VR-Meetings in der Praxis: der Marktüberblick

Next Big Think Nov. 18, 2020

Kannten Sie anfangs 2020 die Software Zoom? Viele wohl nicht. Mittlerweile ist der Begriff „Zoom-Meeting“ aber ein geläufiger Begriff. In den letzten Monaten haben wir uns daran gewöhnt, statt echten Meetings, Besprechungen über Videokonferenz-Tools wie Skype, Slack oder eben Zoom durchzuführen. Das funktioniert ja alles gut – aber die persönliche Komponente fehlt. Realer könnten virtuelle Meetings durch den Einsatz von Virtual Reality (VR) gemacht werden. Man trifft sich im virtuellen Raum, als ob man wirklich nebeneinandersitzen würde. Das ist Zukunftsmusik und nur für was für Technik-Freaks, denken Sie jetzt vielleicht. Doch weit gefehlt! Bereits heute gibt es gute und vor allem preiswerte Lösungen für VR-Meetings auf dem Markt! Welche? Lesen Sie es in unserem Überblickartikel.  

Hardware: Die passende VR-Brille

Um überhaupt wirklich ein VR-Meeting durchführen zu können, braucht man erstmal eine VR-Brille. VR-Brillen sind Head Mounted-Displays, mit denen der Nutzer abgeschottet von seiner realen Umgebung die virtuellen Welten auf Displays vor seinen Augen sieht. Sensoren registrieren jede Kopfbewegung und übertragen sie in den virtuellen Raum.

VR-Brille ist aber nicht gleich VR-Brille – es gibt verschiedene Modelle. Die simpelste Form ist eine einfache Smartphone-Halterung, die man sich auf den Kopf setzt. Als Display und Sensor dient das eigene Smartphone. Solche Headsets gibt es bereits ab 30 Euro, einfache Modelle aus Karton sind noch günstiger. Es gibt verschiedene Apps, die VR-Videos und -Erlebnisse für das Smartphone anbieten, auch YouTube verfügt über einen VR-Modus. Für den Use Case VR-Meeting ist diese Lösung jedoch nicht geeignet, da entsprechende Software-Lösungen meist nicht über einen VR-Modus für Smartphones verfügen.

Zwar kann man bei vielen Applikationen auch per Smartphone oder Desktop-Version an VR-Meetings teilnehmen. Dann jedoch in einer 2D-Umgebung, in der man sich per Maus und Tastatur bewegt. Das eigentliche virtuelle Erlebnis ist nur mit einem vollwertigen VR-Headset möglich. Neben besserer Bildqualität, exakterer Sensorik und integrierten Kopfhörern, verfügen diese Systeme auch über Handcontroller, die Handbewegung in den virtuellen Raum übertragen.

Bei den vollwertigen VR-Brillen gibt es PC-VR-Brillen und Standalone-Geräte. Letzte funktionieren komplett autark, ein PC wird also nicht benötigt. Die gesamte Technik ist direkt im Headset verbaut. PC-VR-Brillen hingegen funktionieren nur im Zusammenspiel mit einem PC, mit dem sie meist per Kabel verbunden sind. Nachteil ist, dass man wegen des Kabels weniger Bewegungsfreiheit hat. Vorteil hingegen, dass sie meist leistungsfähiger sind, da sie auf die gesamte Rechenpower des externen Geräts zurückgreifen können.

Mehr zu der Funktionsweise von Head Mounted-Displays finden Sie in unserem „Kurz gefasst“.

VR-Brillen auf dem Markt

Mit dem Kauf des Start-ups Oculus im Jahr 2014 hat Facebook den VR-Markt betreten. Marktkenner gehen davon aus, dass der US-Konzern die VR- und AR-Zukunft maßgeblich mitprägen wird. Aktuell hat Facebook mit der Oculus Rift und der Oculus Quest sowohl eine PC-VR-Brille als auch ein Standalone-Gerät auf dem Markt. Die Oculus Rift S gibt es aber nur noch bis 2021 zu kaufen, danach setzen die Kalifornier alles auf die autarke Brille Oculus Quest. Mit dem Oculus Link Kabel kann sie jedoch mit einem PC verbunden und so auch Desktop Applikationen genutzt werden.

Das erste Oculus Quest Modell erschien im Frühjahr 2019, diesen Herbst kam mit der Oculus Quest 2 ein leicht verbessertes Update auf den Markt. Aktuell ist sie in Deutschland wegen Streitigkeiten mit Regulierungsbehörden nicht verfügbar, langfristig sollte sie aber auch hierzulande wieder in den Regalen liegen. Sie weist die typischen Nachteile von Standalone-Geräten auf: Die Hardware ist im Vergleich zu PC-VR-Brillen unterdurchschnittlich, entspricht ungefähr Smartphone-Niveau. Zudem ist der Tragekomfort nicht sehr hoch. Überdurchschnittlich ist gemäß Experten jedoch das Inside-Out-Tracking. Beim Inside-Out-Tracking sind direkt an der Brille mehrere Kameras angebracht, mit denen die Bewegungen wahrgenommen werden. Externe Sensoren im Raum sind nicht nötig. Die Oculus Quest verfügt über Roomscale VR, es werden also nicht nur Kopfbewegungen, sondern auch Bewegungen im Raum wahrgenommen. Mit einem Preis von 299 Euro ist sie im Vergleich zu anderen Modellen zudem relativ preiswert.

HTC vermarktet ihre Angebote unter der Linie HTC Vive. Es handelt sich bei allen Geräten um PC-VR-Brillen, die jedoch mit einem zukaufbaren Wireless-Modul kabellos mit dem PC verbunden werden können.

Für die Heimnutzung oder den geschäftlichen Meeting-Alltag ist die Cosmos-Serie gedacht. HTC wirbt damit, Cosmos sei die erste modulare VR-Brille. Einzelne Leistungen können also jeweils dazugekauft werden, beispielsweise das erwähnte Wireless-Modul. Die Basismodell kostet 779 Euro und verfügt über eine hohe Auflösung sowie laut Testberichten eine sehr gute Bildqualität. Kritisiert wird jedoch das Tracking. Wie die Oculus Quest verfügt sie über Inside-Out-Tracking, das in wenig belichteten Räumen aber sehr schlecht funktioniere. Besseres Tracking bietet hingegen die HTC Cosmos Elite, die für 975 Euro erhätlich ist. Sie verfügt über Laser-Tracking mit externen Basis-Stationen. Dadurch erkennt das System beispielsweise auch, wenn ein Objekt über den Kopf hinweg geschwenkt wird.

Für den professionellen Gebrauch ist die HTC Vive Pro Eye gedacht. Mit 1.365 Euro hat sie einen stolzen Preis, verfügt aber über ein gestochen scharfes Bild und integriertes Augentracking. Augentracking ist beispielsweise für die Marktforschung sehr relevant. Dieses Gerät ist wirklich nur für professionelle Nutzer gedacht und verfügt über Funktionen und Leistungsstärke, die für den Heimgebrauch oder den Office-Alltag nicht notwendig sind.

Neben den zwei großen Unternehmen HTC und Oculus tummeln sich viele weitere Anbieter auf dem Markt. Eine hochklassige, mit 1.079 Euro jedoch auch kostspielige PC-VR-Brille, ist die Valve Index. Sie verfügt über eine sehr gute Bilddarstellung, hohen Tragekomfort und präzises Lasertracking. Eine günstigere Alternative dazu ist die von HP in Zusammenarbeit mit Microsoft und Valve entwickelte HP Reverb, die knapp 650 Euro kostet. Auch sie liefert eine sehr hohe Bildqualität, das Tracking ist jedoch deutlich schlechter. Die meist verkaufte VR-Brille im Jahr 2019 war die PlayStation VR. Mit einem Preis von 299 Euro gehört sie ebenfalls zu den sehr preiswerten Modellen. Jedoch ist sie nur im Zusammenspiel mit der PlayStation 4 zu nutzen und daher vor allem für Gamer attraktiv. Sony hatte zwar vor, weitere VR-Anwendungen zu entwickeln, verfolgt dies aktuell jedoch nicht mit höchster Priorität. High-End-Brillen für Produkt- und Industriedesigner bietet das finnische Unternehmen Varjo. Die Auflösung ihrer Brillen soll so hoch sein wie die des menschlichen Auges. Mit einem Preis ab 5.000 Euro sind sie jedoch definitiv nicht für den einfachen Büroalltag gedacht. Lesen Sie auch unser Porträt über die Gründer von Varjo, Niko Eiden und Urho Konttori.

Software für VR-Meetings auf dem Merkt

Die beste VR-Brille bringt nichts, wenn man nicht über entsprechende Software für VR-Meetings verfügt. Insbesondere im Zuge der Corona-Pandemie haben viele Anbieter ihre Angebote erweitert und bereits erste Beta-Versionen veröffentlicht.

Der dänische Anbieter MeetinVR ermöglicht virtuelle Meetings in unterschiedlichen Räumlichkeiten. Einerseits steht ein medienfreier Raum zur Verfügung, der für fokussierte Meetings mit bis zu sechs Teilnehmern gedacht ist. Anderseits gibt es klassische Meeting-Räume in unterschiedlichem Setting, von der Raumstation bis zum Skyscraper Büro. Bis zu zwölf Personen können am Treffen teilnehmen, über ein TV-Screen können Präsentationen und andere Medien geteilt werden. Zudem gibt es einen Kreativraum für bis zu zwölf Teilnehmer mit mehreren Whiteboards, auf denen Ideen festgehalten werden können. Meeting-Teilnehmer können zudem 3D-Objekte direkt in die Luft zeichnen.

Das Kopenhagener Unternehmen startete im Sommer die offene Betaphase. Die Software kann sowohl mit gängigen VR-Brillen als auch über eine Desktop-App genutzt werden. Verfügt man über das notwendige Zubehör, so werden auch Handgesten und Kopfbewegungen vom digitalen Avatar übernommen. Oculus Quest und Rift S Kunden können MeetinVR 30 Tage kostenlos testen, Käufer einer Varjo-Brille erhalten ein halbes Jahr kostenlosen Zugang. Danach kostet die Anwendung je nach Anzahl Nutzer 25 bis 35 Euro pro Nutzer und Monat.

Spatial ist eine App, die ursprünglich für die Zusammenarbeit mit Augmented Reality (AR) gedacht war, nun aber auch über komplett virtuelle Räumlichkeiten für den Zugang über VR verfügt. In die virtuelle Welt können 3D-Modelle, Videos und Dokumente hochgeladen und zusammen betrachtet sowie bearbeitet werden. Im Vergleich zu anderen Angeboten ist Spatial relativ simpel gehalten, verfügt aber trotzdem über alle Standard-Funktionen. Selbst Handtracking ist mit entsprechendem Zubehör möglich.

Aufgrund der Corona-Krise bietet das US-Start-up ihr Basis-Angebot aktuell komplett kostenlos an. Das Interesse sei seit Beginn der Pandemie um Tausend Prozent gewachsen. Neben der Oculus Quest ist die Nutzung mit verschiedenen AR-Brillen wie der Hololens möglich. Zudem gibt es auch eine Anwendung für den Desktop sowie Smartphones, bei denen sich Nutzer per Webcam zuschalten können.

Die Anwendung Breakroom des Londoner Unternehmens Sine Wave bietet nicht nur Infrastruktur für virtuelle Meetings. In umfassenden virtuellen Welten soll insbesondere der soziale Zusammenhalt des Teams auch während dem pandemiebedingten Home-Office gepflegt werden. Neben Videokonferenz-Tools, Instant-Messaging und virtuellen Meetingräumen gibt es insbesondere soziale Räume. In diesen sind beispielsweise Breakroom-Spiele oder sogar Live-Events wie Konzerte möglich. Mitarbeiter sollen sich so spontan treffen und mit Kollegen plaudern, ohne ein formales Meeting zu haben.

Breakroom kann mit fast allen gängigen VR-Brillen genutzt werden, aber auch mittels PC, Mac oder Android Gerät. Eine Anwendung für iOS Geräte ist in Arbeit. Eine monatliche Lizenz für 50 Nutzer kostet monatlich 500 Dollar, wohltätige Organisationen zahlen die Hälfte. Für Schulen ist die Anwendung kostenlos.

Komplett kostenlos ist die Open Source Anwendung Mozilla Hubs vom Mozilla-Projekt, das vor allem für die Entwicklung des Browsers Firefox bekannt ist. Es können sich vor allem kreative und Technik-affine Leute verwirklichen, indem sie Räume selbst bauen und gestalten. Es stehen jedoch auch m erhere vorgefertigte Räume zur Auswahl.

Vorteil von Mozilla Hubs ist, dass die Anwendung ohne großen Aufwand zu nutzen ist. Die virtuzellen Welten können einfach über das Aufrufen des entsprehcenden Links am PC oder mit der VR-Brille betreten werden. Auch verfügt das Programm über viele für Meetings praktische Anwendugnen. Beispielsweise können 3D-Objekte und andere Medien in die VR-Welt geladen werden. Im Vergleich zu kostenpflichtigen Programmen, die explizit für VR-Meetings entwickelt wurden, sind die Funktionen jedoch teilweise sehr basic und nicht perfektioniert.  

HTC bietet mit der Vive XR Suite eine komplette VR-Umgebung für Unternehmen. In Zusammenarbeit mit weiteren Anbietern bietet sie VR-Lösungen für Kollaborationen, Großevents, Meetings aber auch Kultur und Kunst. Zur Palette gehört auch die HTC-eigene Anwendung Vive Sync für VR-Kollaboration. Mit Vive Sync sind Kreativmeetings, Online-Besprechungen in Klassen, virtuelle Pressekonferenzen und Verkaufspräsentationen möglich. Die digitalen Avatare von bis zu 30 Teilnehmern können sich in den virtuellen Räumen treffen. Zudem können sich 20 weitere Teilnehmer über die Desktop-Applikation zuschalten. Unterstützt wird Ganzkörpertracking und, falls die Brille dazu fähig ist, sogar Augentracking. In die Räume können Dokumente und 3D-Modelle geladen werden, eine Synchronisation über Microsoft OneDrive ist möglich. Möglich ist sowohl ein Meeting-Tisch als auch Hörsaalbestuhlung.

Die Anwendung ist nicht nur für Besitzer von HTC-VR-Brillen möglich, sondern auch mit Brillen anderer Anbieter wie Oculus zugänglich. Ein Zugriff ist auch über den Desktop möglich, jedoch muss der PC ziemlich leistungsfähig sein. Seit April ist die Beta Version kostenlos verfügbar.

Weniger für Meetings und eher für Events gedacht ist AltSpace. Während der Corona-Pandemie fanden mehrere große Veranstaltungen und messen in den VR-Welten von Microsoft statt. Sind sie gut vorbereitet, so können natürlich auch kleinere Meetings in AltSpace abgehalten werden. Jedoch fehlen klassische und praktische Funktionen wie die Möglichkeit, auf virtuellen Whiteboards zu schreiben oder Dokumente gemeinsam zu bearbeiten.Vorteil hingegen ist, dass die Anwendung kostenlos ist und sowohl mit allen gängigen VR-Brillen als auch über den Browser genutzt werden kann.

Ausblick

Der präsentierte Überblick ist bei weitem nicht vollständig. Immer wieder drängen neue Anbieter mit ihren Anwendungen auf den schnell wachsenden Markt und buhlen mit neuen Funktionen um Kundschaft. Neben den klassischen VR-Meeting-Lösungen arbeiten Unternehmen zudem auch am virtuellen Schreibtisch. Mit Infinite Office entwickelt Facebook beispielsweise eine Anwendung, in der man mit aufgesetzter VR-Brille am Schreibtisch sitzt und virtuelle Desktop-Fenster vor sich hat. Durch ein Partnerprodukt von Logitech sollen Nutzer gar ihre tippenden Finger auf der virtuellen Tastatur sehen.

Mit der allgemeinen Entwicklung im VR-Markt wird auch die Grenze zwischen Business-Anwendungen und privaten Funktionen verschwinden. Facebook arbeitet mit der Anwendung Horizon beispielsweise an einer VR-Social-Plattform. In dem VR-Multiverse können sich Menschen in unterschiedlichsten virtuellen Welten treffen: Neben dem gemeinsamen Fußball gucken auf einer virtuellen Couch und dem Besuch einer virtuellen Kneipe sind auch Meeting-Räume angedacht.

Wir stehen am Anfang einer großen Entwicklung, die insbesondere durch die Corona-Krise an Geschwindigkeit gewonnen hat. Unbemerkt von vielen Unternehmen gibt es heute bereits viele Anwendungen auf dem Markt. Einerseits wird unterschätzt, welche Möglichkeiten es bereits gibt. Anderseits ist die erforderliche Hardware für umfassende VR-Meetings noch nicht überall vorhanden. Doch schon in wenigen Jahren werden VR-Brillen wohl massentauglicher und immer mehr Mitarbeiter verfügen über eine VR-Brille – und dem virtuellen Meeting steht nichts mehr im Wege.

Sie wollen in Ihrem Unternehmen VR-Meetings abhalten? Unsere Tipps!

  1. Auf dem Markt gibt es zahlreiche Angebote von VR-Brillen zu ganz unterschiedlichen Preisen. Überlegen Sie sich gut, was für Sie notwendig ist. Eine hohe Auflösung oder gutes Tracking? Machen Sie sich schlau, bevor Sie investieren!
  2. Es gibt unzählige Anwendungen, die VR-Meetings ermöglichen. Sie alle verfügen über die gleichen Grundfunktionen, haben aber verschiedene Zusatzleistungen. Überlegen Sie auch hier gut, welche Funktionen Sie benötigen und scannen Sie den Markt.
  3. Gerade jetzt gibt es von vielen Anbietern Angebote, ihre Anwendungen kostenlos zu testen. Nutzen Sie diese Chance und probieren Sie etwas aus! Viele Anwendungen funktionieren per Desktop-Anwendung, teure Investitionen für VR-Brillen sind also nicht sofort nötig.

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Dominic Hauser

Dominic Hauser ist Redakteur bei fintechcube. Davor war er in Bern als politischer Redakteur tätig und beschäftigte sich nach seinem Umzug nach Berlin mit der Digitalisierung des Public Sectors.