Kurz gefasst: Augmented Reality in 3 Minuten

Next Big Think Juli 08, 2020

Mit aufgesetzter AR-Brille laufen Sie durch Ihre Fabrikhalle, die Maschinen surren, an jeder Ecke grüßt Sie ein fleißiger Mitarbeiter – alles in bester Ordnung. Bei Ihrem Gang durch die Flure taucht über jeder Maschine, an der Sie vorbeikommen, automatisch eine Infobox mit Informationen über ihren aktuellen Zustand auf: letzte Wartung, Meldungen über Unregelmäßigkeiten, aktuelle Auslastung. Auch hier: alles zufriedenstellend. Doch ausgerechnet bei der letzten Maschine erscheint eine Meldung: Druck zu hoch.

„Siri, ruf Herrn Müller an!“ Und schon nach wenigen Sekunden sind Sie mit Ihrem Techniker verbunden. Herr Müller ist gerade in der Zentrale, zehn Kilometer entfernt. Doch auf seinem Tablet sieht er Ihr Sichtfeld - aufgenommen durch die AR-Brille auf Ihrem Kopf - und schaut sich die Maschine genauer an: „Kein Problem, der Druck kann ganz einfach abgelassen werden.“ Er umkreist auf seinem Tablet die Stelle, wo das Ventil zu finden ist – die Markierung wird Ihnen sofort in Ihr Sichtfeld übertragen. Sie betätigen das Ventil und die Maschine ist wieder voll funktionsfähig. Zufrieden verlassen Sie die Fabrikhalle, steigen in den Fahrstuhl zu Ihrem Büro und denken sich: „Schon praktisch, was dank Augmented Reality alles möglich ist!“

Was ist Augmented Reality?

Unter Augmented Reality (AR), zu Deutsch erweiterte Realität, versteht man die computergestützte Erweiterung der eigenen Realität durch virtuelle Elemente. Anders als bei Virtual Reality (VR) bewegt sich der Nutzer nicht in einer rein virtuellen Welt. Er sieht durch eine AR-Brille oder auf einem Bildschirm seine reale Umgebung, ergänzt durch virtuelle Elemente.

Virtuelle Elemente können einfache Textinhalte, aber auch Fotos, Grafiken, Videos oder 3D-Modelle sein. Öffnet man beispielsweise die Motorhaube seines Autos, können die einzelnen Bauteile hervorgehoben und beschriftet werden. Oder man sieht auf der eigenen Auffahrt das virtuelle Modell seines Traumautos stehen. Die Objekte werden dabei nicht statisch ins Blickfeld projiziert: Bewegt man sich im Raum, passen sie sich perspektivisch an. Die Hervorhebungen am Motor bleiben beim richtigen Bauteil, auch wenn man seinen Kopf bewegt. Um sein Traumauto kann man herumlaufen und es von allen Seiten betrachten.

Der Nutzer kann mit den virtuellen Elementen zudem interagieren. Er kann beispielsweise Hervorhebungen ein- und ausblenden oder Elemente im Raum verschieben. Dies ist, je nach Gerät, über Bildschirm, Mikrofon oder Gesten möglich.

AR ist mit verschiedenster Hardware möglich. Klassische AR-Brillen verfügen über durchsichtiges Brillenglas, durch das man seine reale Umgebung sieht. Die virtuellen Elemente werden mit Hilfe eines kleinen Displays, Lichtimpulsen sowie Prismen ins Sichtfeld des Nutzers eingebaut. AR funktioniert aber auch mit Smartphones oder Tablets. Die Umgebung wird mittels Gerätekamera aufgenommen und auf dem Bildschirm virtuell erweitert angezeigt.

Sowohl AR-Brillen als auch andere Geräte müssen über entsprechende Kamera- und Sensorik-Systeme verfügen. Diese nehmen die Umgebung wahr, bestimmen die Position im Raum und reagieren auf Bewegungen. Das Gerät braucht zudem einen leistungsstarken Prozessor, der alle diese Wahrnehmungen für sich in ein 3D-Modell übersetzen kann, die virtuellen Elemente darin einbettet und dem Nutzer ins Sichtfeld überträgt.

Wo wird Augmented Reality angewendet?

Viele kennen AR-Anwendungen aus dem Unterhaltungsbereich: Beim beliebten Handyspiel Pokémon Go kann man auf dem Smartphone-Bildschirm virtuellen Pokémons in der realen Umgebung nachjagen. Bei Social Media Apps wie Instagram, Snapchat oder Tik Tok gibt es unzählige AR-Filter für Fotos und Videos. Doch AR kann nicht nur für Entertainment, sondern in nahezu allen Branchen eingesetzt werden.

Produktion: Bei Automobilherstellern wie BMW wird dem Produktionsmitarbeiter durch Augmented Reality beispielsweise angezeigt, welches Bauteil an welcher Stelle verbaut werden soll. Mängel wie eine leicht schief verbaute Autotür können bei der Produktabnahme zudem hervorgehoben werden. Und im Produktdesign sowie in der Produktentwicklung können neue Elemente virtuell in bestehende eingefügt und so in der Realität betrachtet werden.

Wartung und Instandhaltung: Für Techniker können einzelne Bestandteile einer Anlage oder Maschine markiert und beschriftet werden. Dadurch können sie Schritt für Schritt durch Kontroll- und Reparaturprozesse geführt werden - sowohl von einem Computer, als auch von einem Kollegen oder einer Servicekraft in der Ferne. Dies hilft insbesondere bei der Schulung und dem Training von neuen Mitarbeitern, kann aber auch erfahrenes Personal bei ihrer täglichen Arbeit unterstützen.

Marketing und Verkauf: Bei der Möbelhauskette Ikea kann man Möbel per Smartphone virtuell in seiner Wohnung platzieren und so testen, ob sie optisch und bezüglich Maßen passen. Beim Online-Optiker Mister Spex ist die virtuelle Anprobe von Brillen möglich. Aber auch beim Gang durch einen stationären Laden kann der Kunde in Zukunft mittels AR beispielsweise weitergehende Informationen zu einem Produkt abrufen, ohne dieses in die Hand zu nehmen.

Coworking: AR ermöglicht neue und innovativere Formen der Zusammenarbeit. Mit der Microsoft Hololens, der AR-Brille des Konzerns, können Notizen, Charts oder 3D-Modelle für alle sichtbar im Raum dargestellt und bearbeitet werden. Aber nicht nur die Zusammenarbeit, sondern auch die Arbeit am eigenen Schreibtisch kann vereinfacht werden: Statt mehrere Monitore zu haben, kann man einzelne Anwendungen – beispielsweise das Fenster mit dem Video-Call – außerhalb des Monitors platzieren.

Navigation: Autohersteller verbauen seit längerem sogenannte Head-up-Displays, bei denen Navigationshinweise oder die aktuelle Geschwindigkeit direkt im Sichtfeld des Nutzers angezeigt werden. Mit AR können diese Hinweise oder beispielsweise auch Spurmarkierungen perspektivisch auf die Windschutzscheibe projiziert werden. Nach gleicher Logik können in einer fremden Stadt Sehenswürdigkeiten markiert, beschriftet und mit weiteren Informationen unterlegt werden – quasi ein digitaler Reiseleiter.

Medizin: AR bringt für die Medizin viele Möglichkeiten Chirurgen können bei Operationen unterstützt werden, indem beispielsweise Organe hervorgehoben und mit den aktuellen Vitalwerten in Echtzeit beschriftet werden. Mittels AR kann der Verlauf bestimmter Arterien oder Nerven direkt auf dem Körper angezeigt werden. Und durch virtuelle 3D-Elementen im Raum können sich Ärzte gemeinsam auf Operationen vorbereiten.

Ausblick

Die Liste möglicher Anwendungsgebiete ist lang, in den nächsten Jahren werden laufend neue Einsatzbereiche dazukommen. Denn durch immer leistungsfähigere Geräte und Prozessoren wird Augmented Reality stetig alltagstauglicher. Bereits heute ist AR mit high-end Smartphones wie dem iPhone 11 oder dem Samsung Galaxy S20 möglich. Schon in naher Zukunft werden fast alle von uns ein AR-fähiges Gerät in der Tasche haben.

Aber auch die klassischen AR-Brillen werden massentauglicher: Die verbaute Technik - und somit das Gerät insgesamt - wird immer erschwinglicher. Nicht nur optisch sehen sie schon bald wie normale Brillen aus. Die ehemals klobigen Robo-Brillen werden auch immer leichter und lassen sich dadurch immer besser im Alltag nutzen.

„It’s the next big thing, and it will pervade our entire lives.“

Tim Cook, Apple CEO

Was bedeutet Augmented Reality für mein Unternehmen?

  • Augmented Reality wird immer massentauglicher. Schon bald werden fast alle Kunden über ein AR-fähiges Gerät verfügen und erwarten von Unternehmen AR-gestützte Angebote. Der Anschluss an diese Entwicklung sollte nicht verpasst werden.
  • Augmented Reality ermöglicht unternehmensintern neue und innovativere Formen des Zusammenarbeitens. Dies steigert auch die Attraktivität als Arbeitgeber.
  • Augmented Reality kann in nahezu allen Branchen Prozesse vereinfachen und effizienter machen. Es lohnt sich für alle Unternehmen, über die Einsatzmöglichkeiten von AR konkret nachzudenken.

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Dominic Hauser

Dominic Hauser ist Redakteur bei fintechcube. Davor war er in Bern als politischer Redakteur tätig und beschäftigte sich nach seinem Umzug nach Berlin mit der Digitalisierung des Public Sectors.