VR Made in Europe - Im Porträt: Varjo Gründer Niko Eiden und Urho Konttori

Next Big Think Aug. 07, 2020

Bei der Produktentwicklung und beim Produktdesign zählen bereits heute viele Unternehmen auf die Unterstützung von Virtual Reality (VR). VR-Brillen machen es möglich, Produkte zu sehen, bevor überhaupt ein erster Prototyp gebaut wurde. Das Start-up “Varjo” will nun Produkte von Morgen nicht nur virtuell sichtbar, sondern virtuell erlebbar machen.

Mit Varjos Virtual und Mixed Reality Systemen kann unsere reale Umgebung gemischt mit virtuellen Elementen hochauflösend und detailgetreu erkundet werden. Entwickelt wird diese Technik nicht etwa an der Westküste der USA, sondern in Finnland. Virtual und Mixed Reality Made in Europe – nicht der einzige Grund, einen Blick auf die einfallsreichen Finnen zu werfen.

Die Gründer

Varjo, was auf Finnisch “Schatten” bedeutet, wurde im Sommer 2016 von Niko Eiden und Urho Konttori zusammen mit Klaus Melakari und Roope Rainiste gegründet. Sie alle haben um die Jahrtausendwende in Helsinki technische Fächer studiert, sie alle arbeiteten viele Jahre bei Nokia sowie Microsoft in der Produkt- und Softwareentwicklung.

Investors have realized that ours is quite a unique team! This is thanks to our Nokia-Microsoft history. (Niko Eiden)

Bei Nokia und Microsoft haben aller vier an den Geräten und Softwarelösungen von heute mitgearbeitet, Niko Eiden sogar an der Technologie, die später Microsofts AR-Brille “Hololens” ermöglichte. Neben ihren ähnlichen Lebensläufen verbindet sie aber vor allem eins: ihre Faszination für Zukunftstechnologien.

Nach der Gründung von Varjo wurde Konttori CEO. Eiden konzentrierte sich erst auf seinen neuen Job bei AImotive, ein ungarisches Start-up, das autonome Fahrzeuge entwickelt. Aber schon nach knapp zwei Jahren gab er diesen Job auf, konzentrierte sich auf Varjo und übernahm den CEO-Posten. Konttori war fortan Chief Product Officer (CPO). Die beiden anderen Gründer sind als Chief Design sowie Chief Technic Officer ebenfalls nach wie vor Teil der Unternehmensführung.

Die Anfänge

Eiden und Konttori trieb schon lange eine gemeinsame Idee um:

We had always been talking about that video see-through type of devices could actually combine the best of both worlds of AR and VR devices. (Niko Eiden)

Bei “video see-through", also videobasierten Systemen, sieht der Nutzer seine reale Umgebung, ergänzt durch virtuelle Elemente. Anders als bei Augmented Reality (AR) ist die Umgebung aber nicht durch eine durchsichtige Brille sichtbar. Am Headset ist eine Kamera angebracht, welche die Umgebung des Nutzers filmt und auf einen Bildschirm in der Brille überträgt. Eiden und Konttori waren der Meiung, dass bei dieser Mixed Reality (XR) virtuelle Elemente realistischer mit der echten Umgebung verschmolzen sowie Licht und Schatten besser modelliert werden können. Dadurch würde das Erlebnis für den Nutzer authentischer.

So faszinierend ihre Idee war – die Bedenken waren groß. Regelmäßig bekamen sie zu hören, dass die Verzögerung zwischen der Videoübertragung und den Bewegungen des Nutzers zu groß, die Auflösung der aktuellen Displays auf dem Markt zu gering und die Idee somit nicht umsetzbar sei.

Doch ihre Vision ließ die beiden Finnen nicht los. Im Sommer 2016 verfolgten sie zusammen eine Demonstration der ersten Generation der Hololens, der AR-Brille von Microsoft. Und sie waren sich einig: Das Gerät ist wirklich gut. Aber mit ihrer Technik könnte es noch besser sein. Also setzten sie sich hin und bauten innerhalb von 24 Stunden einen ersten Prototyp. Und mit dem Ergebnis waren sie mehr als zufrieden:

The experience was really magical. (Niko Eiden)

Das sahen nicht nur Eiden und Konttori so, sondern auch die Investoren von Lifeline Ventures. Diese waren richtiggehend enthusiastisch und stellten ihnen 800.000 US-Dollar an Startkapital zur Verfügung.

Der Aufstieg

Den Varjo-Gründern schwebte vor, ein Add-on für bestehende VR-Brillen zu entwickeln und so ihre Vision eines videobasierten Mixed Reality Systems zu ermöglichen. Eine eigene Brille bauen wollten sie eigentlich nicht. Doch schnell merkten sie: Aktuelle VR-Brillen, selbst die Marktführer unter ihnen, verfügen für ihr Vorhaben über eine viel zu niedrige Auflösung.

Nobody had a solution for the next five years that brings the display quality level to a interesting place. So we had to do it ourselves. (Urho Konttori)

Ihr erstes Produkt, das im Frühjahr 2019 auf den Markt kam, war darum eine VR-Brille. Eine VR-Brille, die fast so hochauflösend ist, wie das menschliche Auge. Die Brille verfügt über zwei Displays: Ein Hauptdisplay mit normaler Auflösung und ein hochauflösendes Fokusdisplay. Durch einen optischen Spiegel ergibt sich dem Nutzer ein Gesamtbild. Die Logik dieses Aufbaus ist an die Funktionsweise unseres menschlichen Auges angelehnt: Auch dieses sieht nie die komplette Umgebung scharf, sondern nur jenen Ausschnitt, auf den wir fokussieren.

Ihre VR-Brille kam bei Branchenexperten sehr gut an, Technikjournalisten waren begeistert. Doch mit einem Preis ab 5.000 US-Dollar plus jährlichen Servicegebühren von nochmals knapp 800 US-Dollar war die Brille nicht gerade billig.

We have no plan of lowering the price, and there hasn’t been any indication that we would have to do that. (Niko Eiden)

Denn Varjos VR-Brille ist nicht als Massenprodukt oder Spielzeug für VR-Begeisterte gedacht. Gedacht ist sie für den professionellen Einsatz: überall dort, wo hochauflösende und detailgetreue Ansichten nötig sind. Im Industriedesign, in der Architektur aber auch für Trainingszwecke und Simulationen.

Autofirmen können mit ihr beispielsweise Designs von Prototypen begutachten, ohne dass ein solcher real gebaut werden muss. Dank den hochauflösenden Bildern sind mit der Brille auch kleinste Details wie Schriftzüge oder die Struktur verbauter Materialien am virtuellen Modell sichtbar – mit bisherigen VR-Brillen undenkbar.

Every time we had their industrial design head putting our headset on, it was like „wow, can we have this tomorrow.“ It literally took 2 seconds for them to realize that their world has changed fundamentally. (Urho Konttori)

Architekten können geplante Gebäude betreten und das Spiel von Schatten und Licht sowie den Farben erleben, bevor der Grundstein der ersten Mauer überhaupt gelegt wurde. Und für Flugzeughersteller sind nun Simulatoren möglich, bei denen selbst die Schalterbeschriftung im Cockpit ohne Problem gelesen werden können.

Bei der Entwicklung ihrer VR-Brille arbeiteten Eiden und Kontorri von Beginn an mit unterschiedlichsten Partnern zusammen. Durch Kooperationen mit dem Chiphersteller Nvidia, dem Softwarehersteller Unity oder technicolor, eine Firma, die sich auf die virtuelle Darstellung von Farben spezialisierte, sorgten sie dafür, dass in ihren Brillen “state-of-the-Art" Technologie verbaut wird. Unternehmen wie Audi VW, BMW sowie Airbus und verschiedene Bauunternehmen wurden regelmäßig nach Bedürfnissen und Inputs gefragt.

Auf dem Weg zum Traum der Mixed Reality

Varjos VR-Brillen waren ein Erfolg - für Eiden und Konttori aber nur ein Zwischenschritt zur Verwirklichung ihrer eigentlichen Idee: ein videobasiertes Mixed Reality System. Inzwischen konnten sie über 30 Millionen US-Dollar an Investitionen sammeln, unter anderem durch Atomico und EQT Ventures. Auch aus einem Förderprogramm der Europäischen Union erhielten sie Geld. Für die Weiterentwicklung ihres Produkts standen ihnen somit genügend finanzielle Ressourcen zur Verfügung.

Ende 2019 kam die Entwicklerversion ihres ersten Mixed Reality Systems auf den Markt, bestehend aus ihrer hochauflösenden VR-Brille und einem Add-on. Durch dieses Add-on und entsprechender Software war es ihnen nun möglich, dem Nutzer die reale Welt gemixt mit virtuellen Elementen hochauflösend und detailgetreu darzustellen.

Erneut haben Eiden und Konttori bei der Entwicklung auf Input von außen gesetzt und diesmal eng mit Volvo, die über ihren Tech Fund an Varjo beteiligt sind, zusammengearbeitet

Volvo had a vision of stuff that they wanted to do in the mixed reality space, and our dream of doing mixed reality with a video see-through actually matched. (Niko Eiden)

Volvo verspricht sich von der finnischen Technik eine enorme Beschleunigung ihres Entwicklungsprozesses. Denn Designer und Ingenieure können dank dem Add-on ihre Pläne nun nicht mehr nur hochauflösend virtuell betrachten, sondern diese auch ausprobieren. Sie steigen mit aufgesetzter Brille in ein reales Auto, die Inneneinrichtung wird virtuell ersetzt. Auf einer Teststrecke können sie mit dem Auto losfahren. Die Platzierung von Schaltern und Fahrassistenzsystemen können so unter realen Bedingungen getestet werden.

Nicht nur die Inneneinrichtung, auch die Umgebung des Autos kann virtuell ersetzt werden. Der Fahrer befindet sich so nicht mehr auf der Teststrecke, sondern beispielsweise auf einer kurvigen Waldstrecke. Sieht er das Wildtier rechtzeitig oder verdeckt die neue Platzierung des Navigationsgeräts das Sichtfeld zu stark? Eine Frage, die ohne Varjos Mixed Reality System nur mit dem Bau eines echten Prototyps hätte beantwortet werden können.

Niko Eiden und Urho Konttori haben ihre Vision Realität werden lassen und es geschafft, die Grenze zwischen Realität und virtuellem Raum weiter zu verwischen. Ihre Mission ist damit aber noch nicht abgeschlossen: Sie arbeiten weiter an ihren Produkten und suchen neue Anwendungsgebiete für ihr Mixed Reality System. Und dabei geht es ihnen um weit mehr als nur bessere Technik:

For me, the big thing is to change the way how we work. (Niko Eiden)

Über das Unternehmen:

  • Varjo wurde 2016 von Niko Eiden, Urho Konttori, Klaus Melakari und Roope Rainiste gegründet.
  • Die Finnen entwickelten eine VR-Brille, die so hochauflösend ist wie das menschliche Auge.
  • Die Mixed Reality Systeme werden vor allem im professionellen Kontext, beispielsweise in der Architektur oder beim Produktdesign eingesetzt.

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Dominic Hauser

Dominic Hauser ist Redakteur bei fintechcube. Davor war er in Bern als politischer Redakteur tätig und beschäftigte sich nach seinem Umzug nach Berlin mit der Digitalisierung des Public Sectors.