Virtual Reality Made In Germany - Im Porträt: Icaros Gründer Johannes Scholl und Michael Schmidt

Next Big Think Aug. 14, 2020

Das Fliegen lernen

Wann waren Sie das letzte Mal im Fitnessstudio? Joggen? Ein paar Kniebeugen? Eine Statista-Studie aus dem Jahr 2019 zeigt: Jeder dritte Deutsche hat mit Sport nichts am Hut! Sollte Ihr letztes Workout also eine Weile her sein – Sie sind nicht allein! Wie könnte man die Menschen zu mehr Sport motivieren und Bewegung spaßiger gestalten? Das fragten sich die beiden Münchner Johannes Scholl und Michael Schmidt. Sie haben das Start-up Icaros gegründet. Sie entwickeln Sportgeräte, die Bewegung mit Virtual Reality (VR) kombinieren.

Die Geburtsstunde von Icaros

Johannes Scholl studierte an der Hochschule der Bildenden Künste in Saarbrücken. Während seines Studiums arbeitete er bei der Münchner Design-Agentur Hyve. Sein Vorgesetzter war sein späterer Mitgründer, Michael Schmidt. Schmidt leitete das Unternehmen damals seit 15 Jahren. Scholl war angehender Industriedesigner. Die beiden Entrepreneure trennt ein Altersunterschied von 20 Jahren. Im Jahr 2011 wollte Scholl im Rahmen seiner Diplomarbeit ein Sportgerät gestalten.

Ich wollte etwas für Leute entwickeln, die Geräte in klassischen Fitnesscentern langweilig finden.

Im Jahr 2012 machte Scholl seinen Abschluss, doch die Idee lebte weiter. An den Wochenenden und Feiertagen bastelten Schmidt und Scholl an einem Sportgerät, das die Menschen fliegen lassen sollte.

Der erste ICAROS war ein Design-Konzept – Future Studies. Wir dachten: Vielleicht kommt ja einmal Virtual Reality und dann machen wir das. Dass es anderthalb Jahre später wirklich so weit war, konnten wir damals nicht ahnen.

Im Mai 2015 stellten sie auf der Digitalkonferenz Re:Publica ihre Idee vor. Die Besucher waren hellauf begeistert. Nach all der positiven Resonanz entschieden sich Scholl und Schmidt, ihre Idee umzusetzen und gründeten im gleichen Jahr Icaros.

Nie zu nah an der Sonne fliegen

Namensgebend für das Start-up ist ein Held der griechischen Mythologie: Ikarus.

Sein Vater, Erfinder und Baumeister Dädalus, schuf Flügel aus Federn und Wachs, die er an einem Konstrukt aus Stangen befestigte. Dies erlaubte Ikarus zu fliegen wie ein Vogel. Doch Ikarus wollte zu hoch hinaus und flog zu dicht an der Sonne, sodass das Wachs zu schmelzen begann und er ins Meer hinabstürzte. Die Gründer haben einen Flugsimulator entwickelt, der dem Nutzer das Gefühl gibt, wie Ikarus fliegen zu können. Nur eben ohne die Absturzgefahr.

Man liegt horizontal in der Plank-Position auf dem Gerät. Das heißt, Oberschenkel und Unterarme stützen auf einem Metallgestell auf, der Rumpf ist in einer graden Linie. Der Nutzer fliegt durch virtuelle Landschaften, bekämpft Drohnen und absolviert Verfolgungsjagden. Während des gesamten Fluges muss er Windstöße und Hindernisse aus eigener Kraft ausbalancieren. Das Gerät ist mit Bewegungssensoren ausgestattet und agiert als eine Art Ganzkörper-Spielecontroller: ein unterhaltsames Work-Out.

Durch das Netzwerk von Hyve konnten Scholl und Schmidt in Windeseile einen Prototyp entwickeln. Das gesamte Produkt ist Made in Germany: Die Elektronik stammt aus Düsseldorf, die Gehäuse aus Nürnburg, die Fertigung erfolgt im Allgäu. Vorerst kombinierte Icaros seinen Flugsimulator mit der VR-Brille Samsung Gear.

Die waren bei der Verfügbarkeit einfach die Schnellsten.

Ihr Fitnessgerät kann jedoch mit allen VR-Brillen kombiniert werden. Bald schon folgte eine Version mit der Oculus Rift. Schmidts Design-Agentur gab Icaros seine Flügel in Form eines Startkapitals von 300.000 Euro. Darüber hinaus wurden sie für die Entwicklung des Produkts von Freunden und Familie mit weiteren 300.000 Euro unterstützt.

Der Höhenflug von Icaros

Der Icaros-Flugsimulator wurde weltweit auf Messen ausgestellt und von zahlreichen Veranstaltungen honoriert. Die Sportmesse Ispo  zeichnete das Gerät im Jahr 2016 als “beste Neuheit” aus. Im ersten Quartal des Jahres verkauften die beiden Gründer knapp 60 Geräte.

Unsere Kunden reichen von Vergnügungsparks bis zu Fitnesscentern.

Der Stückpreis für Geschäftskunden liegt bei 10.000 Euro, darunter MediaMarkt, Samsung, Telekom, Lufthansa oder Red Bull. Die Patente im amerikanischen, japanischen und chinesischen Markt haben Scholl und Schmidt vorsorglich angemeldet, nachdem erste Konzerne Interesse an ihrem Gerät bekundet hatten.

Wie auch das Berliner Start-up Lana Labs nahm Icaros erfolgreich am German Accelerator Tech Programm teil, welches durch das Bundesfinanzministerium unterstützt wird und jungen Unternehmen helfen soll, in den amerikanischen Markt einzutreten.

Der Erfolg bei Investoren blieb jedoch vorerst aus. Lange finanzierte sich das Start-up aus den Geldern aus dem Bekanntenkreis der Gründer und ihren Verkäufen. Im Jahr 2018 investiert die Private Venture-Gesellschaft Segnalita aus Tirol in Icaros, nach Angaben der Gründer, einen mittelgroßen siebenstelligen Betrag.

Das Engagement der Segnalita bietet uns dabei die einmalige Chance, die physiologischen Benefits des Icaros-Trainings voll herauszuarbeiten und mit dem Unterhaltungswert der VR-Technologie synergetisch zu verschmelzen.

Das Unternehmen arbeitet an weiteren Szenarien für den Simulator, unter anderem kann man heute auch eine Unterwasserwelt und den Weltraum erkunden.

Das Prinzip funktioniert überall wo Geschwindigkeit und Balance gefragt sind.

Die Software dahinter ist offen. Es ist also denkbar, dass sich bald Entwickler weltweit an die Umsetzung von Spielen für Icaros machen.

Fit und gesund fliegen

Das Unternehmen verkauft mittlerweile auch Geräte für Privatkunden, TÜV-zertifiziert. Kostenpunkt: rund 2.400 Euro. Im November 2018 hat das junge Unternehmen einen VR-Fitness-Shop in München eröffnet. Neben ihrem Fluggerät bietet das Unternehmen mittlerweile auch eine Motorradsimulation an. Das Investment aus Tirol verwendet das Start-up jedoch hauptsächlich für Icaros Health, einer Gerätelinie für therapeutische Zwecke.

Verschiedene Sportuniversitäten haben die Wirksamkeit des Trainings mit der Icaros-Hardware bestätigt. Icaros kombiniert das Beste aus Sport und Gaming und bringt auch Bewegungsmuffel ins Schwitzen. Damit haben die beiden Gründer den Fitness-Markt maßgeblich bereichert. Mit Konsolen wie der Wii U oder der Nintendo Switch ist die Gamification von Bewegung schon in die Wohnzimmer vorgedrungen, jedoch bisher ohne konkreten Trainings-Effekt. Der Fitness-Markt wächst stetig und die beiden Gründer haben eine Nische erschlossen, die bis dato beinahe ohne Konkurrenz ist. Wird die Option zur Virtual Reality im Fitnessstudio bald zum Standard? Es bleibt spannend zu beobachten, wie sich die Sportwelt in den nächsten Jahren verändern wird.

Über das Unternehmen:

  • Wurde 2015 in München gegründet
  • Stellt Fitnessgeräte in Kombination mit Virtual Reality her
  • Hat eine Health-Linie für therapeutische Zwecke entwickelt

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Sarah Kolberg

Sarah Kolberg ist Redakteurin bei fintechcube und hat sich in ihrer bisherigen Laufbahn vor allem mit der digitalen Transformation im Public Sector beschäftigt.