche Intelligenz ausgewertet, die die perfekte Route berechnet und das bei möglichst geringen Ressourcenverbrauch – eine Technologie, welche der Digitalisierung und Automatisierung der Logistik und des Transportwesens den Weg ebnen könnte.

Die Geschäftsführerin

Monja Mühling ist gebürtige Odenwälderin und studierte an der Technischen Universität München Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkten auf Technologie und Informatik. Für Mühling ging es direkt von der Universität in das eigene Unternehmen. Als sie an ihrer Masterarbeit arbeitete, traf sie auf ihr Gründer-Team, die Informatiker Florian Schimandl und Mathias Baur. Sie hatten eine Idee. Doch den beiden Technologie-Experten fehlte jemand mit betriebswirtschaftlichen Know How. Mühling, die auch vor technischen Themen keine Scheu hat, kam damals wie gerufen. Gemeinsam gründen sie im April 2015 Smartlane.

Die Anfänge

Das Smartlane-Team hat eine Software entwickelt, die Logistikunternehmen dabei unterstützt, ihr Transportwesen effizienter zu gestalten. Mit ihrer Idee nahmen sie am Kickstarter-Programm der Technischen Universität München teil und wurden vom Investorennetzwerk BayStartup unterstützt.

Wie das Berliner Start-up Lana Labs nutzt das Unternehmen künstliche Intelligenz zur Optimierung von Prozessen – auch Process Mining genannt. Die Software von Smartlane ist auf Transport-Logistik spezialisiert. Mühling spricht daher von “Transport Mining”. Das Optimierungsverfahren basiert auf der Dissertation von Mitgründer Mathias Baur. Mithilfe von Simulationen kann das System Mobilität und Verkehr prognostizieren: Kommt es auf einer Strecke zu erhöhtem Verkaufsaufkommen? An welchen Baustellen besteht besondere Staugefahr? Erst wollten Smartlane ihr System Verkehrstechnikern zur Verfügung stellen, merkten aber schnell, dass es bei diesen keine Nachfrage für ihr Produkt gab. Da die Problematiken im Transportwesen ganz ähnliche sind, schlug Mühling vor, die KI für die Logistikbranche zu nutzen.

Die Smartlane-Software berücksichtigt die Auftragsdaten sowie verschiedenste Faktoren wie Lieferzeitfenster, Fahrerkapazitäten, Kundenwünsche und die Eigenheiten der Flotte. Die Algorithmen kombinieren diese Daten mit der aktuellen Verkehrslage sowie der Verfügbarkeit der Fahrzeuge, erhalten so die perfekte Route und teilen den passenden Fahrer zu. Der gesamte Prozess vom Auftrag bis zur Lieferung lässt sich mit Smartlane in einer digitalen Lösung abbilden und automatisieren. Die künstliche Intelligenz sorgt dafür, dass Ressourcen optimal eingesetzt werden.

Das spart nicht nur Kilometer, sondern verbessert auch die Servicequalität. Über das System kann die Fuhre vom Kunden auf ihrem gesamten Transportweg verfolgt werden. Die Software ermöglicht außerdem eine dynamische Tourenanpassung. Gibt es einen Stau auf der vorgesehenen Strecke, fällt ein Fahrer aus oder wird die Lieferung eine Stunde eher benötigt, kann dies mithilfe der Software auch kurzfristig in die Transportplanung einfließen. Diese Prozessoptimierung kommt auch direkt beim Kunden an. Denn anstelle von Zeitfenstern von 7 bis 13 Uhr können die Lieferzeiten viel genauer bestimmt werden, sodass lange Wartezeiten entfallen. Statt kurz nach dem Einzug den ganzen Tag darauf zu hoffen, dass das lang ersehnte Sofa endlich ankommt, erhalten Sie bereits kurz nach der Bestellung ein Zeitfenster von 30 Minuten. Falls es Abweichungen gibt, werden Sie benachrichtigt. Mit Smartlane könnte dies die Zukunft für sämtliche Kurierdiensten, Speditionen, Paketzustellern sowie Handelsunternehmen sein.

Im Jahr 2016 hat das Team mit der Entwicklung begonnen, Marktforschung betrieben und erste Pilotprojekte gestartet. Im Jahr 2017 kam die Software auf den Markt.

Der Aufstieg

Das Deep-Tech-Unternehmen konnte bereits frühzeitig Investoren für sich gewinnen. Unter anderem waren der Hamburger Mobility Fund und der Next Logistics Accelerator unter den ersten Geldgebern.

Der bekannte Investor Frank Thelen hat einen hohen einstelligen Millionenbetrag in das Münchner Start-up investiert. Thelen glaubt fest an den Erfolg des jungen Unternehmens:

Smartlane hat das Potenzial, ein europäischer Tech-Champion zu werden.

Bisher hat er in kein anderes Start-up so hoch investiert. Thelen hält 20 Prozent des Unternehmens. Er steht dem Unternehmen jedoch nicht nur finanziell bei. Der Investor unterstützt das Smartlane-Team mit Know-How und Kontakten. Die Mitarbeitenden des Wagniskapitalfonds Freigeist Capital, Thelens Fond, sollen sogar operative Aufgaben übernehmen. Der Fond hat zuvor das Münchner Start-up Lilium unterstützt, welches Flugtaxis entwickelt.

Als Kunden konnte Smartlane bereits die Deutsche Bahn und die Großhandelskette Metro gewinnen. Viele Unternehmen der Branche stellen ihre Systeme und Prozesse, die sie seit 30 Jahren genutzt haben, um. Die Kernprozesse können auf Smartlane umgelegt und voll automatisiert werden. Mit der Optimierung durch Smartlane können die Unternehmen bis zu 30 Prozent der Prozesskosten einsparen.

Im Jahr 2019 wurde die Software von Smartlane mit dem AI-Award und damit als Europas bestes Start-up ausgezeichnet. Bis zum Jahr 2022 erwartet Mühling einen Umsatz im zweistelligen Millionen-Bereich. Smartlane bietet ihre Transportoptimierung als Software-as-a-service an. Die Höhe der jährlichen Lizenzgebühren wird anhand des Auftragsvolumens berechnet. Bei großen Kunden kommen so nach Mühlings Aussage sechs- bis siebenstellige Beträge zu Stande.

Wir wollen eine starke Marke aufbauen. Das Ziel ist, dass jeder, der seine Transportlogistik und die dahinterstehenden Prozesse automatisieren und optimieren will, zuerst an Smartlane denkt.

Bisher ist es großen Playern wie Amazon vorbehalten, ihre Logistikprozesse mit derartiger Präzision durchzuführen. Smartlane will auch kleineren Unternehmen ein Werkzeug an die Hand geben, um eine Qualität zu erreichen, die an die des Tech-Giganten heranreichen.

Drei Fakten über Smartlane:

  1. Smartlane hat eine Software für die Optimierung von Transportprozessen entwickelt (Transport Mining).
  2. Bisher hat der bekannte Investor Frank Thelen in kein Start-up so hoch investiert wie in Smartlane.
  3. Sie geben sämtlichen Unternehmen mit ihrer Software die Möglichkeit hochqualitative Prozesse in der Logistik umzusetzen, was bisher Playern wie Amazon vorbehalten ist. Die Deutsche Bahn und die Metro sind bereits Kunde.

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Sarah Kolberg

Sarah Kolberg ist Redakteurin bei fintechcube und hat sich in ihrer bisherigen Laufbahn vor allem mit der digitalen Transformation im Public Sector beschäftigt.