Im Porträt: Mobileye Gründer Professor Amnon Shashua

Next Big Think Juni 12, 2020

Der Professor, der Autos das Sehen beibringt

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sterben weltweit jedes Jahr 1,35 Millionen Menschen bei Verkehrsunfällen. Verursacht werden diese Unfälle häufig durch unaufmerksame oder abgelenkte Fahrer, die von der Fahrbahn abkommen, mit überhöhter Geschwindigkeit unterwegs sind oder zu dicht auffahren. Mithilfe moderner Fahrassistenzsysteme (FAS) können alle diese Gefahren entschärft oder sogar vermieden werden.

In den letzten Jahren  haben sich Fahrassistenzsysteme rasant weiterentwickelt - dank gestiegener Rechenleistung, fortschrittlicher Sensoren und künstlicher Intelligenz. Sie überwachen kontinuierlich das Fahrzeug und dessen Umgebung,  warnen bei Gefahr rechtzeitig den Fahrer, bremsen das Fahrzeug selbständig ab und können es sogar aus der Gefahrenzone steuern. Diese Entwicklung hat nicht nur enorme Auswirkungen auf den Automobilmarkt, sondern rettet auch unzählige Leben.

Der weltweit führende Anbieter von intelligenten Fahrassistenzsystemen ist Mobileye. Das israelische Unternehmen hat Partnerschaften mit nahezu allen namhaften Automobilherstellern und sein System bereits in mehr als 40 Millionen Fahrzeugen verbaut - vom Kleinwagen bis zur Luxus-Limousine.

Der Gründer

Mobileye wurde 1999 von den beiden Freunden Professor Amnon Shashua und Ziv Aviram in Jerusalem gegründet. Das Unternehmen wird bis heute von dem inzwischen 60-jährigen Professor als CEO geleitet.

Der israelische Ingenieur, der in Hirn- und Kognitionswissenschaften am Massachusetts Institute of Technology (MIT) promovierte, gilt als genialer Wissenschaftler und begann bereits als Student in den 80er-Jahren im Bereich künstliche Intelligenz zu forschen. Im Jahr 1999 wurde er mit 39 Jahren an der Hebräischen Universität in Jerusalem zum Assistenz-Professor ernannt und 2007 auf den Sachs Stiftungs-Lehrstuhl für Informatik berufen. Inzwischen hat er mehr als 120 wissenschaftliche Publikationen in den Bereichen maschinelles Lernen und Computer Vision veröffentlicht. Laut Shashua bedeutet Computer Vision, Maschinen zu trainieren, ihre Umgebung wahrzunehmen - vergleichbar wie ein Mensch mit seinen Augen.

Neben seiner akademischen Arbeit und dem dadurch erworbenen Detailwissen wurde Shashua bei der Gründung von Mobileye von folgender Idee angetrieben: Wenn es Menschen möglich ist, ein Auto allein durch die Fähigkeit, sehen zu können, zu lenken, kann das ein Computer auch.

Die Anfänge

Als Amnon Shashua mit seinen Forschungen im Bereich Computer Vision begann, war sein Ziel, Maschinen das Sehen beizubringen. Erst die Anfrage eines großen Automobilherstellers nach einem System, das die Fahrbahn erkennen und dadurch Kollisionen vermeiden könne, brachte ihm die Erkenntnis: Diese Maschine könnte auch ein Auto sein.

Bei der Marktbetrachtung fiel Shashua auf, dass die bestehenden Fahrassistenzsysteme alle mit Doppelkameras oder Sendern von Radar-ähnlichen Impulsen ausgestattet waren, die umliegende Objekte erkennen sollten. Diese Systeme waren meist sehr teuer, kompliziert und störungsanfällig.

Shashua und sein Team bei Mobileye suchten nach einem grundlegend anderen Ansatz, um die Schwächen der Vorgängersysteme zu vermeiden. Im Gegensatz zu anderen Anbietern entschied sich Amnon Shashua, nur eine einzelne Kamera für sein Fahrassistenzsystem zu verwenden:

Wir wussten, dass auf Vision basierte FAS die Verkehrssicherheit
revolutionieren könnten. Wir waren entschlossen, das System mit einer
einzigen Kamera zu perfektionieren, weil wir das Veränderungspotenzial
dieses völlig anderen Ansatzes erkannten.
[..] Obwohl es nicht intuitiv klingt, eine einzige Kamera bei
Prozessen einzusetzen, die das menschliche Gehirn nachahmen, wird das System damit nicht nur kostengünstiger, sondern funktioniert auch
besser als mit einer Stereokamera, die sich hauptsächlich auf
geometrische Triangulation stützt.

Das System von Mobileye nutzt eine nach vorne gerichtete Kamera, welche in die Windschutzscheibe integriert ist und mit einer einzigen Linse die Fahrbahn scannt. Die Aufnahmen werden an einen Computerprozessor im Fahrzeug übertragen, der mithilfe künstlicher Intelligenz die Straßeneigenschaften erkennt. Die Technologie nutzt diese Daten, um Hindernisse in Echtzeit vorherzusagen, den Fahrer davor zu warnen oder Sicherheitsbefehle für eine automatische Reaktion direkt an das Fahrzeug weiterzuleiten.

Bereits ein Jahr nach Unternehmensgründung hatte sich Mobileye zahlreiche Erfindungen zum Berechnen von Kollisionszeiten und zum Reduzieren von Messstörungen patentieren lassen.

Der Aufstieg

Die Fahrbahn zu erfassen war dabei nur der Anfang. Im Jahr 2002 entwickelte Mobileye zusammen mit BMW ein System, um automatisch Verkehrszeichen zu erkennen. Zwei Jahre später folgte mit EyeQ1 die Entwicklung eines Ein-Chip-Systems mit verbesserten Sicherheitsfunktionen. Dazu zählt die automatische Erkennung von anderen Verkehrsteilnehmern, wie zum Beispiel Motorradfahrern oder Fußgängern. Dank weiterer Verbesserungen in der Software, höherer Rechenleistung und leistungsfähigeren Kameras konnte das Mobileye-Team seine Systeme stetig weiter ausbauen und neben BMW schnell weitere große Automobilhersteller wie General Motors und Volvo als Kunden gewinnen.

Dieser Erfolg blieb auch den Investoren nicht verborgen: So konnte Mobileye im Jahr 2007 die erste große Finanzierungsrunde über 130 Millionen US-Dollar mit Goldman Sachs abschließen. In den Folgejahren setzte Mobileye sein Wachstum fort und konnte weitere namhafte Automobilhersteller als Neukunden gewinnen. Zwei Jahre später folgte die nächste Finanzierungsrunde über 400 Millionen US-Dollar, an der sich neben Goldman Sachs unter anderem auch die US-Investmentbank Morgan Stanley beteiligte.

Im Jahr 2014 landeten Amnon Shashua und sein Team mit dem Börsengang von Mobileye einen weiteren Coup: Mit dem Listing der Aktie an der New Yorker Börse erlöste das Unternehmen auf einen Schlag 890 Millionen US-Dollar. Damit war die Erstnotierung von Mobileye der bislang größte Börsengang eines israelischen Unternehmens in den USA.

Doch damit war für Amnon Shashu und Mobileye der Gipfel des  Erfolgs noch lange nicht erreicht. Dank der Erlöse aus seinem Börsengang konnte das Unternehmen ungebremst expandieren und sich auf die Entwicklung von autonomen Technologien konzentrieren. 2015 knackte Mobileye schließlich eine besondere Marke und lieferte die 10.000.000 (zehnmillionste) Einheit seines Chip-Systems aus. Zu dieser Zeit hatte Mobileye bereits 25 Automobilhersteller weltweit unter Vertrag, darunter auch die Volkswagen Gruppe, Ford und Tesla.

Im August 2017 gelang Professor Amnon Shashua schließlich der nächste rekordverdächtige Coup: Er verkaufte Mobileye an den US-amerikanischen Chip-Giganten Intel für 15,3 Milliarden US-Dollar - die bislang größte Übernahme eines israelischen Unternehmens. Zu diesem Zeitpunkt kontrollierte Mobileye rund 70 Prozent des Weltmarkts für Hinderniserkennungssoftware.

Inzwischen hat Mobileye seinen Marktanteil auf 90 Prozent ausgebaut und mit insgesamt 1.000 Angestellten seine Mitarbeiteranzahl verdoppelt. Darüber hinaus hat Mobileye international über 150 Patente angemeldet.

Auf dem Weg zu neuen Gipfeln

Der globale Markt für Fahrassistenzsysteme ist weiter auf Wachstumskurs. Neben dem Einsatz in Personenkraftwagen sorgen neue Gesetze und steigende Sicherheitsstandards dafür, dass Fahrassistenzsysteme auch zunehmend in Nutzfahrzeugen eingesetzt werden. Die Systeme führen nicht nur zu mehr Sicherheit, sondern auch zu kürzeren Reisezeiten, Kraftstoffeinsparungen und zu einer Senkung der CO2-Belastung.

Anfang Mai 2020 übernahm Intel für 900 Millionen US-Dollar den israelischen Mobilitätsdienstleister Moovit. Der Routen- und Reiseplaner soll in Mobileye integriert werden und neue Geschäftsmodelle ermöglichen, wie zum Beispiel den Ausbau von Services rund um selbstfahrende Taxis.

Diese Maßnahmen ebnen Mobileye auch den Weg, um eine führende Position in der Entwicklung von Technologie für autonome Fahrzeuge einzunehmen. Bis 2030 soll der Markt laut Statista weltweit ein Volumen von bis zu 270 Milliarden US-Dollar erreichen. Mehr als ein Dutzend Automobilhersteller kooperieren bereits mit Intel und Mobileye bei ihrer Entwicklung für autonome Fahrzeug-Technologie.

Die wichtigste Motivation für Amnon Shashua und das Mobileye-Team besteht allerdings darin, weiterhin Verkehrsunfälle zu verhindern und die Zahl der Verkehrsopfer zu reduzieren:

Die technologischen Fortschritte der letzten zehn Jahre haben gezeigt,
dass die meisten Verkehrsunfälle vermieden werden können. Wir sind
stolz darauf, dass unsere Entwicklungen zu einer neuen Realität bei
Sicherheitssystemen in Autos beitragen. Wir werden in unseren
Bemühungen auch nicht nachlassen bevor nicht alle Fahrzeuge mit der
lebensrettenden FAS-Technologie ausgerüstet sind.

Doch Amnon Shashua hat noch weitere Ziele: Neben Mobileye gründete er 2010 ein weiteres Start-up, das eine digitale Sehhilfe mit künstlicher Intelligenz entwickelt und vermarket, mit der Blinde und Sehbehinderte wieder lesen können. Die aktuelle Version des Produkts ""OrCam MyEye 2.0" ist nicht größer als ein USB-Stick, wiegt nur 25 Gramm und kann an jeder handelsüblichen Brille befestigt werden. Anfang 2018 konnte OrCam bei einer Finanzierungsrunde 30,4 Millionen US-Dollar einsammeln und wurde offiziell mit einer Milliarde US-Dollar bewertet. Damit schaffte es Amnon Shashua, auch sein zweites Start-up zu einem erfolgreichen Unicorn zu machen.

Ist Amnon Shashua nun auf dem Gipfel seines Erfolgs angekommen? Nicht wenn es nach dem umtriebigen Professor geht: Im Mai 2020 kaufte Shashua alle Anteile von Israels erster Digital Bank. Zuvor hatte die Bank im September 2019 die erforderliche Zulassung von der zuständigen Bankenaufsicht erhalten - als erste neue Bank in Israel seit 40 Jahren. Auch wenn die Digital Bank operativ noch nicht tätig ist, hat Shashua den Start des regulären Geschäftsbetriebs bereits für das zweite Halbjahr 2021 angekündigt und sich zu seinem neuesten Coup geäußert:

Die Digital Bank bietet eine einmalige Chance  für eine signifikante Transformation der Wirtschaft.

Amnon Shashua hat also offensichtlich weiterhin Großes im Sinn. Es sollte einen nicht verwundern, wenn er die Digital Bank in den nächsten Jahren zu einem weiteren Unicorn mit Milliarden-Bewertung aufbauen würde - aller guten Dinge sind bekanntlich drei!

Gregor Puchalla

Gregor Puchalla ist Gründer und Geschäftsführer von fintechcube. Zukunftstrends sind seine Leidenschaft. Gregor hat 15 Jahre Erfahrung auf operativer und strategischer Ebene im Bereich Digitalisierung