Virtual Reality Made in Europe - Im Porträt: Oxford VR CEO Barnaby Perks

Next Big Think Juli 24, 2020

Aus einem Bericht der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) im Juli 2019 geht hervor, dass etwa 27,8 Prozent der Erwachsenen in Deutschland von einer psychischen Krankheit betroffen sind. Das entspricht rund 17,8 Millionen Menschen. Gerade einmal 18,9 Prozent von diesen begeben sich in ärztliche Behandlung. Psychische Erkrankungen sind eines der größten Gesundheitsprobleme in Deutschland, werden jedoch unterschätzt und bleiben häufig unbehandelt. Auch in anderen europäischen Ländern zeigt sich dieses erschreckende Phänomen.

Der Brite Barnaby Perks hat sich die letzten zwölf Jahre der mentalen Gesundheit verschrieben. Mit seinem Unternehmen Oxford VR ist er ein Pionier der Psychiatrie sowie der Technologie. Das Oxford-Start-up behandelt psychisch-erkrankte Patienten mithilfe von Virtual Reality (VR).

Der Gründer

Barnaby Perks hat zwei Abschlüsse der University of Dundee. Er ist Wirtschaftsingenieur mit Schwerpunkt Maschinenbau und hat Biomedizintechnik studiert. Nach seinem Studium blieb Perks an der Universität, um einen Antrieb für Rollstühle zu entwickeln. Damit begann seine jahrzehntelange berufliche Laufbahn im Gesundheitssektor. Seine Motorlösung verbaute er in den Produkten von Whizz-Kidz, die angetriebene Spezial-Rollstühle für Kinder produzieren. Von 1995 bis 1997 forschte er an der University of Portsmouth an Assistenz-Technologien für Menschen mit Behinderungen. In den darauffolgenden Jahren war Perks in verschiedenen Unternehmen beschäftigt, die sich diesem Bereich widmen. Er entwickelte Kommunikations- und Hilfstechnologien für benachteiligte Menschen im Auftrag von Quest Enabling Designs, Cambridge Adaptive Communication und GEWA.

In den nächsten zwölf Jahren spezialisierte er sich auf Digital Health und die Mentalgesundheit.

Mental health is a growing concern in our society.

Um dem Problem der wachsenden psychischen Erkrankungen entgegen zu treten und mehr Menschen Behandlungsmöglichkeiten zu bieten, gründete Perks im Jahr 2011 Ieso Digital Health. Ieso Digital Health ist eines der führenden Unternehmen für kognitive Verhaltenstherapie im Netz. Jährlich behandelt Ieso Digital Health 15.000 Patienten online.

Around one in four of us will experience a clinical psychological disorder at some point in our lives.

Perks leitete Ieso Digital Health sieben Jahre als CEO und widmete sich dann einem neuen Projekt. Seit 2018 ist er für Psynomics tätig. Psynomics ist eine Ausgründung der University of Cambridge für Digital Profiling. Das Unternehmen kombiniert digitale und biologische Werkzeuge, um möglichst schnell zu einer guten Diagnose für psychische Erkrankungen zu gelangen. Das Unternehmen bietet beispielsweise Gen-Tests an, die gegebenenfalls Hinweise auf bipolare Tendenzen geben und vergleicht die Profile mithilfe von künstlicher Intelligenz mit den neusten Erkenntnissen der Forschung. So kann in kürzester Zeit eine zuverlässige Diagnose gestellt und eine Behandlung begonnen werden.

You can’t be healthy without mental health.

Die Anfänge

Die treibende Kraft von Oxford VR war am Anfang allerdings nicht Perks, sondern Daniel Freemann, Professor für klinische Psychologie und heute Chief Clinical Officer von Oxford VR. Freeman ist Berater für klinische Psychologie des Oxford Health NHS Stiftung Trust und leitet das Virtual Reality Labor für psychische Störungen an der University of Oxford. Professor Freemann hat sich vor allem auf Wahn und Halluzinationen spezialisiert und war an über 15 klinischen Studien zu dieser Thematik beteiligt.

Vor der Gründung hat Freemann 18 Jahre lang den Einsatz von Virtual Reality zur Behandlung von psychischen Krankheiten erforscht, worauf die Oxford VR-Therapie basiert. Im November 2016 wurde das Start-up der University of Oxford ausgründet. Perks hatte seit Jahren Firmen im Gesundheitssektor groß gemacht und brachte seine jahrzehntelange Erfahrung in das junge Unternehmen ein. Perks war bereits frühzeitig engagiert und ist Co-Gründer des Unternehmens.  Im März 2018 wurde er zum CEO von Oxford VR ernannt.

Beide Gründer verstehen Oxford VR als “Tech For Good”- Unternehmen. Wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse kombiniert mit neuster Technologie sollen eingesetzt werden, um kostengünstige Behandlungsmethoden für eine breite Masse zur Verfügung zu stellen. Dabei verfolgen die beiden Gründer einen nutzerzentrierten Ansatz. In der immersiven VR-Anwendung tauchen die Patienten mittels VR-Brille in eine virtuelle Welt ein, in der sie mit Trigger-Situationen konfrontiert werden. Das bedeutet, sie werden in Alltagsszenarien versetzt, die ihnen Probleme bereiten.

What are the triggers? How do I identify these triggers? And how do you stop yourself in responding in that way?

Durch die VR-Anwendungen können sie in einer realistischen Umgebung üben, wie sie sich in solchen Situationen verhalten, ohne tatsächlich Gefahren ausgesetzt zu sein.

The problem is for all of these you usually have to go out to the real world and take a real risk und a real situation to overcome these fears. Imagine you could take this risk without taking any risk at all.

Dabei werden die Patienten von der virtuellen Coachin “Nick” unterstützt, die sie durch die virtuelle Welt begleitet und Tipps an die Hand gibt. Der Patient geht durch verschiedene Sequenzen mit steigender Intensität. Das System ist zur Verhaltenstherapie entwickelt worden und kann als Ergänzung zur psychotherapeutischen Behandlung betrachtet werden. Patienten lernen, mit ihren Ängsten und sozialen Situationen besser umzugehen. Dabei hilft ein mentales Paradox. Perks erklärt, dass sich die Patienten, ausgestattet mit VR-Headset, in der virtuellen Umgebung unwohl fühlen und ihre Ängste spüren. Zeitgleich ist ihnen jedoch bewusst, dass sie sich in einem Labor befinden und lediglich eine VR-Brille tragen.

This paradox enables us to do a really clever thing. We can mimic the challenges of the  real world, we can deconstruct them and we can understand that the intrusive thoughts aren’t helpful.

Der Aufstieg

Die erste VR-Therapie-Applikation haben Perks und Freeman zur Behandlung von Höhenangst entwickelt. Die Oxford Sciences Innovation, die University of Oxford, die Healthcare Capital Partners und weitere Geldgeber haben für die erste Therapie-Anwendung insgesamt 4 Millionen US-Dollar in das Start-up investiert. Im Jahr 2018 wurde die Anwendung im Rahmen einer großen Kontrollstudie getestet und die Ergebnisse im bekannten Wissenschaftsmagazin Lancet Psychiatrie publiziert. Die Oxford VR-Therapie für Höhenangst ist mittlerweile eine zugelassene Behandlungsmethode des britischen National Health Services. Gründer Freemann gibt an, dass die Höhenangst-Therapie bei 68 Prozent der Patienten erfolgreich verlief.

Nach der ersten gelungenen Therapie-Anwendung spezialisierte sich das Unternehmen auf die Behandlung von Psychosen. Der Ansatz war es nicht, die Psychose an sich, sondern die Symptome zu behandeln. In Zusammenhang mit einigen Erkrankungen tritt beispielsweise soziale Isolation auf. In der virtuellen Welt müssen die Patienten in verschiedenen sozialen Situationen agieren und den Umgang mit ihrer Krankheit lernen.

In einer weiteren Finanzierungsrunde zu Beginn des Jahres 2020 wurde das größte Investment in Oxford VR getätigt, das es jemals in Großbritannien und Europa für VR-Therapien gab. Für die Weiterentwicklung ihrer VR-Therapien und die Expansion in die USA sammelten Perks und Freemann 12,5 Millionen US-Dollar ein. Insgesamt leiden 26 Millionen Amerikaner an Verhaltensstörungen und sind nicht in Behandlung. Mittels neuer VR-Therapien soll ihnen eine Behandlungsoption geboten werden. Oxford VR will außerdem Depressionen, weitere Angststörungen und posttraumatische Belastungsstörungen mit adaptierten Methoden therapieren.

Im Zuge der Corona-Krise hat sich das Unternehmen noch einmal umorientiert. Der Lockdown war für viele Menschen eine enorme psychische Belastung. Oxford VR will Behandlungen anbieten, die Patienten Zuhause durchführen können. Dazu ist im Sommer eine Kontrollstudie an der Chinese University of Hong Kong in Kooperation mit AXA Hong Kong geplant. Weitere Kontrollstudien in den USA sollen folgen.

Oxford VR haben es sich zur Mission gemacht, die Welt mit Virtual Reality gesünder zu machen. Die virtuelle Umgebung bietet eine besondere Möglichkeit des Verhaltenstrainings. Patienten können in den virtuellen Szenarien großen Fortschritte machen. Die sonst sehr kostenintensive Psychotherapie wird damit für eine breitere Masse an Menschen geöffnet. Perks, der sein Leben der Gesundheit verschrieben hat, hat damit die Welt der Psychotherapie nachhaltig verändert und vielleicht einen entscheidenden Teil zur Lösung der steigenden psychischen Erkrankungen auf der Welt geliefert. Es bleibt spannend zu beobachten, ob sich die VR-Therapie in den Gesundheitssystemen etabliert. Gehört VR-Therapie auch in Deutschland bald zum Handwerkszeug der Psychotherapie?

Über das Unternehmen

  • Ausgründung der University of Oxford und existiert seit 2017
  • Unternehmen entwickelt Anwendungen für die Verhaltenstherapie mit Virtual Reality
  • Eines der wichtigsten Unternehmen in der VR-Therapie

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Sarah Kolberg

Sarah Kolberg ist Redakteurin bei fintechcube und hat sich in ihrer bisherigen Laufbahn vor allem mit der digitalen Transformation im Public Sector beschäftigt.